Wunderte den Architekten Martin Haas zu Beginn seiner Zeit in Stuttgart: „Ein Palast direkt an der Straße, wo gibt es denn sowas?“ Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Martin Haas wählt in unserer Reihe „Ein Architekt zeigt sein Stadt“ einen merkwürdigen Lieblingsort der Stuttgarter. Auf der Treppe vor dem Wilhelmspalais spricht er darüber, was er von Günter Behnisch gelernt hat und wie die Stadt künftig aussehen wird.
Der typische Stuttgarter Ausgehmensch meidet Uferpromenaden und heimelig beleuchtete Lokalitäten am Fluss, die es ohnehin nicht gibt, und verbringt seine Feierabende lieber an dröhnenden Hauptstraßen oder auf Plätzen, die zwar edle Namen tragen, in Wirklichkeit aber abgasgeschwängerte Kreuzungen sind. Begehrt sind winzige Lokale, deren Außenbestuhlung es den Gästen ermöglicht, die Beifahrer der vorbeirasenden Straßenpanzer abzuklatschen. So ist das am Wilhelmsplatz, am Eugensplatz oder auch im Lehen.
Blick auf die umtoste Stuttgarter Stadtautobahn
Und selbstverständlich suchen sich die jungen Leute an Sommerabenden mit einem Bier in der Hand einen Platz auf der Treppe des Wilhelmspalais – der seit der Umwandlung in ein Museum auch Stadtpalais heißt –, um bei Musik worauf zu schauen? Genau: auf die umtoste Stadtautobahn B 14, auf die Kreuzung namens Charlottenplatz.
Deswegen wundert es nicht, dass sich auch Martin Haas zum Treffen einen Platz an einer der beliebtesten Straßen Stuttgarts ausgesucht hat. Es ist ein sonniger Vormittag, vor dem Stadtpalais, man schaut auf den brummenden Charlottenplatz. „Das ist ein Lieblingsort von mir, auch weil er typisch für diese Stadt ist“, sagt der Architekt Martin Haas lächelnd, der unterhalb des Eugensplatzes und damit gar nicht weit von hier entfernt mit seiner Familie wohnt und beinahe täglich die B 14 quert, um zu seinem Arbeitsplatz am Berliner Platz zu gelangen.
Party, Ausstellung, Aussichtspunkt: der Treffpunkt an der Kreuzung ist alles andere als ein abweisender Un-Ort. Am ehemaligen Wohnsitz des letzten württembergischen Königs Wilhelm II. hat sich in der jüngsten Zeit viel getan. Rund um den Charlottenplatz geht die Stadt – zumindest auch aus architektonischer Sicht – in die Vollen. Im Mai vergangenen Jahres wurde die eindrucksvolle 80 Meter breite Freitreppe feierlich eröffnet, verantwortlich zeichnete mit LRO Architekten eines der bekanntesten Planungsbüros der Stadt und darüber hinaus.
Mobility-Hub fürs progressive Stadtvolk
Und einen Steinwurf weiter entfernt entsteht nach dem Abbau des Breuninger-Parkhauses der von Martin Haas und seinem Team geplante Mobility-Hub, eine Art Transitstation für das urbane Volk: „Im Untergeschoss bleibt der Betonparkraum erhalten“, erklärt Haas das Konzept. „Darüber wird der Hub in Stahl- und Holzbauweise mit Fahrradreparaturwerkstatt, Fahrradparkplätzen, einem Café, einem Restaurant sowie weiteren Läden umgesetzt.“
Das klingt gut, es klingt ehrgeizig. Und es hört sich nach einem klassischen Projekt von haascookzemmrich STUDIO 2050 an. Ein etwas komplizierter Name. Der Zusatz STUDIO 2050 erinnert allerdings daran, dass man – einerseits – in Europa ab dem Jahr 2050 klimaneutral leben will, und – andererseits – welche Ziele man in der täglichen Arbeit als Architektin und Architekt im Büro von Martin Haas, David Cook und Stephan Zemmrich anvisiert.
