Der Entwurf von Felix Jarcke und Simon Müller beinhaltet ein Café neben der umzunutzenden Stuttgarter Kirche. Foto: Visualisierung Felix Jarcke/Simon Müller
Was tun mit aufgegebenen Kirchen? Keinesfalls abreißen! Stuttgarter Studierende des Faches Architektur haben interessante Pläne für die Kirche eines berühmten Baumeisters.
Manchmal ziehen Familien dort ein, wo früher gebetet wurde, manchmal entstehen coole Gemeinschaftsorte oder auch Coworking-Spaces in nicht mehr genutzten Kirchen. Ein Café, ein Saal für Konzerte und Ausstellungen – das könnten sich Felix Jarcke und Simon Müller, Lilly Eilmann und Emilia Tropitzsch für die Stuttgarter Erlöserkirche nahe des Milaneo-Einkaufszentrums vorstellen.
Pläne, wie man den vom berühmten Architekten Theodor Fischer entworfenen Sakralbau in der Birkenwaldstraße neu beleben könnte, haben die jungen Studierenden der Fakultät für Architektur und Stadtplanung jetzt vorgestellt.
Stuttgarter Studierende machen Umbaupläne
Die Stuttgarter Architekturstudentinnen Lilly Eilmann (li.) und Emilia Tropitzsch stellen ihr Umbau-Modell vor. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Ein Baudenkmal bewahrt man am besten durch Nutzung, dies hatte Alexander Schwarz, Professor an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung, zur Ausstellungseröffnung dem Publikum als Denkanstoß mitgegeben. Besser, man nutzt eine Kirche anders als sie leer stehen zu lassen – oder gar abzureißen.
Interessante Ideen sind zu entdecken, alle gehen mit Respekt vor dem Vorhandenen um. „Ich bin in Stuttgart aufgewachsen“, sagt Felix Jarcke (23), „und ich bin oft schon an der Kirche vorbeigekommen, mir ist sie nur nie so aufgefallen wie beispielsweise die Kirche am Feuersee. Als wir die Möglichkeit bekamen, uns mit der Erlöserkirche zu beschäftigen, fand ich das spannend. Generell ist das Thema umbauen und weiternutzen wichtig.“ Schon allein aus ökologischen Gründen, eine herausfordernde Bauaufgabe, mit Bestehendem umzugehen ist es zudem.
Ausstellungen, Tanzkurse und ein Café
Felix Jarcke (li.) und Simon Müller, Stuttgarter Architekturstudenten, mit ihrem Modell für die evangelische Erlöserkirche. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Felix Jarcke und sein Kommilitone Simon Müller (23) haben einen Ausstellungsraum für die 1908 fertiggestellte evangelische Kirche geplant, mit einer Treppenstufe genau dort, wo jetzt der Altar steht, als „Profanisierungsgeste“. Im oberen Bereich würde es ein Archiv für Theodor Fischer geben.
Also für jenen Architekten, der unter anderem das Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart entworfen hat und der eine ganze Architektengeneration geprägt hat. 1901 folgte er dem Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart, er war dort bis 1908 Professor.
Ein liberaler Geist. In seinem Büro arbeiteten sowohl Vertreter der Bauhaus-Ästhetik wie Bruno Taut und dem Hauptbahnhof-Gestalter Paul Bonatz, der dem Bauhaus kritisch gegenüberstand.
Im Pfarrhaus und dem Gemeindegebäude könnten Seminarräume für Bildungseinrichtungen entstehen, Wohnungen für Dozenten, Veranstaltungsräume, die flexibel nutzbar sind. Aufzüge in den Bauten würden dafür sorgen, dass alle Räume barrierefrei erreichbar sind. „Teile der Gebäude abreißen“, da sind sich die Studierenden einig, „würden wir nur, wenn es absolut nötig wäre.“
Die Aufgabe einer konkreteren Nutzung hatte sich das Studierenden-Duo Lilly Eilmann und Emilia Tropitzsch, beide 21 Jahre alt, vorgenommen. Was, wenn vor allem eine Gruppe, die Hymnus-Chorknaben etwa, das Gebäude nutzt? „Wir haben eine flexibel nutzbare Bühne entworfen, die sowohl für Chor und Orchester funktioniert“, sagt Lilly Eilmann. „Es könnten aber auch Tanzkurse und Bälle stattfinden.“ Oben findet sich im Plan ein kleiner Saal für andere Formate, Kammerkonzerte zum Beispiel. Pfarr- und Gemeindehaus wären in Büros, Proberäume und Zimmer für externe Gäste umbaubar.
Erlöserkirche in der Birkenwaldstraße 24 in Stuttgart. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Ein Treffpunkt im Stuttgarter Norden
Besonders für alle Stuttgarterinnen und Stuttgarter – da es in dieser Gegend kaum Gastronomie gibt – interessant: Kolonnaden im Vorhof als Aufenthaltsort für alle, gern mit Café. Ein kleines Café haben auch ihre Kommilitonen in ihrem Modell eingeplant.
Und was sagt der Hausherr zu den Entwürfen für das Gebäude, in dem er irgendwann nicht mehr predigen wird? „Mich sprechen vor allem die Gestaltungsideen an, die behutsame Eingriffe vornehmen und dennoch starke Effekte erzielen, indem sie die Besonderheiten des Ensembles in ein neues Licht rücken“, sagt Pfarrer Florian Link.
Im Austausch über die Zukunft
Was auch immer aus diesen Plänen wird – fest steht schon, dass etwas passieren wird. Bis zum Jahr 2040 muss sich die Kirchengemeinde um eine alternative Lösung für das Ensemble der denkmalgeschützten Erlöserkirche bemühen. Und wer weiß, vielleicht bietet ja einer der zehn Gedanken-Entwürfe ganz konkrete Inspirationen für das Weiterleben dieses Baudenkmals.
Info
Erlöserkirche Die Erlöserkirche in der Birkenwaldstraße 24 wurde 1906 als „Kirche im Weinberg“ mit 850 Sitzplätzen vom bekannten Architekten Theodor Fischer geplant und 1908 fertiggestellt. Ihr Turm ist gegen den Berg gerichtet; der Chor ragt in die Vorgartenlinie der Birkenwaldstraße hinein. Benannt ist sie nach der zehn Jahre zuvor im Zentrum der Jerusalemer Altstadt eingeweihten evangelischen „Erlöserkirche“. Nachdem 1944 Brandbomben sie weitgehend zerstörten, wurde sie zehn Jahre später von dem Architekten und „Fischer-Schüler“ Rudolph Lempp wieder aufgebaut. Das Kircheninnere zeigt sich im Stil der 50er Jahre; das Äußere der Erlöserkirche ist unverändert geblieben.
Ausstellung Auf der Suche nach einer möglichen Weiternutzung der Kirche, ist unter Federführung von Alexander Schwarz, Professor an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung eine Lehrveranstaltung an der Universität Stuttgart entstanden. Studierende dieser Fachrichtung waren aufgefordert, architektonische Entwürfe zu entwickeln, wie das Erlöserensemble alternativ genutzt werden kann. Die Arbeiten der Studierenden sind noch bis zum 29. März 2026 zu sehen. Unter der Woche ist die Kirche in der Regel geöffnet. Damit niemand vor verschlossener Tür steht, wird um Voranmeldung per Telefon (0711/2597984) oder per Mail über das Pfarramt Erlöserkirche : Pfarramt.Stuttgart.Nordgemeinde.Erloeserkirche@elkw.de gebeten.