Anna Katharina Hahn über Eduard Mörike Mörikes verführerischer Springerle-Model

Diesen Model aus dem Haushalt Eduard Mörikes hat Anna Katharina Hahn im Literaturarchiv entdeckt. Foto: Jens Tremmel//DLA Marbach

Die Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn hat im Marbacher Literaturarchiv einen Weihnachtsschatz gehoben: einen Model aus dem Hause Mörike. Die Backform aus Birnenholz hat sie zum Träumen gebracht.

Es begann mit einem Irrtum. Meine Sehnsucht war einfach zu groß. Die Türen einer Schatzkammer, der Sammlung für Bilder und Objekte im Deutschen Literaturarchiv Marbach, wurden für mich geöffnet. Ich durfte „Mörikes Sach‘“ durchgehen, nicht seinen handschriftlichen Nachlass, Briefe und Manuskripte, sondern Gegenstände, die von ihm geblieben sind. Da gab es ein wunderbares Pfeiflein mit Perlmuttverzierung, dem ich zu gerne einen Ton entlockt hätte (was natürlich nicht gestattet wurde), sorgfältig gearbeitete Kästen, angefüllt mit Versteinerungen, vom Dichter selbst auf der Schwäbischen Alb gesammelt, und einen hölzernen, daumendicken Model, kaum größer als ein DIN-A-5-Heft.

 

Im Model scheint sich das ganze Werk des Dichters zu finden

Springerle aus dem Hause Mörike! In dreimal drei übereinander angeordneten Bildfeldern, sorgsam getrennt durch breite Linien, zeigte sich hier, ich sah es auf den ersten Blick, eine Zusammenfassung des Werks, bereit, in süßen Teig gedrückt zu werden. „Veilchen träumen schon“ und blühten gleich im ersten Rahmen, natürlich aus dem blaubändig flatternden Frühlingsklassiker „Er ist’s“! Ein stolzer Gockel unten rechts: der „alte Turmhahn zu Cleversulzbach im Unterland“. Eine deutlich als evangelisch gekennzeichnete Kirche: Ort der Zuflucht, der Vikariatsknechtschaft, von deren Turm jene Morgenglocken läuten, die dem lyrischen Ich „In der Frühe“ seine Nachtgespenster vertreiben! Die Gärtnerin, etwas unförmig, aber dennoch Blumen gießend, versorgte eine Sonnenblume, kein Zweifel: „Der Sonnenblume gleich, steht mein Gemüthe offen“! Verszeilen schwirrten mir durch den Kopf. Zu jedem Springerle fand ich voller Entdeckerdrang eine Entsprechung in Lyrik oder Prosa des geliebten Dichters. Zwei spielende Karnickel, die „Küllhasen“ der schönen Lau aus dem „Stuttgarter Hutzelmännle“! Träumend sah ich den betagten Vater Mörike, der als Schnitzer diese Poetologie in Birnenholz grub, alles für seine Älteste, denn „Fani Mörike“ stand in schöner Schreibschrift am äußeren Rande des Models. Ihre Initialen F.M. finden sich erneut auf der Vorderseite, eingefasst in einem Blätterkranz. Nicht Josefine Klara Charlotte Franziska – Fani, der Kosename.

Eine Poesie, die das Alltägliche verherrlicht

Vielleicht hatten sie zusammen über die Motive beraten, einander Zitate zugeworfen. War es eine Überraschung gewesen, eine Geburtstagsgabe? Mit dem Zeigefinger fuhr ich die Bilder nach. Was für ein Schatz! Hier offenbarte sich an einem einfachen Backzubehör, wie Mörikes Dichtung funktionierte. Ein Zeugnis des Ahnherrn all jener, die dem Alltäglichen Poesie abtrotzen. Von „Auf eine Lampe“ über all die Augenblicke des Erinnerns an scheinbar banale Momente – Clärchen unter dem Regenschirm, der Pastor in seiner Studierstube. Wer außer Mörike hat es gewagt, die Pfade des Heroischen, Byronhaften zu verlassen und in seiner Kunst den Hauptteil eines jeden Lebens zu verherrlichen – den Alltag?

