Architekt Werner Sobek zur Baukrise „Die Summe der architektonischen Grausamkeiten ist enorm“

Werner Sobek (71) kritisiert die deutsche Überregulierung: „Innovation wird quasi erdrosselt.“ Foto: René Mueller Photographie

Der Stuttgarter Architekt und Ingenieur Werner Sobek kritisiert die Vollkasko-Mentalität im kriselnden Bauwesen. Und er sagt, warum er auch keine Einfamilienhäuser entwirft.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Mit dem ökologischen Prießnitz-Quartier im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt hat der Architekt und Ingenieur Werner Sobek gezeigt, dass man mit seriellem Holzbau schnell und nachhaltig bauen kann. Von der Auftragserteilung durch die Bauherrin SWSG (Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft) bis zum fertigen Wohnquartier mit sechs Häusern und 330 Wohneinheiten dauerte es 42 Monate. Warum dennoch oft nicht schnell und gut gebaut wird und was sich gesellschaftlich verändern müsste, um die Baukrise zu beenden, sagt Werner Sobek im Interview.

 

Herr Sobek, die Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi, hat während ihrer Eröffnungsrede zum Prießnitz-Quartier den digitalen Bauantrag des Landes erwähnt, der es möglich machen soll, innerhalb von drei Monaten eine Baugenehmigung zu erhalten. Wie war das bei diesem Projekt?

Der digitale Bauantrag ist eine gute Sache. Wie das in den Bauämtern funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Wir haben die Genehmigung in Cannstatt nach einem Jahr erhalten. Wir haben sehr sorgfältig geplant, es gab wenig Nachfragen seitens der Ämter und kein Veto von dort. Die Zusammenarbeit war bestens! Sechs Monate ab Auftrag war der Keller fertig. Wir haben ein anderes Problem.

Welches?

Eine Vervierfachung der Regelungen seit dem Jahr 2000. Es gibt 20 000 Regelungen, die vertraglich eingehalten werden müssen. Die Bauämter sind hierfür nur bedingt bis gar nicht verantwortlich. Ein Weiteres: Die Bauämter können das, was mancher so fordert, gar nicht leisten. Ende des vergangenen Jahrhunderts hat man gefordert, dass man die Ämter effektiver machen und das Leistungsprinzip für Behördenmitarbeiter und Mitarbeiterinnen einführen müsse. Man hat daraufhin die Stellenpläne ausgedünnt und die Gehälter nicht nachgezogen. Jetzt wundern wir uns, wenn die Leistungsfähigkeit der Ämter nicht so ist, wie wir sie uns wünschen.

Das PlusEnergieQuartier mit sechs Wohnhäusern in Stuttgart ist in nur 42 Monaten entstanden. Foto: SWSG/Sebastian Bullinger

Wie ließe sich das beheben?

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen Wertschätzung erfahren und sie müssen gut bezahlt werden. Und wir alle sollten mit weniger Normen arbeiten müssen. Es herrscht ein Regeldickicht im Bauwesen. Das ist wie ein Kokon. Man baut rechtssicher, kann sich in seinem Kokon aber nicht mehr bewegen. Innovation wird quasi erdrosselt.

Ist dieser Kokon aufzubrechen?

Es gibt einen Trend in unserer Gesellschaft, immer mehr Dinge gesetzlich oder vertraglich zu fixieren, damit man sich im Zweifelsfall, häufig im Schadensfall, auf diese Vereinbarungen berufen kann. Die Jurisprudenz muss alle diese Verstöße gegen Vereinbarungen und Vorschriften abarbeiten. Je mehr Regelungen es gibt, desto mehr Verstöße sind möglich, desto mehr wird geklagt.

Die Menschen verlangen nach zu viel Sicherheit?

Ich denke, unsere Vollkasko-Mentalität muss sich ändern. Der Mensch ist auch dadurch charakterisiert, dass er Fehler macht. Das macht das Menschsein aus. Heute erwartet jeder fehlerfreie Produkte und Menschen, die keine Fehler machen. Die Gesellschaft muss doch eines akzeptieren: dass ein jeder Fehler macht und machen darf. Das ist eine Einsicht, die befreiend sein kann. Vorsätzlich fehlerhaftes Handeln ist hiervon natürlich ausgenommen.

Könnte die Forderung nach einer Gebäudeklasse E helfen, die das Bauen mit weniger Vorschriften ermöglicht?

Die Gebäudeklasse E, bei der gewisse Normen und Richtlinien nicht gelten sollen, kann hilfreich bei der Vereinfachung, der Beschleunigung und der Kostenreduktion im Bauen sein. Geklärt werden muss – und dies geschieht gerade auf Ebene der Bundesregierung – wie verfahren werden muss, wenn es außerhalb der geregelten Bereiche zu Problemen kommt.

Sind dabei auch die Bauherren gefordert?

Die Bauherren müssen hier zukünftig sicherlich zu mehr Toleranz bereit sein. schließlich sind es ja gerade sie, die durch die Anwendung der Gebäudeklasse E schneller und preiswerter bauen können. Es kann dann eben nicht mehr wegen irgendwelcher kleiner Unzulänglichkeiten geklagt werden, wie dies heute leider allzu häufig der Fall ist.

Nun hätte man bei der offiziellen Einweihung Ihres Plus-Energie-Quartiers hoffen können, dass Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper ein neues Projekt dieser Größenordnung ankündigt, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist ja durch das Quartier im Prießnitzweg nicht behoben.

