Auf den ersten Blick liegt es da wie in Dornröschenschlaf versunken. Verwunschen versteckt es sich zwar nicht hinter Rosenbüschen, aber hinter Mauern. Es ist auch kein Schloss, aber ein beeindruckendes Gelände mit einem industriell anmutenden und zugleich ästhetischen Ziegelhochbau, einer Villa im selben Stil und zahlreichen weiteren Gebäuden, die allesamt Patina angesetzt haben. Gras wuchert aus den Ritzen, ein stattlicher Park verwildert vor sich hin. Menschen sieht man nur wenige. Und von irgendwo nicht weit weg riecht man im warmen Lüftchen den Neckar. Märchenhaft schön.
Wer durch das offen stehende Tor tritt, findet keine schlafende Prinzessin vor, die es zu küssen gilt, auch keine Spindeln oder Spinnmaschinen – obschon bis Juni 2020 am Spinnerei-Standort der Otto Textil GmbH in Wendlingen-Unterboihingen produziert wurde. Was man aber findet, ist ein Quartier mit einem faszinierenden denkmalgeschützten Altbestand, das bereits im Erwachen liegt und neu ins Leben finden soll.
Industrie-Areal mit Fabrikantenvilla, Kirche und Pfarrhaus
Zu einem Leben, das sich aus einer Mischung von „gesundem Wohnen und Arbeiten“ zusammensetzen soll, sagt Andreas Decker. Man könnte ihn als einen der Prinzen bezeichnen, die das Quartier aus dem Schlaf holen. Der Eigentümer des Areals und Geschäftsführer der HOS-Gruppe mit den drei Kernbereichen Immobilien, Energie, Beteiligungen veranstaltete mit der Stadt Wendlingen und der Internationalen Bauausstellung (IBA) Stuttgart ’27 im vergangenen September einen Visionsworkshop zur Quartierentwicklung. Das Motto: „Wünsch dir was“. Auch Künstler und Polizeihauptkommissare waren eingeladen, gewollt war jede frei gedachte Idee.
Heraus kam, dass der Bestand bestehen und das Neue auf dem Alten aufbauen soll. Denn eigentlich hatte das alte Quartier schon alles, was heute wieder modern ist. Auf dem Gelände in Unterboihingen wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt: Neben den Fertigungsstätten und Lagerhallen gibt es die Fabrikantenvilla, Betriebswohnungen für die Arbeiter und sogar eine Kirche sowie ein Pfarrhaus. Selbst in der Energieversorgung war man durch ein eigenes Wasserkraftwerk autark. „Das war damals schon die produktive Stadt, die wir anstreben“, sagt Tobias Schiller, Sprecher der IBA.
Was heute wieder modern und innovativ ist, begann auch damals als Vorzeigeprojekt. Die Industrialisierung im deutschen Südwesten war eng mit dem Namen Otto verbunden. Im Haus der Stuttgarter Kaufmannsfamilie erkannte man frühzeitig den Umbruch in der Textilfertigung. In England waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwei bahnbrechende Erfindungen geglückt: Bei Richard Arkwright lief 1769 die erste mechanische Spinnmaschine, bei Edmund Cartwright 1786 der erste mechanische Webstuhl.
England und Südwestdeutschland waren getrennte Welten, die Ausfuhr von Maschinen stand unter strenger Strafe. Dennoch gelang es, eine Maschine herauszuschmuggeln und nachzubauen. Die ersten Exemplare standen in Stuttgart-Berg – just dort, wo zwischen 1806 und 1810 ein Sproß der Familie Otto mit Namen Immanuel Friedrich seine Lehrzeit verbrachte. Kurz darauf wagte er einen eigenen produktionstechnischen Einstieg mit einer Türkischrot-Färberei in Nürtingen. Damit stieg er in die Garnfärberei ein und bald auch in die Garnproduktion. 1844 übergab er das Unternehmen an seinen Sohn. Heinrich Otto expandierte rasch, später auch zusammen mit seinen Söhnen Robert und Heinrich sowie seinem Schwiegersohn Albert Melchior.
Da das katholische Unterboihingen (und nicht das evangelische Wendlingen) den Zuschlag für eine Bahnstation an der Strecke Plochingen–Tübingen–Horb erhielt, suchte Heinrich Otto in der kleinen Gemeinde einen Industriestandort. Der Unterboihinger Schultheiß Baumann gab ihm den Zuschlag. Der Fabrikant konnte 1858 das fast ein Hektar große Areal am Neckar südlich von Unterboihingen erwerben.
Das kleine Florenz am Neckar
Das Vorhaben nahm zügig seinen Lauf: 1860 legte Heinrich Otto dem Gemeinderat seine Baupläne vor, die vom renommierten Stuttgarter Architekten Friedrich Silber stammten. Die Unterboihinger Räte staunten nicht schlecht, als ihnen ein kleines Florenz entgegenblickte, so sehr hatte sich Silber von renaissancehaften Anklängen leiten lassen. Man stimmte den Plänen zu.