In der Realisierung: Mobilitätshub auf dem Areal es ehemaligen Breuninger Parkhauses in Stuttgart. Foto: Rendering haascookzemmrich
So umweltverträglich wie möglich planen und bauen, oder, noch besser: umbauen. Je weniger Graue Energie vernichtet wird, desto besser. Wie das geht, kann man demnächst an repräsentativer Stelle in der Stadt bewundern: In der Königstraße 1a/b plant das Büro nämlich ein Gebäude, bei dem abgebrochene Teile wieder eingesetzt werden – verwendet wird möglichst viel nachwachsendes Material.
Ganz anders der 1840 von Hofbaumeister Giovanni Salucci entworfene Wilhelmspalais: er war eines der ersten Gebäude, die Martin Haas bewusst wahrnimmt, als er aus der südbadischen Heimat zum Architekturstudium nach Stuttgart kommt. „Ein Palast direkt an der Straße, wo gibt es denn sowas?“, denkt er sich damals.
Martin Haas kannte bis dahin keine andere Stadt, in der man permanent mit Autos in Kontakt steht, „und diese Nähe auch noch von den Bewohnern als Charaktereigenschaft betont wird.“ Das hat ihn schon beeindruckt, wie er sagt. „Und dann fand ich es wirklich mutig, als die Treppenanlage nun dazu kam. Zugegebenermaßen musste ich anfangs schmunzeln, doch dann dachte ich: Ja, klar, das ist Stuttgart.“
Die Auseinandersetzung mit dem Fetisch Auto in der Stadt von Daimler und Porsche findet der Architekt spannend, ja geradezu inspirierend. „Der Wohlstand hier ist begründet“, erklärt er. „Den Zukunftswillen mit dem Auto zu verknüpfen ist historisch betrachtet verständlich: Man plante den Wiederaufbau der Stadt ums Auto herum, aufgrund der heimischen Industrie war das quasi selbsterklärend. Heute aber stellen sich andere Fragen. Das Auto muss aus dem öffentlichen Raum raus. Mobilität muss neu gedacht werden. Und das ist, davon bin ich überzeugt, in Stuttgart vielleicht sogar einfacher als in anderen Städten, denn das Auto mit all seinen Problemen ist hier deutlich spürbar. Es gibt auch daher eher den Willen zur Abkehr von der autogerechten Stadt“, sagt der Architekt und betont nochmals, als er die hochgezogenen Augenbrauen an seinem Gegenüber bemerkt. „Und es geschieht ja auch etwas. Steter Tropfen höhlt den Stein.“
Martin Haas’ erster Berufswunsch? Regisseur!
Das Museums-Café im Stadtpalais füllt sich allmählich, es wird laut und hibbelig, doch Martin Haas lässt sich keinen Moment lang ablenken. Der Mann ruht in sich, er ist höflich, hört zu, hat für das Gespräch sein Handy stumm gestellt. Eine Ausnahme heutzutage. Martin Haas ist kein typischer Vertreter seiner Zunft, er spricht und argumentiert wie ein Intellektueller. Wie einer, dem es um wesentlich mehr als nur den Bau von Gebäudehüllen geht.
Und das hat Gründe. Martin Haas, Jahrgang 1967, wächst im Badischen auf, ganz im Süden, unweit der Schweizer Grenze. „Kleines Dorf, einfach schön, das Klischee schlechthin“, sagt Haas über seine Heimat, die er fürs Studium verlässt, aber nicht um Architekt zu werden, sondern Regisseur. Künstler. Was auf der Hand liegt.
Denn Haas‘ ganze Familie hat sich der Musik verschrieben, der Vater ist Musiklehrer. Die Architektur gehört aber zum bürgerlichen Bildungskanon. Jeden Herbst reisen die Eltern mit den Kindern in eine andere Stadt, machen Besichtigungen, besuchen Kirchen, Kathedralen. Das schult den Blick für Räume, inspiriert, weitet den Blick.
Noch heute, sagt Haas, besucht er in einer fremden Stadt immer zuerst den bedeutendsten Sakralraum. Das mit der Filmhochschule in München klappt nicht, also geht Haas nach Stuttgart, schreibt sich an jener Universität ein, an der Architekten von Weltruf lehren. Diese Zeit wird ihn fürs Leben prägen, besonders Dieter Herrmann, der neben anderen das Stuttgarter Planetarium zeichnete und als Professor für Baustofflehre und Entwurf heute in vielen Biografien erfolgreicher Architekten auftaucht.
