Was ist der Mensch unter dem Abgrund des Himmels, angesichts der unvorstellbaren Leere des Kosmos, dieser unendlichen Entfernung und Größe? Die Antwort ist leicht: alles. Ist die Astronomin Amena Karimyan eine Heldin? Eigentlich nicht. Eine Frau, die nicht tut, was man ihr sagt, ist sie eher. Doch allein das reicht aus, um sie in einem Land wie Afghanistan in Lebensgefahr zu bringen. Die heute 26-Jährige wurde noch 2021 vom britischen Sender BBC zu einer der 100 inspirierendsten Frauen der Welt gewählt, jetzt ist sie als Flüchtling in Böblingen untergebracht, verloren in einem Land und einer Sprache, die sie noch nicht versteht. Sie spricht Dari, einen Dialekt des Persischen, der in ihrer Heimatstadt Herat gesprochen wird, einer 630 000 Einwohner großen Stadt nahe der Westgrenze zum Iran, dazu etwas Englisch.
Winter 2021: Wir sind in Darmsheim, einem Stadtteil von Sindelfingen, südlich von Stuttgart. „Schreiben Sie: Ich möchte Astronautin werden! Schreiben Sie, ich möchte jede Sternwarte in Deutschland besuchen und einen Broadcast davon machen! Schreiben Sie, ich liebe Gedichte, ich liebe sie genauso wie die Astronomie. Schreiben Sie: Meine Psyche ist unendlich geschädigt.“
In der Schule entdeckt sie die Unendlichkeit
Das Asylbewerberheim in dem 4500-Seelen-Dorf Darmsheim nennt hier jeder das Hotel Panda, weil es wirklich mal ein Hotel war, das so hieß. Über dem Bett von Amena Karimyan hat jemand mit Lippenstift ein rotes Blumenmuster gezeichnet. Das ist der einzige Wandschmuck. Das Zimmer könnte man wohlwollend als deprimierend bezeichnen: Die Möbel sind abgestoßen, die Raufasertapete verkratzt, der Teppich ist von schwarzen Dreckspuren durchzogen. Eine Fensterscheibe ist zersprungen, dahinter ist kein Himmel. Nur der Schatten der Nachbarhäuser.
„Seit ich meine linke und die rechte Hand unterscheiden konnte, habe ich mich für den Kosmos interessiert“, sagt sie. Ihre Eltern gehören zur wohlhabenden Mittelschicht. Sie besuchte die Ingenieurschule in Herat und arbeitet als Bauingenieurin. Doch ihre Liebe gehörte den Sternen. Obwohl das Land eine reiche mittelalterliche astronomische Tradition hat, ist es in der Gegenwart für eine Frau so gut wie unmöglich, sich astronomisches Wissen anzueignen. Mit dem Teleskop in ihrer Schule entdeckte sie die Unendlichkeit dennoch. Doch eine Frau, die nicht tut, was erwartet wird, nämlich Männer zu versorgen und Kinder zu bekommen, ist in Afghanistan verdächtig.
Amena Karimyan vergräbt ihr Gesicht in den Kragen einer grauen Filzjacke, sie hat sich in ein Tuch gehüllt mit den Farben der untergegangenen Islamischen Republik Afghanistan. „Ich liebe die Gestirne alle“, sagt sie, „egal ob den Andromedanebel oder den Crab-Nebel“ oder den Saturn mit seinen rätselhaften Ringen.
Das Teleskop liegt halb ausgepackt am Boden
Sie gründete die Kayhana, „das kleine Universum“ zu Deutsch, die erste astronomische Gesellschaft für Frauen in Afghanistan. 75 Frauen waren Mitglieder, wenige Männer tatsächlich auch. Amena Karimyan und ihre Clubmitglieder gingen in Schulen und zeigten den Kindern anhand von selbst gebastelten Modellen, wie sich die Planeten um die Sonne bewegen.
Die Kayhana wurde 2021 in das Projekt Telescopes for all der Internationalen Astronomischen Union (IAU) aufgenommen. Die IAU schickte Amena Karimyan ein Teleskop, beschriftet mit den Unterschriften von Nobelpreisträgern. Halb ausgepackt liegt es heute auf dem Boden, es ist nutzlos in diesem zugebauten Asylbewerberheim.
