Am Stammsitz in Waiblingen Auch Stihl baut jetzt Stellen ab

Mit Gartengeräten wie dem Laubbläser hat der Motorsägenhersteller Stihl in der Coronazeit gute Geschäfte gemacht – jetzt sind die Umsatzzahlen deutlich abgeflacht. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Am Stammsitz des Motorsägenherstellers in Waiblingen sollen mehr als 100 Arbeitsplätze wegfallen – allerdings nicht in der Produktion, sondern in der Verwaltung. Der Grund: Die Umsatzzahlen sind deutlich zurückgegangen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Nach den geplanten Stellenkürzungen beim Automobilzulieferer Bosch und dem drohenden Personalabbau bei Tesat in Backnang erschüttert eine dritte Hiobsbotschaft aus der Wirtschaft die Region. Auch der Motorsägenhersteller Stihl setzt beim Personal die Axt an. Am Stammsitz der Weltmarke in und um Waiblingen sollen mehr als 100 Arbeitsplätze wegfallen. Betroffen ist nach Auskunft von Firmensprechern allerdings ausdrücklich nicht die Produktion. Gestrichen werden soll bei Stihl in der auch durch die Umsatzrekorde der vergangenen Jahre zu üppig besetzten Verwaltung.

 

„Wir müssen uns so aufstellen, dass unsere Personalsituation unsere langfristige Wachstumsprognose widerspiegelt“, gibt Stihl-Personalvorstand Michael Prohaska auf Nachfragen zu den Hintergründen zu Protokoll. Die wirtschaftlichen Erwartungen sind seiner Einschätzung nach längst nicht so rosig, wie das Unternehmen unter dem Eindruck der extrem nachfragestarken Corona-Jahre angenommen hatte.

Die wirtschaftlichen Aussichten sind längst nicht mehr so rosig

In der Zeit der Pandemie hatte die Kundschaft dem auf hochwertiges Gartenwerkzeug spezialisierten Hersteller buchstäblich die Bude eingerannt. Die Produktpalette von der benzingetriebenen Motorsense bis zum akkugespeisten Hochentaster erwies sich als Verkaufsschlager – und bescherte dem weltweit fast 21 000 Beschäftigte zählenden Familienunternehmen einen Umsatz von annähernd 5,5 Milliarden Euro.

Inzwischen ist der Boom vorbei, die Verkaufszahlen sind deutlich abgeflacht. Und Stihl muss laut Personalvorstand Prohaska erkennen, dass die einst anvisierte Wachstumskurve aktuell nicht mehr erreichbar ist. Bereits im ersten Halbjahr führte der Motorsägenhersteller in der Produktion teilweise Kurzarbeit ein, seit November läuft im Aluminium-Druckgusswerk in Weinsheim in der Eifel ein Abfindungsprogramm. Weil der Standort auch für die Automobilindustrie fertigt, schlagen die schwachen Absatzzahlen der Branche auf die Bilanz durch. „Das Werk ist aufgrund des Drittkundengeschäfts nochmals deutlicher von der Konjunkturschwäche betroffen als die restliche Stihl-Gruppe“, formuliert der Personalvorstand.

Ein ähnliches Angebot wird nun den Beschäftigten am Stammsitz gemacht. In Abstimmung mit dem Betriebsrat hat das Unternehmen entschieden, die Angebote für eine Altersteilzeit im Jahr 2025 auszuweiten. Außerdem soll es ein Freiwilligenprogramm geben, bei dem den Mitarbeitenden in und um Waiblingen eine Abfindung für das Ausscheiden aus dem Unternehmen angeboten wird. Die Belegschaft wurde am Freitag über das Paket informiert. Betont wird bei Stihl, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben soll. „Das Abfindungsprogramm beruht auf doppelter Freiwilligkeit“, stellt Michael Prohaska klar.

Betriebsbedingte Kündigungen soll es in Waiblingen nicht geben

Durch die Maßnahmen will Stihl die Mitarbeiterzahl „in einem niedrigen dreistelligen Bereich reduzieren“. Geplant ist, das Freiwilligenprogramm bis Ende 2025 umgesetzt zu haben. Eine Abkehr von der bisher gültigen Doppelstrategie für Verbrenner und Akku verbindet das Unternehmen mit dem Personalabbau ausdrücklich nicht. Aktuell haben noch 80 Prozent der Stihl-Geräte einen Benzinmotor, nur jedes fünfte weltweit verkaufte Produkt ist mit einem Akku ausgestattet. Bis 2035 soll sich dieses Verhältnis umgedreht haben. Deshalb wird in Waiblingen massiv in die Entwicklung leistungsstarker Ladelösungen für Akku-Produkte investiert – vor allem für das Profisegment, um ein reibungsloses Arbeiten über den ganzen Tag zu ermöglichen.

Im kommenden Jahr soll am Stammsitz die Produktion eigener E-Motoren starten, 17 Millionen Euro werden in die Fertigung investiert. Die Weiterentwicklung der benzingetriebenen Modelle will Stihl dennoch nicht aus dem Blick verlieren. Laut Stihl-Vorstandschef Michael Traub wird nach wie vor eine „doppelte Technologieführerschaft“ angestrebt – weil es bei der Arbeit im Wald nun mal keine Steckdosen gibt.

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