Arbeit bei Behnisch Architekten
Nach dem Abschluss wird Haas bald schon für Behnisch Architekten planen, von 1995 bis 2012, seit 2005 als Partner. Sein Interesse gilt zunehmend der Entwicklung innovativer, nachhaltiger Architektur, „was an der Hochschule leider nicht gelehrt wurde.“ Vieles ist Neuland, der Einsatz traditioneller Baustoffe wie Holz, gar Lehm wird mindestens skeptisch gesehen. Doch Haas forciert das Thema, indem er bei Behnisch Architekten aussteigt und im Jahr 2012 zusammen mit David Cook und Stephan Zemmrich sein eigenes Büro gründet.
Haas und seinen Partnern geht es dabei um eine möglichst umweltfreundliche, dem Menschen zugewandte Architektur. Zahlreiche Projekte werden realisiert. Zu den ambitioniertesten gehören Aufträge von bekannten Bio-Lebensmittelhändlern. Auf den Hauptsitz von Alnatura in Darmstadt folgt ebenda der Umbau eines alten Gutshofs zum Büro für den ökologischen Verband Demeter.
Ein repräsentativer Firmenstandort für das Naturkostunternehmen Rapunzel im Allgäu – mit Bio-Restaurant und Veranstaltungsräumen für die Anwohner – wird daraufhin mit unzähligen Preisen bedacht. Bei diesen Arbeiten scheint Martin Haas ganz bei sich zu sein. „Räume prägen Menschen“, sagt Haas. „Faszinierend finde ich bis heute, dass ich Lebensräume gestalten darf. Damit geht eine Verantwortung einher, da ich als Architekt damit Einfluss nehmen kann auf die Entwicklung von Gesellschaft und nicht nur Funktionen abbilde.“
Kein Zweifel, hier spricht ein Nachkomme der süddeutschen Architektenschule. Das leugnet Haas auch nicht, im Gegenteil. Zu seinen Herzensarchitekten gehören Gutbrod und Scharoun, die Liederhalle ist für Haas eines der schönsten Gebäude überhaupt. eines der schönsten Gebäude überhaupt. „Diese Architekten haben für den Einzelnen, für Individuen gebaut. Sehr differenziert und fein. Nicht für die Masse“, sagt Martin Haas, und verweist auf die politische Verantwortung der Architektur.
Unangenehme Begegnung mit Uli Hoeneß
Dann erzählt Martin Haas von einer denkwürdigen Begegnung im Büro von Günter Behnisch. 1995 waren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu Besuch und äußerten den Wunsch nach einem Umbau des legendären Olympiastadions, dass ebenjener Behnisch Anfang der 70er Jahre geplant hatte.
Die beiden Manager des FC Bayern München wollten aber „eine Arena, in der es kocht. Behnisch war allerdings war die Vorstellung, Menschen einzupferchen, ein Gräuel“, erinnert sich Haas. Mitte der 90er Jahre war es wirtschaftlich schwierig, auch für renommierte Büros. „Trotzdem hat Behnisch alles getan, um diese beiden aus dem Büro zu bekommen. Ich kenne keinen Architekten, der solch ein Projekt in so einer Situation bei Seite geschoben hätte. Das hat mich beeindruckt.“
Diese Weigerung der bedeutenden süddeutschen Nachkriegsarchitekten, „herrisch zu wirken, sondern weltoffen und locker“, beschreibt auch ein Leitmotiv in der Arbeit von Martin Haas. Und deswegen macht es ihm nichts aus, dass ausgerechnet die Architektenstadt Stuttgart so wenige Signature-Bauten hat, Gebäude, die Weltberühmtheiten sind. „Macht nichts“, erwidert der Wahl-Stuttgarter Haas. „Stuttgart grummelt. Stuttgart ist so wenig selbstverliebt. Das gefällt mir auch, denn genau diese Uneitelkeit kann für einen Architekten überaus anregend sein.“