Architekt Peter Ippolito und sein Stuttgart „Stuttgart tut sich schwer mit seiner Architektur“

Der Stuttgarter Architekt Peter Ippolito in der Staatsgalerie. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Peter Ippolito wählt in unserer Reihe „Ein Architekt zeigt seine Stadt“ ein berühmtes Gebäude der Postmoderne. In der Stuttgarter Staatsgalerie spricht er über Architektur und sagt, warum man „besonders gut darin sein muss, dumme Fragen zu stellen“.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Es hätte auch das Mercedes-Museum werden können, der silberpfeilige Automobiltempel in Bad Cannstatt, mit dem das niederländische UN Architekturbüro die Stadt um eine der top Sehenswürdigkeiten bereichert hat. „Stuttgart tut sich schwer mit seiner Architektur, aber alle paar Dekaden entsteht etwas Bedeutendes“, sagt Peter Ippolito, während er im Selbstbedienungscafé „Stirlings“ sitzt und seinen Kuchen auf dem Holztisch abstellt, „die Weißenhofsiedlung, die Staatsgalerie, das Mercedes Museum, wahrscheinlich der neue Bahnhof“.

 

Hätte, wenn und aber: der Fotograf hat den Architekten mitten in der Stadt – in der Staatsgalerie – porträtiert. Denn zu dem Museum hat er auch ein besonderes persönliches Verhältnis. Bereitwillig hat Peter Ippolito vor der pinkfarbenen Röhren posiert und sich vor dem orangefarbenen Drehtürkreuz gestellt, mit verschränkten Armen, gut gelaunt aber. Was auch sein Verhältnis zum Haus spiegelt.

Die ästhetische Erziehung eines jungen Mannes aus Franken war es, die ihn James Stirlings Staatsgalerie zum Treffpunkt für ein Gespräch über die Stadt und die Architektur auswählen ließ. Mit einem Lachen verneint er die Frage, ob er den Ort als Replik auf die Äußerung seines Kollegen Stefan Behnisch in unserer Zeitung, die Staatsgalerie sei „eine ganz schwache Nummer“ gewählt habe. „Den Ort habe ich schon vorher ausgesucht“, sagt Peter Ippolito.

Schwach aber finde er tatsächlich auch etwas am Gebäude und weist in Richtung Garderobe, wo allerhand Gerätschaften lieblos abgestellt sind. „Das“, sagt er, „ist Restraum-Management“. Wie es besser ginge? „Ich finde, man könnte mutiger mit dem Gebäude umgehen, es mutiger nutzen. Man muss mit guter Architektur einen lebendigen Umgang pflegen und sie nicht nur konservieren. Dazu muss man aber auch einmal stören wollen. Die Bedeutung, die die Staatsgalerie einmal in der Museumslandschaft hatte, hat sie längst nicht mehr.“

Gleichwohl, sagt der Architekt, gehöre das 1984 eröffnete Museum immer noch zu seinen architektonischen Favoriten. Er kennt es, seit es gerade erst einige Jahre stand. Die Freundin eines Freundes wohnte in Stuttgart. „Wir sind also häufig von meiner Heimat Nürnberg nach Stuttgart gefahren, und ich habe auch später in der Staatsgalerie gejobbt. So habe ich dort die Kunst von innen und außen entdeckt. Diese Phase meines Lebens ist zugleich mit meinem ästhetischen Erwachsenwerden einhergegangen. Die Hoch-Zeit der Postmoderne, für die die Staatsgalerie ja eines der herausragenden Beispiele ist, war der Nährboden des Dekonstruktivismus, der mich akademisch geprägt hat.“

