Ein Fall, der Fachleute schockiert: In einem Stuttgarter Haus wurden 47 Riesenschlangen gefunden, darunter 13 bereits verendete. Die überlebenden Tiere werden in München gepflegt.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Markus Baur bemüht einen nicht sehr naheliegenden Vergleich aus dem Tierreich, wenn er über seine 33 neuen Schützlinge spricht: „Sie haben getrunken wie die Kamele“: Gemeint sind die Riesenschlangen, die seit ein paar Tagen in der Auffangstation für Reptilien in München gepflegt werden, die Markus Baur als Vorsitzender des Trägervereins leitet. Die in Stuttgart in einer Wohnung gefundenen Schlangen hätten sich seit der Wegnahme vor knapp einer Woche „ganz gut erholt“. Zunächst war man sich nicht sicher, ob alle überleben würden, so stark waren sie vernachlässigt worden.

 

Insgesamt 47 Riesenschlangen hatten Vertreter des Stuttgarter Veterinäramtes vergangenen Woche in einem Wohnhaus in der Landeshauptstadt gefunden. 13 der entdeckten Reptilien waren bereits tot, die größte tote Schlange maß 1,60 Meter. Eine wurde eingeschläfert. Der für die Stuttgarter Fachleute schlimmste Fall von Animal-Hoarding mit Reptilien in den zurückliegenden Jahren war durch einen Hinweis aus der Bevölkerung bekannt geworden. Die toten Tiere waren zum Teil schon mumifiziert, „das dauert mehrere Wochen“, sagt Markus Baur.

Die beschlagnahmten Tiere waren ausgehungert und hatten kein Wasser bekommen. Foto: Stadt Stuttgart

Es habe in der Haltung nirgendwo Wasser gegeben, deswegen seien die Tiere total ausgetrocknet gewesen. Sie seien „sehr abgemagert“ gewesen. Zwar seien Reptilien mit ihren Schuppen darauf ausgelegt, wenig Wasser zu verdunsten, aber auch sie brauchen welches. „Sie sind aus den Wasserschüsseln gar nicht mehr raus, haben sich da richtig reingeringelt“, beschreibt der Chef der Auffangstation. Aufgrund der Trockenheit hätten sie auch Probleme beim Häuten, beschreibt Baur.

„Aprikosengroßer Buckel“: Schlangen leiden unter Abszessen

Es kamen noch viele weitere Gesundheitsprobleme dazu: Viele der beschlagnahmten Riesenschlangen hätten Abszesse auf der Nase gehabt. Das komme bei Boa Constrictor, die unter den Schlangen war, zwar vor, man müsse es aber behandeln. Eine Schlange habe einen sehr großen Abszess am Rücken, „einen aprikosengroßen Buckel“, sie werde am Dienstag operiert.

Den Parasitenbefall, unter anderem mit Milben, habe man ganz gut in den Griff bekommen. Die Tiere seien dagegen erst von außen behandelt worden, mit einem Sprühmittel. Im zweiten Schritt bekämpfe man den Befall dann medikamentös von innen.

Zudem bestehe der Bedacht eines Virenbefalls, „weil die Schlangen zum Teil zentralnervöse Störungen hatten und auch jetzt noch zeigen“. Es könne sich um die Einschlusskörperchenkrankheit handeln. Diese könne das zentrale Nervensystem beeinträchtigen: Die Schlangen zeigen dann Symptome wie das „Wobbeln“, ein seitliches Kopfzittern, oder das „Stargazing“, bei dem sie den Nacken überstrecken und permanent nach oben schauen, vermutlich weil ihre Orientierung geschädigt sei. Auch gebe es Fälle, bei denen Schlangen, die man auf den Rücken lege, sich nicht mehr zurückdrehten. „Wenn sich dieser Verdacht bestätigt, wäre es verheerend, das kann man nicht behandeln. Die Einschlusskörperchenkrankheit endet irgendwann tödlich“, erläutert Markus Baur.

„Wie kann jemand so völlig empathielos sein?“

Den Fall aus Stuttgart findet der Vorsitzende der Auffangstation verheerend und schockierend. „Es ist nicht die reine Menge – wir hatten auch schon größere Fälle. Aber wie jemand zuschauen kann, wie seine Tiere so zugrunde gehen, das verstehe ich nicht“, sagt der Fachtierarzt. „Wie kann jemand so völlig empathielos sein, wenn er oder sie sich die Tiere anschafft?“

Grundsätzlich können die Riesenschlangen, die nun in München in langer Quarantäne gesund gepflegt werden, irgendwann an neue Besitzer vermittelt werden. Aber das gelinge nicht häufig. „Wer Riesenschlangen halten will, hat meist schon eine – und wartet nicht auf unsere Tiere“. Auch wenn die Herkunft der Riesenschlangen aus Stuttgart nicht gewiss ist, können sie mit legaler Bescheinigung weitergegeben werden. Denn die Stadt, mit der die Auffangstation einen Vertrag hat, bescheinigt, dass sie aus einer Beschlagnahme stammen. Nach einem Beitrag in einem kleinen Münchner Lokalfernsehsender habe sich eine Frau gemeldet, die eine Patenschaft für eine Schlange übernahm.

Die genauen Arten könne man noch nicht benennen. Das liege daran, dass es seit zehn bis 15 Jahren „den fürchterlich blöden Trend gibt, dass man sie in verschiedenen Farbschlägen züchtet“, erläutert der Veterinär aus München. Nur ein Gentest könne die genaue Art ans Licht bringen. Die Farbvarianten würden vor allem aus einem Grund gezüchtet: „Jede neue, seltene Variante bringt den Züchtern unglaublich viel Geld, es gibt viele Leute, die sogenannte Morphe haben wollen“ – also Riesenschlangen mit neuen Farbschlägen.

Nach dem Bekanntwerden des Schlangen-Fundes hat sich auch die Organisation „Peta“ zu Wort gemeldet. Sie will Strafanzeige stellen und fordert ein Handels- und Haltungsverbot exotischer Tiere. Mit dem ersten Punkt ist der Münchner Reptilien-Spezialist einverstanden. Von Verbotsforderungen hält er hingegen nichts. „Man darf wegen eines solchen Falles – der schlimm ist – nicht den Stab über alle Tierhalter brechen. Die meisten kümmern sich sehr gut um ihre Schlangen und Reptilien“, sagt Markus Baur.