Die internationalen Medien werden auf die Kayhana aufmerksam, Amena Karimyan ist die Art von Heldinnen, die der Westen braucht. Nachdem die BBC und die „Zeit“ über sie berichtet haben, nimmt die Grazer Journalistin Evelyn Schalk Kontakt zu ihr auf. Sie besorgt ihr Einladungen von der Karl-Franzens-Universität Graz und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das Visum für Österreich ist ihr damit sicher, glaubt sie. Denn die Lage in Afghanistan wird immer unsicherer.
Die Taliban erreichen Herat am 12. August. Die Familie Karimyan, die Eltern mit den sechs Töchtern, flieht nach Kabul, ist aber nicht in Sicherheit. Am 15. August 2021 nehmen die Taliban Kabul ein. Kein Tag vergeht ohne Hiobsbotschaften. Gerüchte gibt es unzählige, sie tun ihre Wirkung: Sie zermürben die Menschen, die ohnehin schon um ihr Leben bangen, noch weiter. Sie schüren Misstrauen und Furcht.
„Wir sind alle in Panik, ganz Kabul ist wach“
Am 24. August wagt Amena Karimyan den ersten Versuch, über die Grenze zu kommen. Doch der Fahrer, den Evelyn Schalk über private Kontakte von Österreich aus um die halbe Welt herum organisiert hat, wartet vergeblich. Die Taliban lassen Amena Karimyan nicht nach Pakistan.
Am 30. August 2021 hebt die letzte US-Maschine vom Flughafen in Kabul ab, der Luftraum ist jetzt unkontrolliertes Territorium. In der Nacht blitzen einzelne Lichter am Himmel auf, deutlich sind Schüsse und Explosionen zu hören.
In jener Nacht schreibt Amena Karimyan: „Wir sind alle in Panik, ganz Kabul ist wach. Überall wird geschossen. Rund um den Flughafen fliehen die Menschen aus ihren Häusern, aber keiner weiß, wohin. Es ist schlimmer als je zuvor. Die Taliban feiern mit dem Blut der Menschen.“
Hilfe aus Österreich
Die österreichische Botschaft handelt für Amena Karimyan ein pakistanisches Visum aus. Am 5. September holt sie das Papier am Schalter der pakistanischen Botschaft in Kabul ab. Zum ersten Mal hat sie eine greifbare Hoffnung.
Kurz darauf macht sie sich ein weiteres Mal auf den Weg zur Grenze. Diesmal hat sie einen „Letter of Protection“ der österreichischen Botschaft im Gepäck, in dem steht, dass „ein Visum zur Einreise nach Österreich an der österreichischen Botschaft Islamabad“ bereitliege.
Die Grenzer scheren sich nicht um das Papier. Als Amena Karimyan am 9. September in Torkham das Land verlassen will, schicken sie die Taliban zurück, beschimpfen sie und drohen ihr Gewalt an. Stundenlang wartet sie in brütender Hitze, den ganzen Körper verhüllt. Die österreichische Botschaft bereitet unterdessen eine „Note Verbale“ vor, mit der die Autoritäten dringend gebeten werden, sie als „Bürgerin, die eine österreichische Aufenthaltserlaubnis bekommen wird“ über die Grenze zu lassen. „Die österreichischen Behörden übernehmen die volle Verantwortung, dass Frau Karimyan Pakistan in kürzestmöglicher Zeit verlässt“, steht in dem Schreiben.
Die Wochen in Islamabad
Es wird Abend. Sie bezieht Quartier in einem Guesthouse. Die Taliban gehen von Tür zu Tür, lärmen, drohen. Amena Karimyans Gedanken wandern in dieser Nacht zu den Büchern, die sie gelesen hat, zur Kayhana, der Begeisterung der Mädchen. Um 4 Uhr ist sie immer noch wach.
Um 6 Uhr früh bricht Amena Karimyan wieder zu den Grenzposten auf. Jetzt drängen sie die Taliban mit vorgehaltenen Waffen zurück. Ein Posten hält ihr das Gewehr an die Schläfe und droht abzudrücken, wenn sie auch nur einen Schritt weiter gehe. Ein Taliban schlägt mit der Peitsche zu. Sie zittert am ganzen Körper, Tränen der Angst und der Verzweiflung, sie gibt nicht auf. Am späten Vormittag nehmen die Taliban sie zu ihrem Chef mit, nehmen die Daten auf, scannen ihre Papiere. Dann darf sie los.
