Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis für Architektur geht an Architekten, die eine Dorfhalle umbauten – während sie den Tod ihres Kollegen betrauerten. Ein Gespräch übers Weitermachen.
Nicht sehr prophetisch musste man sein, um vorauszusagen, dass in diesen Umbau nicht nur die Ingerkingerer schockverliebt sein würden: das junge Stuttgarter Architekturbüro Atelier Kaiser Shen hat mit der Sanierung einer in die Jahre gekommenen Mehrzweckhalle in Ingerkingen gezeigt, dass Weiterbau im Bestand gestalterisch überaus überzeugend sein kann.
Die Architekten haben auf dem Land eine cool in der Landschaft stehende Multifunktionshalle fürs alemannische Fasnachtfeiern, für Sport, für Feste umgebaut, die nicht den gestalterischen Mief von vorgestern atmet. Jetzt gab es den bundesweit ausgeschriebenen renommierten Nachhaltigkeits-Architekturpreis für die Halle. Was das fürs Atelier bedeutet und was das mit Kinderturnveranstaltungen zu tun hat, sagen die Architekten Florian Kaiser und Kilian Juraschitz.
Florian Kaiser: Wir haben nicht mit dem Preis gerechnet und uns entsprechend riesig gefreut. Florian Nagler, mit dem wir befreundet sind, saß auch schon beim Deutschen Architekturpreis neben uns. Dort hatte sich dann jedoch Sauerbruch Hutton durchgesetzt.
Kilian Juraschitz: Der Preis richtet die Aufmerksamkeit auf scheinbar unspektakuläre Bauaufgaben wie das Bauen im Bestand. Durch die daraus resultierenden Publikationen wird unsere Arbeit sichtbarer und wir sind optimistisch, dass auch andere Gemeinden dem Vorbild folgen und ihre Hallen sanieren, anstelle durch Ersatzneubauten zu ersetzten. Zudem dient uns das Projekt ganz pragmatisch als Eintrittskarte für weitere Wettbewerbe. Denn in Deutschland darf man an Wettbewerben erst teilnehmen, wenn man ein Projekt mit einer gewissen Größenordnung gebaut hat.
Die Architekten Kilian Juraschitz (li.) und Florian Kaiser in ihrem Büro in der Stuttgarter Alexanderstraße. Foto: Julia Sang Nguyen
„Stuttgarter Architekt Martin Haas war beeindruckt“
Sie, Herr Kaiser, sind ja selbst aus Ingerkingen. Wie nehmen die Leute die Halle an?
Kaiser: Erfreulich ist für uns zu sehen, welche wichtige Rolle die Mehrzweckhalle im täglichen Dorfleben spielt. Martin Haas, Architekt und Mitglied der Jury, war besonders vom Ortsvorsteher Jürgen Steinle beeindruckt, der ihm die Halle voller Stolz zeigte und hervorgehoben hat, dass diese immer ausgebucht sei. Unter der Woche für Schul- und Vereinssport und auch jedes Wochenende für kulturelle Zwecke.
Juraschitz: Er hat die Halle an einem heißen Sommertag besucht und im Inneren der Halle war es angenehm kühl. Umso verwunderter war er darüber, dass die Lüftungsanlage ausgeschaltet war. Die Verschattung durch die große Dachauskragung und eine gute Querlüftungsmöglichkeit reichte vollkommen aus.
Nun gibt es ja viele Bauten aus der Nachkriegszeit, die sanierungsbedürftig sind. Macht Ihr Umbau Schule?
Kaiser: Die Bauaufgabe haben wir für uns entdeckt. Mit der Sanierung und Erweiterung der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule in Müllheim arbeiten wir aktuell an einem Bestand aus ähnlicher Bauzeit. Weitere Anfragen von Gemeinden erreichen uns, die ihren Baubestand aus den 1960-Jahren nicht abreisen, sondern sanieren möchten.
Juraschitz: Mit ihrer Entscheidung sagt die Jury, dass solch ein Hallenumbau beispielgebend ist und betont damit die Relevanz des Themas. Nämlich, dass es die Bausubstanz eben doch oft hergibt, Gebäude zu sanieren statt es abzureißen. Der ausschlaggebende Grund für die Juryentscheidung war neben den Nachhaltigkeitsaspekten des Erhalts vor allem der gestalterische Mehrwert, der durch den Dialog zwischen Alt und Neu entsteht. Dies hätte Guobin auch sehr gefreut. Er war derjenige, der bei hitzigen Entwurfsbesprechungen manchmal laut wurde und sagte, das Gebäude muss vor allem „schön“ sein.
