Danylo Kramarenk muss sich mit vielen Schreiben von Behörden beschäftigen. Foto: Werner Kuhnle
Danylo Kramarenko will nicht kämpfen. Aktuell sucht der 22-Jährige sein Glück im Kreis Ludwigsburg. Er ist einer von vielen jungen Ukrainern, die zur Zeit in Deutschland ankommen.
Christian Kempf
26.11.2025 - 14:00 Uhr
Keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen, kein Laut dringt an diesem Dienstagmorgen aus den vielen Zimmern der Gemeinschaftsunterkunft in der Bietigheimer Farbstraße. Die Atmosphäre ist fast gespenstisch. Auf ein Klopfen hin regt sich aber doch etwas. Der zu diesem Zeitpunkt einzige Bewohner der gesamten Unterkunft kommt aus seinem Zimmer und öffnet die Zugangstür. Der junge Mann ist erleichtert, an diesem eher trostlosen Ort Unterschlupf gefunden zu haben. „Ich fühle mich frei. Es ist hier besser als in der Ukraine“, sagt Danylo Kramarenk.
Wie so viele seiner Landsleute ist Danylo Kramarenk vor dem Krieg in seiner Heimat geflohen. Selbst in Kiew, wo er zuletzt lebte und das weit weg von der Front liegt, schlagen laut Kramarenk oft russische Raketen ein, es seien viele Detonationen zu hören. Vor etwas mehr als zwei Monaten zog der 22-Jährige die Konsequenzen, verabschiedete sich von seiner Mutter, der kleinen Schwester und seiner Freundin und brach nach Deutschland auf.
Ausreiseerlaubnis für Männer bis 22 Jahre
Er gehört zu einer Art zweiten Welle von ukrainischen Flüchtenden. Brachten sich gleich nach dem russischen Überfall im Jahr 2022 vor allem Frauen und Kinder im westlichen Europa, in den USA und Kanada in Sicherheit, verlassen aktuell etliche junge Männer das Land. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Regierung seit Kurzem auch 18- bis 22-jährigen Männern gestattet, legal auszureisen. Zuvor war das nur Minderjährigen erlaubt, um nicht zu viele Waffenfähige zu verlieren. Mit 25 können Ukrainer verpflichtend eingezogen werden.
Danylo Kramarenko war bis Dienstag in der Bietigheimer Farbstraße untergebracht – als einziger Bewohner. Foto: Werner Kuhnle
Auch im Kreis Ludwigsburg sind die Auswirkungen der Lockerung zu spüren. „Dem Landkreis werden momentan rund 40 ukrainische Geflüchtete wöchentlich vom Land zugeteilt“, erklärt Andreas Fritz, Pressesprecher des Landratsamts. Seit August stelle man „vermehrt einen Zuzug von jungen Männern zwischen 18 und 22 Jahren fest“. Zwischen August und Oktober seien insgesamt 324 Ukrainer im Landkreis untergebracht worden.
Danylo Kramarenk hat der Ukraine im September den Rücken gekehrt. Ursprünglich stammt er aus der Großstadt Kramatorsk in der heftig umkämpften Region Donezk. Dort seien nur die Älteren und Soldaten geblieben, sagt er. Die Stadt habe rund 100.000 Einwohner seit der russischen Invasion verloren. Kramarenk war einer von ihnen, machte sich auf den Weg nach Kiew, wo er sich als Taxifahrer und mit anderen Jobs durchschlug. „In Kiew ist es aber gefährlicher als in Kramatorsk“, sagt der junge Mann und verweist auf die permanenten Luftangriffe.
Doch das ist nicht der maßgebliche Grund für seinen Abschied gewesen. Sein Name stehe auf der Registrierungsliste fürs Militär. Und Freunde von ihm seien quasi von der Straße weg zum Dienst an der Waffe genötigt worden. Ein Schicksal, das Danylo Kramarenk unbedingt vermeiden wollte. „Ich will nicht kämpfen. Ich glaube, wir haben keine Chance, diesen Krieg zu gewinnen“, sagt der 22-Jährige.
Natürlich missbillige er den Überfall von Russland und halte zu seinen Landsleuten. Aber er spreche sich für Frieden aus und finde, dass man es gar nicht erst zu dieser kriegerischen Auseinandersetzung hätte kommen lassen dürfen – sondern schon vor Jahren nach einer anderen Lösung hätte suchen müssen. Dazu ist er verärgert über die Verwaltung und die Führung im Land und überzeugt davon, dass sie die Truppe nicht anständig bezahlt. Normale Bürger müssten sogar Geld zusammenkratzen und an die Front schicken. „Viele Ukrainer unterstützen Selenskyj nicht“, sagt er.
Doch auch in Deutschland war der Start für Kramarenk nicht einfach. Er geriet schnell in die Fänge des Behördendickichts. Es bestand der Verdacht, dass er bereits in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen gemeldet war. „Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir Ihnen sämtliche Kosten für Ihre Unterbringung in Rechnung stellen werden, sollte es sich bestätigen, dass Sie die bereits in Nordrhein-Westfalen registrierte Person sind“, teilte ihm das Landratsamt Ludwigsburg höflich, aber bestimmt mit.
Der junge Mann sieht seine Zukunft in Deutschland
Offenbar lebte also schon jemand gleichen Namens im Land, was die Ämter stutzig machte. Danylo Kramarenk versichert, dass er das Missverständnis ausräumen konnte und mittlerweile eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in der Tasche habe. Und er betont, dass er sich unabhängig von einem möglichen Frieden in seiner Heimat in Deutschland etwas aufbauen wolle. Seine Freundin ziehe im Sommer nach. Er lerne Deutsch, um sich fortbilden und arbeiten zu können, zum Beispiel in der Käseherstellung. Dafür habe er ein Händchen.
Doch aktuell ist sein Alltag trist. „Ich weiß nicht, was ich machen soll, habe niemanden, mit dem ich sprechen könnte“, sagt er. Es gebe kein WLAN in der Unterkunft in der Farbstraße, die er am Dienstagnachmittag allerdings verlassen hat, um in einem anderen Heim in Bietigheim untergebracht zu werden. Er lade sich deshalb über öffentliche Netze Videos herunter, um später damit Deutsch büffeln zu können. All das kommt für ihn aber wenig überraschend. „Ich weiß, dass es hier eine Zeit lang nicht leicht sein wird, aber dann wird es gut“, ist er überzeugt.
Zahl der Geflüchteten sinkt
Zuweisungen Dem Landkreis wurden von August bis Oktober 324 Ukrainer vom Land zugewiesen. Im gleichen Zeitraum wurden 93 Geflüchtete aus allen anderen Staaten zusammen aufgenommen. Unterm Strich sind die Geflüchteten-Zahlen rückläufig. Man rechne im Jahr 2025 mit insgesamt rund 1200 Zuweisungen, teilt das Kreishaus mit. Im Vorjahr seien es 2350 und 2023 4162 Personen gewesen.
Genügend Plätze Die Kapazitäten reichten derzeit aus, versichert das Landratsamt – und räumt bis zum Jahresende sogar drei Ludwigsburger Unterkünfte in der Brucknerstraße, der Gemsenbergstraße und der Hermann-Hagemeyer-Straße sowie die Unterkunft im früheren Krankenhaus in Marbach mit insgesamt 290 Plätzen. Weitere würden folgen, wobei im Gegenzug 2026 in Korntal-Münchingen und Hemmingen auch neue hinzukämen und in Pleidelsheim im Oktober ein Neubau fertiggestellt worden sei.