„Antigone. Ein Requiem“ im Schauspiel Nord Wer will die Toten sehen?

Szene aus „Antigone. Ein Requiem“ Foto: /Björn Klein

Mira Stadler inszeniert Thomas Köcks Antikenadaption „Antigone. Ein Requiem“ nach Sophokles am Schauspiel Nord. Das Stück verstört, wie es vielleicht auch Sophokles gefallen hätte. Doch kann es auch etwas ändern?

Der Hofstaat hat sich überfressen und pennt wie tot inmitten der Sauerei auf dem Tisch. Als er erwacht, kommt dem Hofstaat das große Kotzen; so hässlich geht es zu in Thomas Köcks Antikenadaption „Antigone. Ein Requiem“, inszeniert von Mira Stadler in Kooperation mit der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HMDK) am Schauspiel Nord.

 

Pizzakartons und McDonald’s-Schachteln, Reste chinesischer Reisnudeln, Schleifspuren von braunem Bratenfett – oder Tierblut – verunzieren die weißen Tischtücher. Umgeworfene silberne Kerzenständer und Blumenbouquets deuten darauf hin, dass die wilde Völlerei als edles Staatsbankett geplant war. Doch Theben ist in Köcks Version der Sophokles-Dichtung ein Ort übelster Wohlstandsverwahrlosung, geführt vom Managerfürsten Kreon (Richard Kipp), dem die zu Hunderten an der Küste angeschwemmten Leichen geflüchteter Menschen vollkommen egal sind. Bis Kreons Schwiegertochter in spe, Antigone (Katharina Bogdanova Petrova), die Toten in die Stadt schleift, um sie aus Mitgefühl zu begraben. „Das sind nicht unsere Toten. Wir haben uns nicht für sie entschieden“, würgt Kreon Antigone ab. Doch die bleibt stur, wofür Kreon sie schließlich bei lebendigem Leib einmauern lässt und damit den Untergang seines eigenen Hauses besiegelt.

In Sophokles’ antiker Tragödie (ca. 442 v. Chr.) wollte Antigone ihren in Ungnade gefallenen Bruder bestatten. Rolf Hochhuths „Berliner Antigone“ (1963) stiehlt den Leichnam in der ins Jahr 1943 verlegten Handlung aus der Anatomie und wird dafür nach ihrem Prozess vor einem NS-Gericht enthauptet. Thomas Köck verlegt die Handlung nun an die europäische Küste unserer Tage, wo gekenterte Flüchtlinge im Massengrab des Mittelmeers enden.

Das besudelte Kreisrund des Banketts sowie die Leder-, Lack-, und Latex-High-Fashion von Jenny Schleif führen die obszöne Verschwendungssucht, den Reichtum und Nihilismus westlicher Industrienationen knallhart vor. Die Anklänge an Sadomaso, dunkle Science-Fiction und faschistisch interpretierte Mode wirken effektvoll verstörend. Zwölf Leuchtröhren tauchen die Szenerie in kalt weißes Licht wie in einer Leichenhalle. Abseits des Tisches versucht sich der Chor ab und zu hinter aufgereihten schwarzen Fahnen zu verschanzen, die man weniger als Trauerbeflaggung denn als emblemlose Nationalfahnen deuten kann: Schwarz als Farbe der Nicht-Haltung, die europaweit Debatten prägt, ein polemischer aber treffender Punch in Richtung politischer Entscheider, sollte dieses Symbol wirklich so intendiert sein.

Und auch Thomas Köcks schnörkellose Verse schlagen hart zu: „Der Sand auf dem wir sonst halt liegen/ Selfies schießend/ blutüberströmt aufgebläht und aufgequollen liegen sie da/ die überflüssigen Körper (…) man will das doch nicht sehen“, barmt der angewiderte Chor. Sofort drängt sich die Erinnerung an das Foto des dreijährigen Alan Kurdi auf, dessen Leichnam 2015 vor der türkischen Mittelmeerküste angespült wurde. Das Bild ging um die Welt, und trotzdem strebt Europa – und auch Deutschland – danach, die „Begrenzung des illegalen Zustroms von Drittstaatsangehörigen“ (CDU/CSU) voranzutreiben. Es sei „thebanische, europäische Demokratie“, sich gegen die Toten zu entscheiden, sagt Kreon einmal.

Obwohl die Toten in Köcks Text omnipräsent sind, bleibt Stadler in ihrer Inszenierung bei denen, die ihnen ihr Mitgefühl verweigern. Das Stück gibt dem Nihilismus das Wort, in der Hoffnung, das Publikum widersetze sich ihm. Damit setzen Köck und Stadler auf den guten alten kathartischen, also reinigenden Effekt; auf Abschreckung durch „Phobos und Eleos“ – Schauder und Jammer –, was schon zu Sophokles’ Zeiten soziale Veränderung befördern sollte. Heute trifft die Kunst aber nur noch auf jene, die sich ohnehin etwas von ihr vor Augen führen lassen wollen. Diejenigen, die nach „Zustrombegrenzungsgesetz“ und „Bekämpfung von Fluchtursachen in den Herkunftsländern“ schreien; die selbst das Bild eines ertrunkenen Dreijährigen nicht erweichen kann, werden Antigones Anklage kein Ohr leihen.

Antigone. Ein Requiem. 1., 3., 4., 5. April, jeweils um 20 Uhr

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