Auf der pakistanischen Seite hat auch diesmal ein Fahrer seit dem Morgen auf sie gewartet, der sie nach Islamabad bringt. Sie ist zum ersten Mal außerhalb Afghanistans, und sie ist ganz allein. Die pakistanische Landessprache Urdu spricht sie nicht. Wieder ist es ihre Leidenschaft für die Weiten des Weltalls, die ihr Mut gibt: Amena Karimyan verschafft sich einen Überblick über astronomische Institutionen in Islamabad und trifft sich schließlich mit einer Gruppe pakistanischer Astronomen zur nächtlichen Sternenbeobachtung.
Elfriede Jelinek stellt sich auf ihre Seite
Drei Tage nach ihrer Ankunft in Islamabad erhält sie ihren ersten Termin bei der österreichischen Botschaft, es ist der 16. September. Sie soll weitere Dokumente nachreichen. Mitte Oktober wird ihr Antrag auf ein Visum abgelehnt. Die Begründung: Ihre Ausreise nach Ablauf des Visums aus Österreich sei nicht gesichert.
Für die österreichischen Behörden ist dies ein ziemlicher PR-GAU, denn nun beginnen österreichische Intellektuelle, sich mit Amena Karimyan zu solidarisieren. Evelyn Schalk nutzt ihre Kontakte, bringt eine Petition auf den Weg. Sogar die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die Grande Dame der österreichischen Literatur, schreibt ein Statement: „Das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann, ist, einem Menschen, der am Ertrinken ist, die Hand hinzuhalten und sie dann im letzten Moment doch noch wegzuziehen. Das hat das österreichische Außenministerium mit Amena Karimyan gemacht.“ Es nützt nichts.
Unterdessen harrt Amena Karimyan in Pakistan aus. Sie sagt: „Ich lebte an unbekannten Plätzen, wo mich niemand kannte. Aber unglücklicherweise wurde ich verfolgt und musste in vier Monaten meinen Wohnort sechsmal wechseln.“ Sie sagt nicht, wer sie verfolgt, vielleicht spricht sie verklausuliert von ihren seelischen Traumata. Sie hat kaum Ersparnisse, nur einen Koffer mit zehn Büchern drin.
Die erste Astronautin aus Afghanistan?
Schließlich schafft sie es, ein Touristenvisum nach Deutschland zu bekommen, fliegt nach Düsseldorf und gelangt nach Böblingen. Sie zieht zwei fette Briefumschläge aus ihrem Notizbuch, darin sind alle Dokumente, die sie hat, und auch mehrere Zettel: „Ich bin Bauingenieurin“, steht in deutscher Sprache darauf, „Ich bin seit 6. Dezember 2021 in Deutschland“ und auf einem letzten Zettel: „Der Regen, der Schnee.“
Ein Jahr ist vergangen, die Erde hat sich einmal um die Sonne gedreht. Seit geraumer Zeit ist Amena Karimyan von Darmsheim nach Böblingen gezogen. Ein schönes Zimmer mit Balkon. Alle Wände sind weiß, ein Teleskop steht darin und ein zerlegtes Schlafsofa. Auf den weißen Schrank hat sie Stofftiere gesetzt. Sie geht barfuß, wie es Sitte ist in ihrer Heimat. Mittlerweile ist sie Mitglied der Berliner Wilhelm-Foerster-Sternwarte geworden. Sie möchte ein Studium der Astronomie und Astrophysik aufnehmen.
Vor wenigen Wochen hat sie auf Facebook eine Fotomontage gepostet: Es zeigt sie im Dress der Nasa auf ihrer ersten Mission im All. „Schreiben Sie: Ich will die erste Astronautin in Afghanistan werden, nicht für mich, sondern für die Frauen, die nicht einmal mehr das Recht haben zu atmen.“ Ein Hirngespinst? Vielleicht – aber sie ist eben keine Frau, die tut, was man ihr sagt.