Nach dem Übergriff auf dem Schulweg in Waiblingen melden sich die Eltern des Elfjährigen zu Wort – mit einer eindringlichen Botschaft (Symbolbild). Foto: IMAGO/Rolf Poss
Der Angriff auf einen Elfjährigen in Waiblingen erschütterte viele. Nun melden sich die Eltern des betroffenen Jungen – mit Dank, Klarheit und einem eindringlichen Appell.
Es war ein Dienstagmorgen wie viele. Dammstraße, Waiblingen. Ein elfjähriger Junge auf dem Weg zur Schule. Dann: ein Griff, ein Hinterhof, ein Übergriff. Und schließlich zwei Frauen, die das Unfassbare unterbrechen.
Der Vorfall am 3. Februar hat die ganze Stadt und darüber hinaus erschüttert und eine Debatte entfacht. Zwischen Entsetzen und Erleichterung, Kritik und Mutmeldungen, Polizei-Auskünften und Facebook-Wut. Der Angriff ereignete sich gegen 7.30 Uhr, als der Junge von einem Mann angesprochen und in einen Hinterhof gezogen wurde. Dort soll der Täter begonnen haben, das Kind zu entkleiden.
Jetzt melden sich die Eltern des betroffenen Kindes zu Wort. Sie schreiben an unsere Redaktion – mit Worten, die dankbar sind. Und entschieden.
Eltern loben Polizei für umsichtiges Handeln im Leserbrief
„Jede einzelne Person, die mit dem Fall bei der Polizei befasst war, hat sachorientiert, offen und umsichtig gehandelt“, schreiben die Eltern. Ihr Statement erreicht die Redaktion als Leserbrief, mit der Bitte, anonym zu bleiben. Ihrem Sohn gehe es „okay“, sagt die Mutter auf Nachfrage. Viel mehr dazu möchte sie nicht bekannt geben.
Den Eltern geht es vielmehr darum, Spekulationen entgegen zu treten, wonach die Ermittlungsbehörden ihren Job nicht gut gemacht hätten. Wie sie mitteilen, habe die Polizei durchweg professionell agiert. „Wir haben uns bestens informiert, gehört und betreut gefühlt.“ Die Kommunikation sei zugewandt gewesen, der Umgang respektvoll. „Unser Vertrauen wurde nicht enttäuscht.“
Eltern verteidigen Polizei gegen Kritik in sozialen Netzwerken
Dieser Satz wiegt schwer und dürfte Labsal für die Ermittlungsbehörden sein. Denn in den Tagen nach dem Übergriff war auch Misstrauen laut geworden – vor allem in sozialen Netzwerken. Warum so wenig Information? Warum keine Details zur Festnahme? Warum keine Warnung?
Die Eltern betonen die gute Arbeit der Polizei (Symbolbild). Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Die Antwort der Eltern fällt deutlich aus. „Mehr Transparenz hätte den Ermittlungserfolg gefährden können.“ Sie betonen: Die Polizei habe sich auf ihre Ermittlungsarbeit konzentriert. Tatsächlich wurde am Donnerstagmorgen ein 20-jähriger Mann aus Winnenden am Waiblinger Bahnhof festgenommen, nachdem das geschädigte Kind ihn wiedererkannt hatte.
Die öffentliche Kritik sei aus der Distanz entstanden, ohne Kenntnis der konkreten Abläufe. Eine „Generalabrechnung mit der Polizeiarbeit“, wie sie sich in manchen Kommentaren andeutete, halten sie für unangebracht. Es sind Worte, die aufräumen. Nicht beschönigend, sondern klärend.
Ausdrücklicher Dank an helfende Frauen
Noch klarer wird ihre Haltung, wenn es um die beiden Frauen geht, die eingegriffen haben. „Unser größter Dank gilt diesen beiden Frauen“, schreiben die Eltern. Denn ihr Handeln habe Schlimmeres verhindert. Die Hilfeschreie des Jungen hatten die beiden Zeuginnen auf die Situation aufmerksam gemacht, sie forderten den Täter lautstark auf, von dem Kind abzulassen. Der Mann flüchtete daraufhin.
Was in Sekunden entschieden wurde – nicht wegschauen, sondern hingehen –, wird hier zur großen Geste. Die Eltern machen daraus eine Botschaft: „An diesen beiden Frauen sollten wir uns alle ein Beispiel nehmen.“
Ein Appell an die Gleichgültigkeit: Hinhören, nicht wegsehen
Und sie lassen es nicht bei Appellen, sondern werden konkret: „Hinsehen und Hinhören jedes Einzelnen ist angezeigt – was erfordern könnte, die Ohren einmal nicht mit Ohrstöpseln zu versiegeln und nicht auf das Handy zu starren, während man unterwegs ist.“
Es geht ihnen nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Haltung. Um eine Gesellschaft, in der Menschen aufeinander achten, besonders auf die Schwächeren.
Mehr Aufmerksamkeit und Mut: Ein Appell für Zivilcourage
Das Schreiben endet mit einem Wunsch, der sich wie ein Leitmotiv durchzieht: Mehr Aufmerksamkeit füreinander. Mehr Bereitschaft, nicht nur zuzusehen. Mehr Mut, einzugreifen.
Der Schulweg des eigenen Kindes – für viele Eltern ein täglicher Moment des Loslassens, des Vertrauens. Was aber, wenn dieser Weg zum Tatort wird? Wenn das Selbstverständliche ins Wanken gerät?
Debatte um Schulwegsicherheit entfacht weiter Diskussionen
Die Debatte, die der Fall ausgelöst hat, ist noch lange nicht zu Ende. Sie tobt weiter in den sozialen Medien, sie hallt in Schulfluren und Elternchats wider, sie drängt sich in den Alltag. Die Polizei ermittelt weiter. Die Justiz prüft. Der Rechtsstaat arbeitet – still, gründlich, unaufgeregt. Und mit dem ausdrücklichen Dank der Eltern.