Stuttgart als Homebase für die Erkundung der Welt

Bevor die Nachhaltigkeitsdebatte die Architektur erreicht hat, focht man Dispute über die zitierfreudige Postmoderne und die Dekonstruktion aus, standen sogenannte Stararchitekten im Zentrum von Debatten. So einen hat auch Peter Ippolito kennengelernt, Daniel Libeskind, Architekt des Jüdischen Museums Berlin, ein Architekt, der für seine erzählerische Formensprache gerühmt wird. Eine Begegnung mit Folgen. „Ich hatte sehr viel Interesse an Architekturtheorie im Grundstudium, und als ich einen Vortrag von Libeskind hörte, war das wie ein Erweckungsmoment für mich im Sinne von: Das ist dein intellektuelles Zuhause.“

Als Student arbeitete er einige Zeit dann auch in Libeskinds Büro in Berlin. Damals schon sei ihm klar gewesen, nach diesem Erlebnis würde es ihm schwer fallen, in einem anderen Büro zu arbeiten. „Das geschieht einem ja selten im Leben, dass man ahnt, man befindet sich gerade an einem Ort, an dem Architekturgeschichte geschrieben wird.“

Geblieben ist er nach seinem Studienaufenthalt in Chicago und dem Abschluss des Studiums dann aber doch in Stuttgart, wo er mit seinem Ehemann lebt. „Ich hatte immer ein hervorragendes soziales Umfeld in Stuttgart, eine großartige Homebase, um von hier die Welt kennenzulernen.“

Und bei aller Kritik, die Staatsgalerie zählt auch zu den Großartigkeiten der Stadt. Was ihn abgesehen von Jugenderinnerungen an dem Bau begeistert? Peter Ippolito blickt sich um, man schaut mit ihm aufs knallgrüne Linoleum, auf die offene Rotunde, die man durchs Fenster sehen kann.

Je mehr Wissen man über Architekturgeschichte habe, desto mehr bauliche Zitate aus vergangenen Epochen könne man an dem Gebäude entdecken. Architekturstudierende können lernen, wie hier von der Antike bis zu Le Corbusier Architektur zitiert, umgewertet, ironisch gebrochen wird.

„Doch auch ganz ohne Wissen kann man das Gebäude genießen, es ist erzähloffen. Es lädt ein zu Entdeckungen. Diese Momente der Aneignung, dass jeder das Gebäude sozusagen liest, wie er kann und will, macht Gebäude für mich interessant und offen. Das Spiel mit Bedeutungen fasziniert mich. Also das, was die Nachkriegsarchitektenschaft in Deutschland verurteilte, das genau faszinierte mich: Das Augenzwinkern, die intellektuelle Ernsthaftigkeit und die spielerische Freiheit, Codes umzuwerten.“

Starke Positionen vom Stilmix bis zum Minimalismus

Wichtig sei auch, dass dieses Gebäude so viele verschiedene, auch ablehnende Reaktionen erfahren habe. „Ich kenne, abgesehen vom neuen Bahnhof, wenige Gebäude in Stuttgart, die so umkämpft waren, Adjektive von faschistoid bis weltklasse erhielt. Man kann sich daran reiben. Reibung schafft Auseinandersetzung und Aneignung. Das macht auch gute Architektur aus.“

Reibung, starke Positionen – das definiert auch die Arbeit seines Büros, das mal mit Entwürfen voller Zitate und mutigem Stilmix beeindruckt, mal minimalistische Interieurs entwirft und für den der Begriff Innenarchitektur zu klein ist.

„Identity Architecture“ ist Teil des Büronamens der Ippolito Fleitz Group. Architektur, vor allem aber Innenarchitektur für Büros und Wohnhäuser planen Peter Ippolito und Gunter Fleitz und ihre 125 Angestellten ebenso wie für Rathäuser und Kantinen wie die des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ statten sie aus, gestalten Firmenzentralen in Hannover und Schanghai, Messeauftritte renommierter Möbelhersteller, Showrooms von E-Autofirmen ebenso wie von Küchenherstellern. Möbel und Teppiche entwerfen sie außerdem.