Wie hat Ihr Kollege Guobin Shen das gemeint? Schönheit – ein weites Feld, oder?
Juraschitz: Dieses Plädoyer für die Schönheit von Guobin hat mich beeindruckt und geprägt. Denn was schön ist, ist nachhaltig. Es geht also nicht nur darum, alle Entscheidungen bezüglich Material, Konstruktion und Proportion richtig zu treffen, sondern ein Bau muss einen auch berühren. Wenn ein Haus auf dieser Ebene berührt, wird es nicht abgerissen, sondern mehrmals weiter- und umgebaut.
Kaiser: Wenn in Ingerkingen etwa die ursprüngliche Form der alten Halle in der Fassade ablesbar ist oder im Stuhllager die Schnittkante einer früheren Treppe sichtbar bleibt, irritiert und überrascht das zunächst. Schönheit entsteht im Moment des Wiedererkennens: Etwas Altes wurde überformt, aufgestockt und in etwas Neues überführt. Diese Logik verstehen selbst Kinder in Ingerkingen intuitiv.
Modell der Halle Ingerkingen – der Altbau mit neuem Holzaufbau. Foto: Atelier Kaiser Shen
Dennoch: häufig heißt es, Abriss und Neubau geht schneller und ist günstiger. Wie viel Argumentationskunst hat Sie das gekostet?
Juraschitz: Im Gemeinderat in Ingerkingen wurde durchaus hinterfragt, ob sich das lohnt. Während andere Gemeinden neue Hallen errichten, beschäftigen wir uns weiter mit dieser alten, als wenig attraktiv empfundenen Halle.
Kaiser: Zugleich sind jetzt alle froh, dass in dem Gebäude so viel Geschichte steckt. Indem wir Bestehendes gelassen und in die Erweiterung einbezogen haben, ist ein emotionaler Gewinn entstanden. Möglicherweise hat unsere Haltung auch etwas damit zu tun, dass ich selbst in der Halle Kinderturnen hatte. Somit hätte ich es nicht übers Herz gebracht, die Halle abzureißen. Dafür hat es sich definitiv gelohnt, die planerischen Extrarunden zu drehen und manche unbezahlte Überstunde zu leisten.
Umweltbewusste Bauherren kommen auf die Stuttgarter Architekten zu
Sie haben bei dem Umbau darauf geachtet, möglichst wenig CO2 zu verbrauchen, haben 60 Prozent des Bestandes erhalten, mit Holz gearbeitet. Nun angesichts klammer Finanzlagen in vielen Städten scheinen derlei Nachhaltigkeitskriterien in der Prioritätenliste zu sinken. Spüren Sie bereits einen Rollback in Ihrer beruflichen Praxis?
Kaiser: Selbstverständlich sind auch wir alarmiert und hoffen, dass die Erkenntnisse der Umbauwende nun nicht über Bord geworfen werden. Dafür setzen wir uns im Atelier und in der Lehre ein. Wir selbst sind in unserer Baupraxis mit dem Problem weniger konfrontiert. Wir haben zunehmend Bauherren, die gezielt auf uns zukommen und umweltbewusst bauen möchten.
Juraschitz: Etwa die Natterer GmbH, ein Jungpflanzenbetrieb in Vaihingen an der Enz, für den wir eine neue Firmenzentrale bestehend aus Verwaltungsgebäude, Sozialtrakt und Unterkünfte bauen. Das Vorhaben ist auch ein IBA-Projekt geworden.
Sie haben die Halle maßgeblich mit begleitet und sind inzwischen Partner, Herr Juraschitz, wie ging es dem Büro nach dem tödlichen Unfall 2024 von Büromitbegründer Guobin Shen weiter?
Kaiser: Unser kleines Büro war gut aufgestellt. Es war ein Moment, in dem alles perfekt lief. Dann kam der Unfall. Das war für das Atelier und privat für mich die schwierigste Zeit im Leben. Guobin war über 18 Jahre lang mein bester Freund. Zum Glück hatte ich ein Team hinter mir, das nicht infrage gestellt hat, ob es weiter geht. Die Bauherren sind ebenfalls alle dabeigeblieben. Kilian arbeitet bereits seit dem Gründungsjahr mit uns zusammen. Guobin und ich hatten beide früh seine Qualitäten erkannt und gefördert.
