Antiquitäten und Vintage Warum wir alte Möbel lieben

Die Vorliebe für alte Dinge ist geprägt durch die Wohnumgebung der Kindheit. Foto: IMAGO/Shotshop/IMAGO/Lutz Wallroth

Oldtimer, Antiquitäten, Vintage-Kleidung. Über Generationen hinweg teilen viele Menschen die Vorliebe für alte Dinge. Was verbirgt sich dahinter? Und wie wichtig ist die Einrichtung für unser Wohlbefinden?

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Eine daumengroße Stelle auf dem alten Teakholz-Esstisch ist mit goldenen Glitzerpartikeln bedeckt. Selbst bei energischem Darüberstreichen lösen sich die feinen Teilchen nicht von der rauen Holzoberfläche. Zumal manch Antiquitätenliebhaber vermutlich gar nicht möchte, dass der Tisch aufhört zu glitzern.

 

Glück mit Ikea

Während die einen ihr wohnliches Glück im Ikea-Katalog finden, tolerieren die anderen in ihrer Wohnung nichts, was jünger als 100 Jahre ist. Etwas mit Seele. Wer weiß, welches Kind an diesem Esstisch voller Glück Einladungskarten für den Geburtstag gebastelt hat.

Konservativ oder melancholisch?

Was steckt hinter der Liebe für alte Stücke? Sei es der Biedermeier-Sekretär im Büro, das Hutschenreuther-Geschirr, der alte Mercedes 450 SL oder das stolz erworbene Fachwerkhaus, in dem nicht nur viel Arbeit, sondern auch Geschichte wartet? Traditionsbewusstsein? Konservatismus? Melancholie? Der Wunsch, sich von der Massenware abzuheben. Oder das Bedürfnis nach etwas, was alle Krisen überlebt?

Um die Frage einzuschränken, widmet sich dieser Text alten Möbeln.

Jan Kobelt, Schreiner, Restaurator und Antiquitätenhändler, sieht in seinem Geschäft in Mainz viele Kundinnen und Kunden mit alten Stücken ein und aus gehen. Unterteilen lässt sich sein Kundenstamm in zwei Gruppen: diejenigen, die etwas geerbt oder geschenkt bekommen haben und das Möbelstück in den alten Zustand versetzen lassen möchten, und diejenigen, die Antiquitäten neu kaufen. „Das sind die Sammler, die etwas Exklusives, Nachhaltiges, Qualitatives haben wollen mit Unikat-Charakter“, so Kobelt.

Emotionale Verbindung

Für andere habe das restaurierte Möbelstück einen sentimentalen Wert. In der emotionalen Verbindung sieht auch die Wohnpsychologin Melanie Fritze einen Grund für den Kauf von etwas Altem. „Wenn es Antiquitäten aus der Familie sind, dann ist das oft verbunden mit Erfahrungen, Erinnerungen an Personen.“ Manche Möbelstücke würden die Menschen durch alle Wohnungen begleiten. Habe das Möbelstück einen emotionalen Wert, sei gar nicht so wichtig, wie gut es gefällt und wie gut es sich in die andere Einrichtung einfügt.

Kombination von Altem und Neuem

5,31 Milliarden Euro Umsatz verzeichnet der schwedische Einrichtungskonzern Ikea jährlich in Deutschland. Preislich erschwinglich, leicht auf- und abbaubar, der Rücken dankt beim Umzug. Dementsprechend ähnlich sind sich deutsche Haushalte. Wer alte Dinge schätzt, sucht „nach Möbeln mit mehr Seele“, so Fritze. „Wenn man fremde Antiquitäten kauft, weiß man, dahinter steht eine Geschichte, auch wenn man sie nicht kennt.“

Auch immer mehr junge Menschen wissen die Qualität, Nachhaltigkeit und Einzigartigkeit von alten Möbelstücken zu schätzen. „Früher war es üblich, dass Antiquitäten zum guten Ton besser betuchter Leute gehören. Junge Leute wollen nicht nur einen Stil. Die kombinieren einen alten Schrank oder eine Kommode mit modernen Stücken“, erzählt Kobelt.

Entscheidung gegen den Eltern-Style

Denn ob man eine Vorliebe für alte Dinge hat, liegt laut Melanie Fritze nicht am Alter, sondern an bisherigen Wohnerfahrungen: „Die Wohnung unserer Kindheit wird für viele zum Wohn-Prototyp. Daraus entwickelt sich auch der Ästhetik-Sinn und was wir mögen oder ablehnen.“ Manch einer entscheide sich bewusst gegen die Einrichtung der Eltern.

Der andere schaffe mit der Wiederherstellung der alten Wohnsituation unterbewusst Sicherheit und Vertrauen. „In den frühen Jahren sind wir noch nicht kognitiv entwickelt, die Umgebung wird emotional erfasst. Das bedeutet, dass Räume und Objekte auch emotional besetzt werden“, so die Wohnpsychologin.

Nachhaltigkeit als Megatrend

Nie war Nachhaltigkeit so wichtig wie heute. Mit dem Kauf und der Restaurierung alter Möbel trifft man den Nerv der Zeit. Denn die modernen Möbel aus Spanplatten lassen sich nicht reparieren. „Die neuen Möbel, die man heute kauft, sind so mies in der Qualität. Die sind gemacht, um sie wegzuwerfen“, meint Kobelt. Die kaufe man nicht für die Ewigkeit, sondern für fünf Jahre und dann richte man sich neu ein. Alte Möbel hingegen lassen sich in den meisten Fällen vollständig restaurieren.

Einfluss auf die Gesundheit

Bei der Einrichtung geht es aber um weit mehr als ästhetische, praktische, preiswerte Einrichtung. Auf wissenschaftlicher Basis beschäftigen sich Architektur- und Wohnpsychologen wie Melanie Fritze mit der Wirkung des Wohnumfeldes auf Menschen. „Wir nehmen unsere Umgebung über die Sinne wahr und jede Wahrnehmung wirkt auf unser Nervensystem und Gehirn. Das geschieht meistens unbewusst, aber das führt langfristig dazu, dass Räume Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit haben“, erklärt Fritze.

Knapp 90 Prozent ihrer Zeit verbringen die meisten Menschen in Gebäuden. Umso wichtiger, dass Wohnraum den eigenen Bedürfnissen entspricht. Dabei verwechseln viele die eigenen Vorstellungen mit Bedürfnissen, denn „Wohnwünsche werden uns von dem, was wir im Fernsehen und in Zeitschriften sehen, vorgegeben“. Gefalle ein Raum optisch, heiße das noch lange nicht, dass er auch den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Worauf kann ich verzichten?

Wohnbedürfnisse sind Privatheit, Sicherheit, Erholung und Regeneration, Gemeinschaft, Aneignung und Selbstentfaltung, Ästhetik und positive Selbstdarstellung. In der Wohnberatung wird darauf eingegangen, aber auch im privaten Rahmen kann man sich folgende Fragen stellen: Welches Wohnbedürfnis ist mir wichtig und worauf kann ich verzichten? Lege ich Wert auf die individuelle Gestaltung meiner Wohnung? Soll sie meinen Status widerspiegeln?

An dem alten Esstisch, für 80 Euro auf Ebay ergattert, haben schon viele Generationen zu Abend gegessen, erzählt die Vorbesitzerin. Und wenn man lange genug über die glitzernde Stelle streicht, glaubt man, die Seele seines Möbelstücks zu kennen.

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