Heinrich Otto, seine Planer und Bauleiter widerlegten, dass reizvolle Architektur bei Nutzbauten nur Zeitverschwendung sei. 1863 war das Areal fertig. „Es entstanden wirklich wunderschöne Gebäude innerhalb kürzester Zeit“, sagt Maria Saum, Architektin bei der HOS-Gruppe. „Die Architektur folgt hier in der Klarheit ihrer Struktur dem Leitspruch ‚Die Form folgt der Funktion‘. Gleichzeitig besteht ein hoher gestalterischer Anspruch“, sagt auch Raquel Jaureguízar, Projektleiterin bei der IBA. Ein gutes Beispiel dafür sei auch das 1954 bis 1956 errichtete „Pentagon“, ein fünfeckiges Gebäude auf dem Areal, in dem sich einst das Lager für die Stoffballen befand. „Dort hat man der Ästhetik wegen ein Fensterband eingesetzt, obschon man dieses dann von innen abhängen musste, damit die Stoffe nicht durch das hereinfallende Sonnenlicht beeinträchtigt wurden“, sagt der Eigentümer Andreas Decker, der „viel Respekt vor dem großartigen Erbe“ hat.
Inzwischen ist der erste neue Nutzer eingezogen. Die Batene GmbH, ein Ableger des Max-Planck-Instituts, stellt aus feinsten Metallfasern Vliese her, die Akkus effizienter machen. Im Pentagon mit den niedrigen Räumen wurde dafür eine Zwischendecke eingerissen, sodass luftige Räume entstanden. Auch im Hochbau, der ursprünglichen Spinnerei, breitet sich Batene aus und lässt dort jetzt Rein-und Trockenräume sowie Metalllabore entstehen. „Wir könnten die Gebäude nicht weiternutzen“, sagt Andreas Decker, „wenn nicht damals so solide und mit hochwertigen Materialien gebaut worden wäre.“
Die HOS-Gruppe will die Neubauten, die auf einer Freifläche des Quartiers entstehen, ebenfalls so bauen, dass sie länger erhalten bleiben als die 36 Jahre mittlere Nutzungsdauer, die derzeit im Wohnungsbau üblich ist. Am Rande des Quartiers entsteht – so hat das Werkstattverfahren entschieden – ein modernes Areal, in dem gewohnt und gearbeitet wird. Denn, anders als es die Stadt sich zunächst wünschte, soll das Neubauquartier nicht als ein reines Gewerbegebiet daherkommen. Auf der neu entstehenden rund 27 000 Quadratmetern Fläche soll eine vielfältige Nutzung möglich sein, das Quartier soll künftig Menschen aller Schichten offenstehen. Deshalb werden sowohl die gewerblichen Einheiten als auch die Wohnungen nicht verkauft, sondern von der HOS-Gruppe vermietet. „Wir wollen dem entgegensteuern, dass daraus ein elitäres Quartier wird“, sagt Andreas Decker.
„Ein Energiekonzept, das in Deutschland einzigartig ist“
Für den zu sanierenden Altbestand mit rund 20 000 Quadratmetern gibt es neben Batene schon etliche Mieter und Interessenten – etwa die Artfactory aus Esslingen oder die Behindertenwerkstatt Linsenhofen mit Inklusionskantine. Die ersten Neubauten sollen bis zum IBA-Ausstellungsjahr 2027 stehen, so die Hoffnung – auch wenn die Mühlen in der Baubranche derzeit langsam mahlen.
Doch zumindest auf den Neckar ist Verlass. Und auf die drei Turbinen, die von Wasserkraft angetrieben werden. Sie entstanden 1936 und 1956, um auch bei Niedrigwasser Strom erzeugen zu können, und sind immer noch gut in Schuss. „Wir produzieren drei Millionen Kilowattstunden im Jahr. Bisher speisen wir ins öffentliche Netz ein, künftig wollen wir den Strom für das Quartier nutzen“, sagt Andreas Decker. Sein Ziel ist es, einen CO2-neutralen Betrieb zu erreichen. „Wir sind dann wohl sogar CO2-negativ.“ Er plant ein Wärmenetz der vierten Generation mit vielfältiger Energietechnik – von der Wärmepumpe bis zum Eisspeicher. „Ein Konzept, das in Deutschland einzigartig ist.“
Und Decker hat auch die Natur „als erlebbaren Raum“ im Blick. Das Quartier soll noch grüner werden. „Nach der Verdichtung und Neubebauung wird die Biodiversität hier sogar noch höher sein“, verspricht er. Am Ende werden sich vermeintliche Prinzen vielleicht doch einen Weg durchs Dickicht schlagen müssen. Aber dann ist das Quartier längst zu neuem Leben erwacht.
Auf dem Gelände der Neckarspinnerei ist am Samstag, 8. Juli, von 10 bis 22 Uhr ein Festival mit Führungen, Rundgängen, Diskussionen, Performances, einer Vernissage, einem Markt und Musik.