Angst, Arbeitsdruck und Überstunden Mitarbeiterin kritisiert Europa-Park-Leitung – „Gutsherrenart“

Erst vor wenigen Tagen feierte die Familie Mack das 50-jährige Jubiläum ihres Freizeitparks.Foto: IMAGO/Mandoga Media Foto: IMAGO/Mandoga Media

Hinter der Freizeitidylle des Europa-Parks brodelt es, von einem Führungsstil nach „Gutsherrenart“ ist die Rede. Eine Mitarbeiterin spricht über ihre Angst vor Vorgesetzten.

Baden-Württemberg: Lea Krug (lkr)

Feuerwerk, eine Gala und ein Zeppelin über dem Freizeitpark – der Europa-Park feierte am vergangenen Wochenende in Rust seinen 50. Geburtstag. Während vor den Kulissen die Prominenz bei einem Fünf-Gänge-Menü feiert, regt sich hinter den Kulissen Kritik an den Arbeitsbedingungen im Freizeitpark. Mehrere Medien, darunter etwa der SWR oder der Schwarzwälder Bote berichteten in den vergangenen Monaten. Auch gegenüber unserer Zeitung äußert sich nun eine Mitarbeiterin über die Arbeitsbedingungen im Park. Sie will aus Sorge um die Konsequenzen lieber anonym bleiben. Wir nennen sie an dieser Stelle Franziska (Name geändert). Weder ihr Alter noch ihre genaue Tätigkeit im Park möchte sie öffentlich machen. „Ich hätte Angst vor den Konsequenzen, wenn herauskommt, wer ich bin“, sagt Franziska.

 

Hoher Druck, Fehler bei der Bezahlung, extreme Arbeitszeiten – solche Vorwürfe stehen im Raum. Franziska berichtet davon, dass vereinbarte Zuschläge mehrfach nicht auf ihrem Konto gelandet seien. „Erst nachdem ich mehrfach bei der Lohnbuchhaltung nachgefragt habe, kam das Geld.“ Ein Versehen? Daran glaubt sie inzwischen nicht mehr. Sie habe von ähnlichen Fällen bei Kolleginnen und Kollegen gehört. Besonders problematisch sei die Situation für Mitarbeitende mit geringen Deutschkenntnissen. „Viele verstehen nicht genau, was in ihren Abrechnungen steht. Sie wissen nicht, dass ihnen Geld zusteht oder wie sie es einfordern können“, so die Mitarbeiterin.

Arbeitstage im Eurpa-Park von mehr als zehn Stunden?

Achterbahn fahren, im Park Eis essen und am Ende eines langen Tages in einem der Europa-Park Hotels schlafen. Die meisten Gäste verbinden mit dem Freizeitpark viel Spaß und Freizeitvergnügen. Vor allem in den Sommermonaten ist der Park ein enormer Magnet. Nicht nur aus der Region kommen Besucher, auch aus Frankreich oder der Schweiz reisen zahlreiche Menschen an. Doch für die Belegschaft bedeuten die Schwankungen vor allem lange Arbeitstage. Im Winter herrsche teils Flaute, im Sommer dagegen Hochbetrieb, erzählt Franziska. Von der Belegschaft werde daher extreme Flexibilität erwartet, teils über das legale Maß hinaus. „Ich habe Kollegen, die auch schon über zehn Stunden am Tag arbeiten mussten“, erzählt sie. Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen Schichten würden nicht immer eingehalten. Franziska berichtet, dass deshalb auch schon die Ämter Kontrollen durchgeführt hätten.

Das zuständige Landratsamt im Ortenaukreis bestätigt, dass die Arbeitsschutzbehörde tatsächlich entsprechende Kontrollen durchgeführt habe. Erklärt aber auch, dass es zu keinem strafrechtlichen Verfahren gekommen sei. Ein Pressesprecher teilt mit: „Der Europa-Park wurde – wie andere Betriebe im Ortenaukreis auch – in den vergangenen Jahren mehrfach kontrolliert.“ Zu den konkreten Ergebnissen äußere man sich aber zum „Schutz betrieblicher und geschäftlicher Belange“ nicht. Aus Sicht von Franziska ist die Sache klar: „Wir brauchen einen Betriebsrat.“ Nur so könne für mehr Mitbestimmung gesorgt werden. Selbst aktiv werden, das traut sie sich aber nicht. „Ich hätte da einfach zu viel Angst.“ Sie fühlt sich von der Führung im Park eingeschüchtert.

