Eines der schönsten Wahrzeichen Berlins ist die strahlend goldene Fassade der Philharmonie am Kemperplatz. Wenn ein Konzert ansteht und die Besucher zum Saal eilen, ragt das Dach des Gebäudes als mächtiges gelbes Zelt in den Abendhimmel, festlich angestrahlt und von weitem sichtbar. Die Konstruktion hat etwas Leichtes, Schwebendes, ja magisch Anziehendes. Und das, obwohl der Bau ein Ort der Hochkultur ist, eine vermeintlich elitäre Kunststätte, die deswegen für viele mit unsichtbaren Hemmschwellen versehen ist.
Der politische Architekt
Der Architekt, der diese Hürden wie spielerisch mit seinem bis heute spektakulären Wurf aus dem Jahre 1963 zumindest sinnbildlich abschaffen wollte, war Hans Scharoun, der am 25. November vor fünfzig Jahren starb. Scharouns Bauwerke waren visionär, insofern er der Architektur eine sinnstiftende Aufgabe zuschrieb: die Förderung eines demokratischen Gemeinwesens. Abzulesen ist diese Vorstellung an der gewagten Dachsilhouette der Berliner Philharmonie. Unter dem alles überwölbenden Zelt begegnen sich Einzelne und werden zu einer Gemeinschaft.
Sehnsucht nach Geborgenheit
Diese Idee des Gemeinschaftsraumes als Zelt hatte Scharoun schon in anderen Projekten umgesetzt, so beschreibt es der Autor Ralf Bock in seiner nun bei Park Books erschienenen kenntnisreichen Monografie zur Ausnahmefigur der deutschen Nachkriegsarchitektur. „Das Motiv des Zeltes verkörpert für den Architekten das tief im Menschen verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit.“
Der Mensch in der Mitte
Ein weiteres Leitmotiv seines Schaffens war das Prinzip des organischen Bauens. Scharoun hatte es bereits in den 1920er Jahren im Kreise der expressionistischen Architektengruppe „Die Gläserne Kette“ entwickelt. Im Mittelpunkt stand für Scharoun der Mensch und seine alltäglichen Bedürfnisse. Aus der genauen Beschreibung der lebendigen Vorgänge innerhalb des Raumes folgt die gelingende Gestaltung desselben. Und weil die Arbeit, das Wohnen oder die Entspannung selten streng voneinander getrennt werden können, wie es tradierte Aufteilungen der Wohnung in Zimmer suggerieren, entwickelte Scharoun die Idee der fließenden Räume, die er schließlich auf ganze Wohnlandschaften übertrug.
In luftigen Höhen
Im Stuttgarter Stadtteil Rot entstand zwischen 1955 und 1959 das Hochhaus-Duo „Romeo und Julia“ inmitten einer organisch verflochtenen Minisiedlung. Die Wohnungen hatten stark variierende Größen, die Farbgebung der Fassaden sowie asymmetrisch angeordnete Balkone betonten das Individuelle, nicht das Serielle.
Bei aller forcierten Gemeinsamkeit: Der Einzelne darf niemals in der Gemeinschaft verschwinden, so lautete Scharouns Dialektik einer zeitgemäßen Architektur für die junge Demokratie der Bundesrepublik. Es war das konsequente Gegenprogramm zur Monumentalarchitektur der Nationalsozialisten, in der das Individuum nichts, das Kollektiv alles war. Scharoun selbst schätzte das unprätentiöse Wohnen in luftigen Höhen: Im Hochhaus „Romeo“ Im Dachgeschoss befinden sich vier Atelierwohnungen mit Dachterrassen, von denen eine der Baumeister als Zweitwohnsitz nutzte.
Bauen für viele
Beim Entwurf des Hochhaussiedlung in Stuttgart-Rot war Hans Scharoun ganz bei sich, da er hier über das einzelne Gebäude hinaus dachte. Was ihm vorschwebte, das war stets die Simulation modernen städtischen Lebens in größeren Zusammenhängen. Die große Baudichte in urbanen Wohnsiedlungen schreckte ihn nicht, im Gegenteil. Scharoun wollte immer für viele bauen: So entwarf er schon in den Zwanzigern dynamische Großstadtarchitekturen wie die Siedlung Siemensstadt (1929/31) in Berlin, die heute zum Weltkulturerbe zählt. Das Apartmenthaus am Berliner Kaiserdamm (1928/29) oder das Wohnheim der Werkbundsiedlung in Breslau (1928/29) gehörten zu seinen herausragenden Arbeiten.
Kühnheit moderner Schiffe
Zwei seiner Meisterwerke waren indes kleindimensionierte Projekte, Einfamilienhäuser von raffinierter Einfachheit. Das Haus 33 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, das 1927 entstand, sowie das legendäre Haus Schminke im sächsischen Löbau, das Scharoun 1933 für das Bauherrenpaar Fritz und Charlotte Schminke konzipierte. Ein heller Bau mit beweglichen Raumteilern aus Glas. Scharoun lässt auch hier den Raum: fließen.
Das Haus mit seinem auskragenden Balkon erinnert an eine Jacht mit Garten. Maritime Zitate entdeckt man in vielen seiner Bauten, selbst im Spätwerk, was vielleicht daran lag, dass er 1893 in Bremen zur Welt kam. „Man ersehnt“, so schreibt Scharoun, „etwas von der Kühnheit moderner Schiffskonstruktionen auf die Gestaltung des Hauses übertragen zu sehen und hofft, dadurch die Kleinlichkeit und Enge des heutigen Wohnungsbaus zu überwinden.“ Dass dieser Ausnahmearchitekt die Enge überwunden hat, daran besteht kein Zweifel.
Info
Haus Schminke
Das Haus Schminke im sächsischen Löbau wurde von Hans Scharoun entworfen und zählt zu den wichtigsten Wohnhäusern der klassischen Moderne. 1993 verzichteten die Erben der Familie Schminke auf die Rückgabe ihres Elternhauses und ebneten damit den Weg, es als öffentliches Architekturdenkmal nutzbar zu machen. Die Familienvilla ist heute ein Museum - in dem man auch übernachten kann. Auskünfte dazu gibt es unter www.stiftung-hausschminke.eu.
Monografie
Die im Verlag Park Books frisch erschienene Monografie „Hans Scharoun: Gestalt finden“ stellt erstmals 32 gut erhaltene Gebäude Scharouns im Detail vor: mit ausgedehnten Fotostrecken des französischen Architekturfotografen Philippe Ruault und Texten des Scharoun-Kenners Ralf Bock.