„Anastasia“ in Stuttgart Die wahre Geschichte hinter der Musical-Romantik

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Anastasia, die Tochter des letzten russischen Zaren, beflügelt die Fantasie der Menschen seit hundert Jahren. Doch das wahre Schicksal der Zarentochter ist weit bitterer als in der Musical-Version.

Der letzte russische Zar Nikolaus II., seine Frau Alexandra und die Kinder (von links nach rechts) Olga, Maria, Anastasia, Zarewitsch Alexej und Tatjana Foto: dpa 7 Bilder
Der letzte russische Zar Nikolaus II., seine Frau Alexandra und die Kinder (von links nach rechts) Olga, Maria, Anastasia, Zarewitsch Alexej und Tatjana Foto: dpa

Stuttgart - Die Zarentochter Anastasia, die als einzige Romanow der Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewiki entgeht und in den Wirren der russischen Oktoberrevolution nach Paris flieht – kurz und knapp ist das die Geschichte des Musicals „Anastasia“, das jetzt in Stuttgart Deutschland-Premiere feiert.

Das Schicksal der jüngsten Tochter von Russlands letztem Zaren, Nikolaus II., hat die Fantasie der Menschen beflügelt – seit Anastasia vor über hundert Jahren in Jekaterinburg zusammen mit ihren Eltern, Schwestern und ihrem Bruder erschossen wurde. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, Anastasia habe die Hinrichtung durch die Bolschewiki überlebt. Verschiedene Frauen gaben sich für die Zarentochter aus.

Anastasias Leben endet bitter

Doch so romantisch es auch klingt, eine russische Großherzogin könnte überlebt haben: Es ist nicht wahr. DNA-Tests haben die Geschichte längst ins Reich der Legenden verbannt. Das Schicksal der Zarentochter Anastasia ist deutlich bitterer, als die Musical-Version andeutet.

Bilder, Infos und Hintergründe zum Musical „Anastasia“ in Stuttgart

Dabei beginnt Anastasias Leben 1901 so, wie es sich viele Kinder im zaristischen Russland nicht träumen lassen konnten: Als behütete, verwöhnte Großfürstin wächst die Zarentochter im Kreise ihrer Familie im Palast auf. Ihre Eltern Nikolaus II. und Alexandra Fjodorowna, eine hessische Prinzessin, sind ausgesprochen liebevoll – sowohl miteinander, als auch mit ihren Kindern – und konzentrieren sich ganz auf die Familie.

Rasputin zieht am Zarenhof die Strippen

Dabei übersieht das Herrscherpaar, dass sich die Stimmung ändert im Riesenreich. Alexandra – oder “Sunny“, wie ihr Mann sie liebevoll nennt – begibt sich in die Fänge eines unheilvollen Mönches aus Sibirien: Grigorij Rasputin, der sich rasch zum heimlichen Herrscher am Zarenhof entwickelt.

Die Bluterkrankheit ihres jüngsten Sohnes und Thronfolgers, Alexej, hatte die Zarin zu Rasputin geführt. Rasch geht er am Hof ein und aus, das Zarenpaar vertraut ihm bedingungslos. Das politische Umfeld von Nikolaus sieht das mit Sorge und auch bis zum Volk spricht sich herum, dass Rasputin im Verborgenen die Strippen zieht.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 gehen in Moskau erstmals Demonstranten auf die Straßen, die eine Abdankung des Zaren fordern. Rasputin fällt 1916 einem grauenvollen Attentat zum Opfer. 1917 versucht der Zar, sich und seine Familie mit einer schwerwiegenden Entscheidung zu retten: Nikolaus II. dankt ab und verzichtet auch für seinen Sohn Alexej auf den Thron. Verzweifelt bittet Nikolaus für sich und seine Familie um Exil in England, doch sein Cousin, König George V., lehnt ab, weil er um die Stabilität in seinem eigenen Land fürchtet.

Die Bolschewiken setzen die Zarenfamilie unter Hausarrest. Im Frühjahr bringen die Revolutionäre die Romanows nach Jekaterinburg im Ural, ans äußerste Ende des Riesenreiches. Man füchtet, dass Zarentreue versuchen könnten, die Familie zu befreien.

Hinrichtung wird zum Gemetzel

In der Nacht zum 17. Juli 1918 wird die Familie dort zusammen mit mehreren Hausangestellten erschossen. Die Hinrichtung wird zum Gemetzel: Da die Zarin und ihre Töchter ihren Familienschmuck in ihre Kleider eingenäht haben, prallen die Kugeln von ihnen ab, die bolschewistischen Soldaten brauchen unzählige Schüsse, bis die Romanows tot sind.

Dass sich um die angebliche Überlebende Anastasia solche Legenden spannen, ist auch dem Fakt geschuldet, dass bei einer Exhumierung der Romanows 1994 zwei Leichen fehlten. 2007 fanden Archäologen weitere menschliche Überreste, die Gewissheit brachten: Auch Anastasia ist unter den Toten.

Im Jahr 1998 wurden die Überreste der Herrscherfamilie in der Peter-und-Paul-Kathedrale in Sankt Petersburg beigesetzt. Zwei Jahre später sprach die russisch-orthodoxe Kirche die ermordeten Romanows heilig.

Dass die deutsche Zarin ihrem Mann bis zuletzt in Liebe verbunden war, bezeugt ein kurz vor ihrer Ermordung an ihn gerichtetes Schreiben: „Du bist mein Schatz, mein Leben - wir haben soviel durchlitten in den vergangenen Jahren, doch unsere Liebe ist immer stärker geworden. Ich küsse Dich, wir sind eins, auch, wenn alles um uns herum zerbricht. Dein Frauchen.“