Die Kantine des Hamburger Magazins „Der Spiegel“ (2011). Foto: Ippolito Fleitz Group/Zooey Braun

Peter Ippolito und Gunter Fleitz, die sich seit den frühen 1990er Jahren kennen, seit Gunter Fleitz in Ippolitos Wohngemeinschaft zog, haben 2002 ihr Büro gegründet. „Wir ergänzen uns gegenseitig“, sagt Peter Ippolito: „Es ist ein Privileg, meine berufliche Partnerschaft mit jemandem zu teilen, mit dem ich bereits seit über 30 Jahren eng befreundet bin.“

Das Spiel mit Bedeutungen, eine „offene Narration“, die er an Architektur schätzt, sieht er nicht als Selbstzweck: „Gute Architektur, gute Innenarchitektur ist für den Menschen da“, sagt Peter Ippolito. „Wir wollten nie für einen bestimmten Stil bekannt sein, sondern waren immer interessiert an den vielen Perspektiven, Ideen und Sehnsüchte unserer sehr verschiedenen Kunden. Wir sind geprägt von einer tiefen Freude an der Vielfalt der Welt und waren von Anfang an neugierig auch international arbeiten. Unser Maßstab ist immer die Welt. Wir fanden es immer als befreiend, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen und in der Erkenntnis, dass gleiche Fragestellungen mit komplett anderen Sichtweisen genauso valide Antworten ermöglichen, unseren Horizont beständig zu erweitern.“

Architekt Peter Ippolito: „Im besten Fall hört man zu, versteht es, man vergisst die Bilder und macht es dann neu und besser.“ Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Nur, findet man für ein Projekt den passenden Stil? Und wie geht man damit um,dass heute oft Kunden mit teils sehr konkreten Bildern zum Gespräch kommen, weil das Internet und Social-Media-Plattformen so viele Bilder und Ideen liefern? „Im besten Fall hört man zu, versteht es, man vergisst es“ – nun macht Peter Ippolito eine Kunstpause und lächelt: „und macht es dann neu und besser.“

Selbst überrascht sein , empathisch, gedanklich flexibel – so begann auch die internationale Karriere. „Wir hatten erst ein paar Projekte verwirklicht, da kam die Anfrage aus Usbekistan, innerhalb von einer Woche einen Entwurf für ein repräsentatives Regierungsgebäude vorzulegen: Es sollte keine verkitschte Vergangenheit und kein sowjetischer Stil sein.“

So etwas stimuliert und setzt Adrenalin frei, es bedeutet aber auch Arbeit rund um die Uhr für ihn und die 18 Mitarbeiter, darunter drei Praktikanten. Der in nur sechs Monaten geplante und gebaute „Palace of international Forums“ steht nun seit 2009 mitten in Taschkent und ist eines der wichtigsten Repräsentationsgebäude des Landes. „Wir sind gut darin“, sagt der Architekt, „unseren Instinkten zu vertrauen und uns gleichzeitig sehr schnell auf neue Kontexte einzulassen.“ Nicht das Vertraute, sondern Projekte mit komplexen Fragestellungen reizen ihn, Gunter Fleitz und seine Mitarbeiter. „Man muss besonders gut darin sein, dumme Fragen zu stellen“.

Große Herausforderung, magische Momente

Wer sich so rasch in ein Land mit seiner Kultur und Geschichte einarbeitet, sollte gedanklich flexibel sein, und so wundert es nicht, wenn Peter Ippolito an diesem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen von seiner inspirierenden Zeit als Student im Büro von Daniel Libeskind in Berlin und von Projekten in Usbekistan ebenso eloquent spricht wie über französische Literaten wie Georges Perec, die das Wagnis unternehmen, Romane ohne E zu schreiben, worin er durchaus Parallelen zu seiner Arbeit sieht.

Denn besonders herausfordernd seien Arbeiten mit strengen oder herausfordernden Vorgaben. „Das sind magische Momente“, sagt Peter Ippolito, „wenn wir in andere Kulturen eintauchen, andere Sichtweisen kennenlernen.“ Und im besten Fall entsteht in der freudvollen Reibung am Neuen, am Fremden: herausragend gute Arbeit.

Weitere Themen