Die Branche blickt auf Baupreissteigerungen, auch auf sich verteuernde Rohstoffe. Es ist ein schwieriges Arbeiten in schwierigen Bedingungen. Die SWSG ist aber ein absolut professioneller Bauherr, mit dem man wunderbar zusammenarbeiten kann. Ich hoffe, dass wir zusammen weitere Projekte realisieren können.

Mehr Wohnungen werden benötigt, zugleich ist der Traum vom Einfamilienhaus, wie Umfragen zeigen, selbst bei jungen Leuten, immer noch nicht ausgeträumt. Entwickeln Sie dafür auch Modulbauten, also architektonisch gute Fertighäuser zum Beispiel?

Die Einfamilienhäuser, die ich entworfen habe, waren Experimentalgebäude, um etwas ausprobieren zu können. Zwei Dinge zu dem Problem: Wenn wir Einfamilienhäuser bauen, haben wir eine größere Bodenversiegelung, und die Aufwendungen für die Infrastruktur sind etwa doppelt so hoch in neuen Mehrfamilienhaussiedlungen. Denken Sie allein an die Abstände zwischen den Häusern, das bedeutet oft eine Verdoppelung der Straßenlänge, der unterirdischen Leitungssysteme etcetera.

Das Wohnhaus des Architekten und Ingenieurs Werner Sobek in Stuttgart. Foto: Werner Sobek/Zooey Braun

Und das zweite Problem?

Es gilt zu bedenken, dass wir zukünftig alles mit einem CO2-Preis behaften müssen. Die Extraktion von einem Kilogramm Kohlendioxid aus der Atmosphäre kostet heute ca. 1000 Euro. Wenn wir diese Kosten auf die Baukosten aufschlagen, wird das Bauen unbezahlbar. Wir müssen also zwingend dahinkommen, weniger Material zu verwenden und zudem solches, das weniger CO2 behaftet ist. Bitte denken Sie stets daran: Wir haben kein Energieproblem, wir haben ein Emissionsproblem.

Sie meinen das Problem liegt nicht nur im Bauen von Gebäuden, sondern im Verbrauch?

Wir müssen das Bauen ganzheitlich sehen. Neu zu bauen bedeutet Flächenverbrauch und Flächenversiegelung, auch und insbesondere für Straßen und Parkplätze. Das Bauen selbst bedeutet Ressourcenverbrauch, bedeutet ein Heranschaffen von Baustoffen und Bauteilen, teilweise über große Entfernungen. Zur Herstellung dieser Baustoffe und Bauteile wird viel Energie benötigt; häufig werden hierbei in großen Mengen klimaschädliche Gase emittiert. Beim Betrieb der Gebäude, beim Bewohnen unserer Häuser verbrauchen wir Energie. Wir bezahlen dafür . . .

. . . aber?

Wir bezahlen aber so gut wie nichts für die bei der Verbrennung von Öl, Gas oder Holz entstehenden Emissionen. Die im Zertifikatehandel derzeit üblichen Preise für Kohlendioxid sind viel zu niedrig. Sie haben nichts mit dem derzeitigen Marktpreis für die Extraktion von Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu tun. Mit den bisher angewandten Vorgehensweisen werden wir das Problem der Erderwärmung also nicht lösen.

Es sind also keine Plus-Energie-Einfamilienhäuser von Ihnen zu erwarten.

Natürlich hat das Planen der wenigen von mir verantworteten Einfamilienhäuser auch Spaß gemacht. Insbesondere die intensive Kommunikation mit der Bauherrschaft hat zu vielen Freundschaften geführt. Man muss aber auch sagen, dass das Planen von maßgeschneiderten Nullenergiehäusern, die weitestgehend rezyklierbar sind und die keine Emissionen verursachen, viel Arbeit ist. Anstrengende Arbeit.

Aber die vielen Fertighäuser im „Toskanastil“ können Sie als Architekten doch auch nicht glücklich machen.

Ja, die Summe der architektonischen Grausamkeiten ist enorm.

Info

Architekt
Werner Sobek, Jahrgang 1953, zählt zu den international renommierten Architekten und Bauingenieure. Seit 1994 wurde Werner Sobek Professor an der Universität Stuttgart, im Jahr 2000 übernahm er einen zweiten Lehrstuhl als Nachfolger von Jörg Schlaich und gründete das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK). 2008 bis 2014 hatte er zudem die Mies van der Rohe Professur in den USA. Seine erste Professur war 1991 bis 1994 an der Universität Hannover. Zu wichtigen Bauwerken, an denen Werner Sobek maßgeblich Anteil hat, zählt der Thyssenkruppp-Aufzugturm in Rottweil, der neue Hauptbahnhof in Stuttgart, das Mercedes-Museum in Stuttgart, sein Wohnhaus R 128, kürzlich konstruierte er eine Brücke in seiner Heimatstadt Aalen.

Aktivhaus
Neben Werner Sobeks Planungsbüro für Architektur + Ingenieurskunst mit 450 Mitarbeitenden mit Niederlassungen von NY bis Dubai gibt es die Firma Aktivhaus, mitgegründet von Werner Sobek, die ökologische Holzmodule in Serie fertigt – so wie im Prießnitzquartier in Stuttgart. Mit nur etwa einem Sechstel des Gewichts eines konventionell in Massivbauweise erstellten Gebäudes eignen sich die Module auch für Aufstockung und Nachverdichtung.

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