Anhörung im Landtag Existenznot und Bürokratie bedrohen freie Kulturszene
Die freie Kulturszene steht unter Druck. Eine Anhörung im Landtag hat nicht nur finanzielle Probleme deutlich gemacht. Ihre Verbände hoffen auf längerfristige Unterstützung.
Die freie Kulturszene steht unter Druck. Eine Anhörung im Landtag hat nicht nur finanzielle Probleme deutlich gemacht. Ihre Verbände hoffen auf längerfristige Unterstützung.
Die Corona-Pandemie hat es wie unter einer eine Lupe gezeigt: Freie Künstlerinnen und Künstler leben in Deutschland in der Dauerkrise. Daran hat sich wenig geändert. So belief sich das durchschnittliche Jahreseinkommen 2024 in der freien Szene auf knapp 20 000 Euro – brutto wohlgemerkt. Das sind Zahlen, die nun auch Politiker im Südwesten alarmieren. So haben die Grünen im Landtag mit Blick auf den wachsenden finanziellen Druck eine Anhörung angeregt, bei der am Mittwoch sieben Verbände die Situation erläutern konnten.
Ob Amateurtheater, Jazz oder Tanz: Viele der Probleme, in kurzen Statements anschaulich gemacht, decken sich. Das sind der wachsende Bürokratie-Aufwand, die starre 2:1-Komplementärförderung, bei der sich im Fall von Kürzungen seitens der Kommunen automatisch auch der Landesanteil verringert, die steigenden Kosten bei gleichbleibendem oder sinkendem Budget, die kurzen Laufzeiten von Förderungen.
In der Musikszene kommt die Sorge um die Folgen des „Herrenberger Urteils“ dazu, in dem das Bundessozialgericht 2022 die freien Honorarkräfte an Musikschulen als abhängig, also sozialversicherungspflichtig beschäftigt einstufte und so die Lebensplanung vieler freier Musiker in Frage stellte. Ralf Püpcke vom Tonkünstlerverband brachte die bayerische Lösung ins Spiel, wo private Musikschulen und freie Musikpädagogen mit jährlich 500000 Euro gefördert würden.
Beispiele aus der Praxis ließen manchmal staunen, wie die anschließende Fragerunde zeigte. So schilderte Mini Schulz als Vertreter des Landesmusikrats, was ein Jazzklub für die Zuschüsse zu einem einzigen Konzert an Formularen abarbeiten muss. Im Januar beantragt, würden die Mittel im Sommer des nächsten Jahres ausgezahlt. „Ehrenamtliches Engagement geht auf diese Weise flöten“, so Schulz.
Andrea Gern von der Tanzszene nannte als Beispiel für zu viel Bürokratie ein kurzes Tanzstück, unter dem im Programmheft oft fünf Förderer ständen. Für den Künstler bedeute das jeweils andere Formulare, Gelder, die zu unterschiedlichen Zeiten ausgegeben werden müssten. „Das nimmt eine unglaubliche Menge an Zeit in Anspruch“, so Andrea Gern. Eine Vereinheitlichung von Verfahren und Formularen sowie eine längerfristige Unterstützung hatte auch sie auf der Wunschliste.
Neben Entbürokratisierung hatten viele eine flexiblere Förderung im Blick. Siegfried Dittler beklagte etwa für die soziokulturellen Zentren, dass die Deckelung der Landeszuschüsse bei 350 000 Euro nicht mehr der Realität entsprächen. Die oft an Orten der Industriekultur untergebrachten Häuser müssten bauliche Infrastruktur erhalten und seien mit hohen Energiekosten konfrontiert. „Das alles belastet die Zentren, die ohnehin am Limit arbeiten“, so Dittler. Eva A. Maj vom Landesverband der freien Tanz- und Theaterschaffenden malte die Auswirkungen der klammen Kommunen auf die Kulturförderung finster aus: „Strukturen sterben jetzt und fallen unwiederbringlich weg. Was mühsam über die Pandemie gerettet wurde, droht nun zu verpuffen.“
Anhörung
Folgende Verbände waren zur Anhörung eingeladen: Jazzverband Baden-Württemberg e. V., TanzSzene Baden-Württemberg e. V., Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg (LaFT BW) e. V., Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und Soziokulturellen Zentren (LAKS) Baden-Württemberg e. V., Tonkünstlerverband Baden-Württemberg e.V., Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg e. V., Landesmusikrat Baden-Württemberg e.V.
Geldsegen
So schnell fließen Mittel in Wahlkampfzeiten. Am Tag nach der Anhörung teilte das Ministerium für Kunst und Wissenschaft mit, dass von November 2025 an der LaFT BW 190.000 Euro mehr erhält. Eine Evaluation hatte gezeigt, was die Anhörung nochmals zuspitzte. Ermöglicht werden soll durch die Erhöhung der Förderung eine langfristige Planung und die Vereinfachung von Verfahren. Sowohl Projektförderung als Netzwerkarbeit ist mit den Mitteln möglich, die damit auch das Vertrauen in die Arbeit des Verbands stärken.