Am Klinikum Böblingen Neuer Chef-Chirurg: „Ich konnte das hier nicht sausen lassen“
Seit April ist Joachim Andrassy Chefarzt der Allgemeinchirurgie am Böblinger Krankenhaus. Damit wandelt der Chirurg auf den Spuren eines Vorfahren.
Seit April ist Joachim Andrassy Chefarzt der Allgemeinchirurgie am Böblinger Krankenhaus. Damit wandelt der Chirurg auf den Spuren eines Vorfahren.
Wenn es eine Stelle gibt, die für Professor Joachim Andrassy maximale Attraktivität hatte, dann wohl die des Chefarztes der Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie in Böblingen. Nicht nur fachlich passt Andrassy mit seiner über zwei Jahrzehnte währenden Erfahrung an jene Stelle, auch emotional hätte es wohl kaum eine geeignetere Person am dortigen Klinikum gegeben. Der Grund liegt in der Geschichte.
1897 nämlich, als am Maienplatz das damalige Bezirkskrankenhaus Böblingen gegründet wurde, gehörte Joachim Andrassys Urgroßvater, der Arzt Karl Andrassy zu den Mitinitiatoren. Für Joachim Andrassy war der biografische Bezug nach Böblingen ein „entscheidender“ Grund, aus der bayrischen Landeshauptstadt hierher zu ziehen, wie er erklärt: „Dieser Aspekt hat meine Entscheidung maßgeblich beeinflusst. Ich konnte das hier nicht sausen lassen.“
Das durchaus anspruchsvolle Bewerbungsverfahren gemeistert – Andrassy war an seiner vorherigen Wirkungsstätte in München besucht und beim Operieren beobachtet worden – übernahm Andrassy zum 1. April den Posten des bisherigen Chefarztes Stefan Benz. Dieser verabschiedete sich nach über 20 Jahren aus dem Klinikum, um sich seinem Start-Up-Unternehmen zu widmen.
Wie sein Vorgänger Stefan Benz kann auch Joachim Andrassy einen großen Erfahrungsschatz in seiner Disziplin vorweisen: „Ich habe 22 Jahre am Klinikum Grohßhadern in München, einem der größten Zentren Deutschlands, gearbeitet, die letzten sechs davon als Leitender Oberarzt. Hier wird das gesamte viszeralchirurgische Spektrum bedient.“ Neben onkologischen Eingriffen in all ihren Facetten auch die Transplantation aller abdomineller Organe. Das wissenschaftliche Fundament Andrassys bildete ein zweijähriges „Postdoctoral Fellowship“ an der University of Wisconsin in den USA. Er betreute über 20 Jahre seine eigene wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die sich thematisch mit Organtransplantation und der Viszeralonkologie befasste.
Dass Andrassy einmal den Weg des Mediziners einschlagen würde, war vorgezeichnet: „Mein Vater war Mediziner, meine Tante ebenfalls. Mein Bruder ist auch Mediziner geworden. Mir war längere Zeit nicht klar, welche Richtung ich in der Medizin einschlagen würde. Zu interessant waren unterschiedlichste Bereiche. Die Entscheidung hatte wohl letztlich mit meiner Tätigkeit bei der Deutschen Stiftung Organspende zu tun. Als studentische Hilfskraft war ich mehrere Jahre an dem Prozess der Organentnahmen beteiligt.“
Weswegen aber hat sich der Medizinersprössling dann letztlich für die Chirurgie entschieden? „Es ist eine abwechslungsreiche Tätigkeit. Man sieht konkrete Ergebnisse und man kann das Wohl des Patienten oft schnell verbessern.“
Menschen bei lebensbedrohlichen Diagnosen zu operieren, bringt eine große Verantwortung mit sich. Und manchmal, so der Chirurg, müsse man auch akzeptieren, dass nicht jede OP das Leben eines Patienten retten könne. „Natürlich sind wir regelmäßig mit schweren Fällen konfrontiert. Die langjährige Erfahrung hilft mir aber beim Umgang mit solchen Situationen“, so der Chefarzt. Als belastend hat der Böblinger seine Profession nie empfunden: „Ich sehe bis zum heutigen Tage die Faszination der Chirurgie.“
Als besonders herausfordernd empfindet Andrassy komplexe Tumor-Operationen. „Diese sind aufwendig und technisch anspruchsvoll“, erklärt Andrassy. Der interdisziplinären Abklärung komme dabei ebenso große Bedeutung zu wie der eigentlichen Operationsplanung. Und müssten immer wieder Entscheidungen ad hoc getroffen werden. „Man muss immer abwägen, wie weit kann man zum Wohle des Patienten gehen“, so Andrassy.
Nach einem Zwölf-Stunden-Tag – etwas, das beim Chefarzt der Chirurgie mit medizinischen und administrativen Aufgaben nicht selten vorkommt – mit Visiten, Operationen und fachlichen Austauschen für den Mediziner vor allem eines wichtig, um am nächsten Morgen wieder ausgeruht zum Dienst zu erscheinen. „Als Ausgleich zu meiner Arbeit tun mir Sport und Fitness gut, vor allem das Laufen. Dadurch komme ich nach fordernden Tagen, an denen ich zum Beispiel lange im OP stand, runter. Das funktioniert bei mir besser, als wenn ich abends die Füße hochlegen würde“, sagt Joachim Andrassy.
Einen Ausgleich wird der Chef-Chirurg am Böblinger Klinikum sicher immer gebrauchen. Auch dann, wenn Hochleistungsgeräte wie der im Klinikverbund Südwest eingesetzte Roboter „Da Vinci“ bei Operationen noch mehr Aufgaben übernehmen wird: „Der technologische Fortschritt durch Robotik und KI wird weitergehen: In absehbarer Zeit werden wir wenn wir sämtliche anatomische Strukturen aus zuvor angefertigten CT-Untersuchungen auf die Bildschirme der OP-Roboter oder gleich auf ‚smart glasses’ in Echtzeit projiziert bekommen.“ Bei aller Innovationsfreude bleibe es dennoch abzuwarten, was davon „sinnvoll und vertretbar einzusetzen sein wird ist“, fügt Professor Andrassy hinzu.
Patienten und Behandlungen
3111 stationäre Patienten und rund 7000 ambulante Behandlungskontakte hat es 2025 gegeben.
Vergleich
Nach der Kardiologie am Klinikum Sindelfingen und der Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Böblingen ist die Allgemeinchirurgie von Professor Joachim Andrassy die drittgrößte Klinik und Fachabteilung im Klinikverbund Südwest.