Guobin Shen hat mit Florian Kaiser das Büro Atelier Kaiser Shen gegründet, er starb 2024 bei einem Unfall. Foto: Benno Heller
2022 ernannten wir ihn zum Assoziierten und sahen damals schon das Potenzial für eine Partnerschaft. Im vergangenen Jahr hat Kilian dann ganz selbstverständlich Geschäftsführerrollen übernommen, und so fühlte sich der Schritt zur gemeinsamen Partnerschaft ganz natürlich an. Zudem schätze ich seinen Umgang mit dem Team intern und auch mit den Bauherren und Fachplanern.
Juraschitz: Guobins Tod war für uns alle schrecklich. Er war auch einer meiner engsten Freunde. Mich motiviert es, dass auch er mich mittelfristig als Partner gesehen hat. Auch wenn dieser Schritt früher als erwartet kam, fühlt er sich doch richtig an. Guobin hätte sich sicherlich darüber gefreut. Unser Alltag im Büro hat sich übrigens nicht so sehr geändert. Noch immer versuchen wir im Team die beste Lösung zu finden. Eine Kultur, die das Atelier von Anfang an geprägt hat.
Sie haben drei Projekte fertiggestellt und jeweils mehrere Preise erhalten – steigt da die Erwartungshaltung bei den Bauherren?
Kaiser: Wir streben es nicht an, Autoren- oder gar „Stararchitekten“ zu werden. Das erscheint uns nicht zeitgemäß. Stattdessen suchen wir bei jedem Projekt von Neuem nach einer angemessenen Lösung und nicht nach dem großen Paukenschlag.
Juraschitz: Andererseits finde ich es auch gut, dass Bauherren Erwartungen an uns herantragen. Das ist der erste Schritt für ein gutes Ergebnis. Wohingegen wir bei ersten Projekten extrem viel argumentieren müssten, genießen wir nun einen gewissen Vertrauensvorschuss. Das ist ein Luxus, den wir uns hart erarbeitet haben.
Erst der Nachhaltigkeitspreis, jüngst kam noch der zweite Rang beim Lebkuchenhaus-Wettbewerb dazu. Wann finden Sie Zeit auch noch für solche Projekte?
Juraschitz: Wir wurden zum Lebkuchenwettbewerb eingeladen. So eine Aufgabe ist eine wunderbare Abwechslung zum Büroalltag. Wir haben uns einen Freitagnachmittag mit Open End für den Entwurf genommen – mit dem ganzen Team und natürlich mit Gebäck und Glühwein. Dieses kollektive Brainstorming und Entwerfen kultivieren wir über unsere Ateliergespräche und bei anderen Projekt- oder Wettbewerbsarbeiten. Mit einem so tollen und motivierten Team machen solche Aufgaben besonders Spaß und werden nicht als extra Belastung wahrgenommen. Dazu muss man sagen, dass wir extrem effektiv waren: ein inspirierender Abend für den Entwurf. Ein Samstag für das Kauen und Bauen.
Info
Zur Person Die Architekten Florian Kaiser (38) und Kilian Juraschitz (34 Jahre) leiten das Büro Atelier Kaiser Shen in Stuttgart mit neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Parallel zur Tätigkeit im Büro ist Florian Kaiser in Lehre und Forschung aktiv, 2024 erfolgte die Berufung auf die Tenure-Track Professur „Kreislaufgerechter Holzbau“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Potenziale im kreislaufgerechten Bauen mit Holz“ hält er am 28. Januar 2026 um 19 Uhr am KIT im Fritz Haller Hörsaal.
Preis Die sanierte und erweiterte Mehrzweckhalle in Ingerkingen hat 2025 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur gewonnen. Die Jury würdigt das von Atelier Kaiser Shen geplante Projekt als „herausragendes Beispiel für ein ökologisch wie architektonisch überzeugendes Weiterbauen ganz im Sinne des Gemeinwohls.“
Finalisten Unter den Finalisten um Preis waren der „Campus Holzbau Schmäh“ in Meersburg am Bodensee von Klingelhöfer Krötsch Architekten, das „Suffizienzhaus U10“ in Kassel, geplant vom Büro foundation 5+ Architekten, „Unser Gartenhaus – Haus ohne Zement in München von Florian Nagler Architekten.