Die Jahreszahl bringt das Deutungs-Gebäude zu Fall

Heftig durchatmend warf ich einen genaueren Blick auf die Jahreszahl: 1878. „Husch, da fiel’s in Asche ab!“ – nicht das Skelett des „Feuerreiters“, wohl aber das Gebäude meiner Deutungen. Zu dieser Zeit war Eduard Mörike schon begraben, er ist am 4. Juni 1875 gestorben. Seufzend legte ich den Model zurück in den Schrank. Vielleicht hat die erwachsene Fani das Objekt im Gedenken an ihren Dichtervater angefertigt. Wenn nicht er selbst diese Bilder geschnitzt hat, verlieren sie viel von ihrem Zauber. Frierend lief ich die Schillerhöhe hinunter, tröstete mich auf dem Weg zum Bahnhof in der Bäckerei mit einer Butterbrezel. Weihnachtsgutsle waren mir verleidet. Springerle sah ich dort nicht. Wer hat heute noch Zeit für das aufwendige Gebäck?

Auf dem Gutsle-Teller bleiben sie gern liegen

Früher blieben sie auf dem Gutsle-Teller liegen bis zum Schluss, auch wenn sie noch so schöne „Füßle“ hatten. Sogar der Christbaum war schneller verschwunden als sie. Meistens nahmen die Eltern sich schließlich der Verschmähten an, nicht ohne sie kurz zu betrachten, bevor sie sie in ihren Kaffee tunkten, denn schön anzusehen waren sie zweifellos. Doch ohne diese Aufweichhilfe war ihnen nicht beizukommen. Springerle, cremeweiß an der Oberfläche, unten zartgelb bis bräunlich, gesprenkelt von dunklen Aniskörnlein, die nicht nur des Geschmacks wegen auf das Backblech gestreut werden, sondern damit der empfindliche, aus Ei, Puderzucker und Mehl bestehende Teig nicht festklebt. Bewahrt man sie nicht in einer Blechdose zusammen mit Feuchtigkeit spendenden Apfelschnitzen auf, werden sie bockelhart.

In der Festzeit geht erst all den Butter-S’le, Spitzbuben, Hildabrötle, Haselnussmakronen, Ausstecherle, Bärentatzen und Lebkuchen an den Kragen. Selbst ein trockenes Albertle wird eher weggenascht als ein Springerle. Warum aber lässt man ein Gebäck, das so schwierig in der Herstellung ist, dann nicht an dem vorgeschlagenen Ort, um es genießbar zu erhalten? Weil eine dunkle Dose das Beste am Springerle verbergen würde – seinen Bilderreichtum. Mochte ich die Dinger auch nicht essen, anschauen wollte ich sie unbedingt. Was gab es nicht alles zu sehen auf den vornehm blassen Rücken dieser elfenbeinfarbenen Rechtecklein: pausbackige Engelsgesichter mit Locken, jedes Härle scharf gezeichnet, jede Feder in den Schwingen, Reiter mit Hüten auf prächtig aufgezäumten Pferden, Beeren und Obst, verschiedene Vögel. Kein blechernes Ausstechförmchen brachte solche Genauigkeit wie jene hölzernen Täfelchen.

Für Springerle war im Arzthaushalt keine Zeit

Unser eigener Model daheim war unspektakulär, er wurde an Mürbeteig ausprobiert. Im Ofen verwischte alles Bildwerk. Für Springerle war im Arzthaushalt keine Zeit. Jene Prachtstücke kamen, genau wie die Gutsleteller mit dem Dutzend Sorten, aus den Haushalten heute nahezu ausgestorbener älterer Frauen, die ihren Doktor und seine Familie im Sommer mit Erdbeeren, im Herbst mit selbst gekochtem Gsälz, zu Weihnachten mit Gebäck und zu Neujahr mit Wein aus dem eigenen Wengert beschenkten. Ihre Model stammten vermutlich aus Familienbesitz, um in jeder Adventszeit erneut für Entzücken und Staunen zu sorgen. Mit dem Marbacher Mörike-Model teilen sie immerhin ihr Alter, dessen bin ich mir sicher.

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