Personaldirektor Frederick Mack sowie das Ehepaar Katja Mack und Thomas Mack (von links) Foto: IMAGO/HOFER

Seit 50 Jahren liegt der Park in der Hand der Familie Mack. Geschäftsführer des Parks sind Roland Mack, sein Bruder Jürgen Mack und Roland Macks Söhne Thomas Mack und Michael Mack. Nach außen hin tritt der Park familiär auf. Gegenüber dem SWR sprach Personaldirektor Frederick Mack (Sohn von Jürgen Mack) von einer „Politik der offenen Türen“. Solchen Darstellungen widerspricht Franziska: „Es gibt keine flachen Hierarchien bei uns.“ Zwischen ihr und der Parkleitung, insbesondere zu der Familie Mack, stünden zahlreiche Führungsebenen.

Eine Führung nach „Gutsherrenart“ im Europa-Park

Auch die zuständige Gewerkschaft blickt kritisch auf das Vorgehen im Park: „Dieser Laden wird nach Gutsherrenart geführt“, sagt Sven Hildebrandt von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Mitbestimmung – etwa bei den Dienstplänen – wäre dringend nötig. „Aber das wird systematisch unterbunden“, so der Gewerkschaftssekretär. Viele Beschäftigte hätten Angst, sich intern zu äußern, so Hildebrandt. Hildebrandts Erfahrung als Gewerkschafter ist, dass es in Familienunternehmen besonders hierarchisch zugehe. „Was Mitbestimmung betrifft, sind familiengeführte Unternehmen oft eine Katastrophe. Das gibt es dort meist einfach nicht“, sagt er.

Kritik werde deshalb zunehmend eher gegenüber der Presse als gegenüber der direkten Führung formuliert. Immer wieder soll es in den vergangenen 50 Jahren Versuche gegeben haben, einen Betriebsrat zu gründen, doch diese Bestrebungen sollen im Keim erstickt worden sein. „Die beteiligten Personen sollen damals stark unter Druck gesetzt worden sein“, sagt der Gewerkschaftssekretär, der mit Beschäftigten im Austausch steht.

Auch das Thema Arbeitszeit sei ein Dauerproblem. „Nach acht Stunden müsste eigentlich Schluss sein – aber das wird regelmäßig ignoriert“, kritisiert Hildebrandt. Zehn-Stunden-Tage dürften laut Gesetz nicht dauerhaft überschritten werden, in der Gastronomie seien aber auch ein Zwölf-Stunden-Tag nicht ungewöhnlich. „In der Branche wird strukturell gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen“, so die Erfahrung des Gewerkschaftssekretärs.

Roland Mack leitet den Europa-Park seit 1975 als geschäftsführender Gesellschafter. Foto: IMAGO/Steinsiek.ch

Der Europa-Park antwortet ausführlich zu den Vorwürfen. Niemand müsse Angst haben, so der Tenor. „Als Familienunternehmen leben wir eine offene Unternehmenskultur“, erklärte eine Sprecherin. „Wären nicht viele Dinge richtig umgesetzt, gäbe es vermutlich schon einen Betriebsrat“, heißt es aus dem Park. Die Führungskräfte stünden regelmäßig im Austausch mit den Mitarbeitern auf allen Ebenen.

Von einem monatlich stattfindenden „Mitarbeiterfrühstück“ ist die Rede, außerdem könnten in einem „Think Tank“ Verbesserungsvorschläge vorgebracht werden. Außerdem achte man bei der Erstellung der Dienstpläne „auf die individuellen Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden“, so der Park. Ganz grundsätzlich führt eine Sprecherin außerdem aus: „Es ist uns ein zentrales Anliegen, dass sich alle Mitarbeitenden im Europa-Park sicher und wohl fühlen und ihre Anliegen, Sorgen und Kritik offen äußern können.“ Aus diesen Gründen distanziere man sich von jeglichen Vorwürfen, so der Freizeitpark. Wenn es Probleme mit den Zuschlägen gegeben habe, seien diese „umgehend“ behoben worden und stünden wohl im Zusammenhang mit einer technischen Umstellung.

Europa-Park spricht von einer „Einzelmeinung“

Auch mit Kritik gehe man um. „Die geschilderte Aussage bezieht sich auf eine Einzelmeinung“, so der Park. Sie spiele nicht die Meinung der derzeit rund 5.250 Mitarbeitenden wider, so der Park. Dort führe man seit Jahren eine anonyme Mitarbeiterbefragung durch, die von der Personaldirektion anschließend bearbeitet und gelesen werde. Etwa die Hälfte der Beschäftigten sei seit mehr als fünf Jahren für das Unternehmen tätig, auch deshalb schließe man auf die hohe Zufriedenheit.

Trotz ihrer öffentlichen Kritik: Franziska will trotz der Probleme weiterhin für den Freizeitpark arbeiten. Warum? „Ich habe tolle Kollegen – und in anderen Betrieben der Gastronomiebranche geht es oft noch schlimmer zu“, sagt sie.

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