Mit der 80 Meter breiten Freitreppe öffnet sich das Stuttgarter Stadtpalais aufs Schönste in Richtung Stadtmitte – ein Spaziergang mit den LRO Architekten vor der Eröffnung klärt, wie der Platz vor dem Museum bespielt wird und worauf die Architekten hoffen.
Frag doch mal, warum der Platz versiegelt ist, das passt doch nicht so recht zu den Zielen, die Stadt grüner werden zu lassen, oder?, gibt ein in Sachen Stadtplanung äußerst versierter Kollege mit auf den Weg zum Treffen mit Marc Oei und Klaus Hildenbrand, Architekten und zwei der Gesellschafter von LRO Architekten in Stuttgart. Sie präsentieren schon wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung den nach zwei Jahren Bauzeit fertig gewordenen von LRO geplanten Platz vor dem Stadtpalais Museum für Stuttgart – das vom selben Architekturbüro hervorragend saniert wurde – samt der 80 Meter breiten Freitreppe und der Gestaltung der Wegführung bis zur Landesbibliothek. „Die Treppen und der Platz“, sagt Marc Oei, „werden den nun wieder zugänglichen Haupteingang inszenieren und in den Stadtraum einbinden.“
Weil sich aber – noch – das Gebäude nur nach hinten öffnet und man von der Urbanstraße nicht durchs Gebäude und dann hinaus darf, die Treppe hinunter auf den Platz vor der Konrad-Adenauer-Straße, findet das Treffen direkt am Charlottenplatz statt. Es ist einer der Mega-Kreuzungen Stuttgarts oberhalb des technischen Herzens der Stadt – sichtbares Zeichen dafür ist der neue, rund zehn Meter hohe Turm aus weißem Recyclingbeton neben dem Stadtpalais.
Der Turm bietet Platz als Werbefläche fürs Museum und fungiert als Unterstand für Fahrgäste an der Bushaltestelle. Er ist vor allem auch ein Lüftungsschacht für die Luftkühlung des Trafos der Stadtbahn im Technikgeschoss der Haltestelle Charlottenplatz. „Die vorherige Lüftungsöffnung war nicht havariesicher und direkt an der viel befahrenen Kreuzung eine potenzielle Gefahrenquelle“, sagt Klaus Hildenbrand.
An und unterm Charlottenplatz fahren nicht nur Stadtbahnen, dort verlaufen jede Menge Kabel der Telekom, Gas-, Wasser-, Fernwärmeleitungen. Die Luftschächte und Kanäle für allerlei Medien hatten in und unter der nun abgebrochenen Rampe und der Stützmauer vor dem Hauptstaatsarchiv Platz gefunden. Die sichtbaren Oberflächen der neuen 60 Meter langen Stützmauer sind korrespondierend zur Landesbibliothek nebenan in einer Bretterschalung ausgeführt und werden auch medial bespielt.
Stadtpalais vor der Umgestaltung, Foto: Max Kovalenko/Lichtgut
Pumpenraum und Notfallentwässerung wurden umgebaut sowie zahlreiche Leitungen des öffentlichen Netzes von Gas über Wasser und Strom bis Telekommunikation verlegt, damit genug Platz für den Boulevard und vor allem die neuen Stadtbäume und deren Wurzelwerk geschaffen werden konnte. „Ein Brunnen wäre noch schön gewesen“, findet Marc Oei, „auch zur Überspielung des Verkehrslärms.“ Daraus wurde nichts.
Dafür bekommt der Bibliotheksplatz der benachbarten Landesbibliothek noch einen Brunnen, der im Stadtgedächtnis wohl vorhanden ist: die Brunnenanlage Fitz-Faller-Brunnen, die dem neuen Bahnhof weichen musste. Derzeit werden noch die Schalen des Brunnens restauriert, „eine Arbeit“, sagt Marc Oei, „die aufwändiger ist als gedacht und daher länger dauert als wir uns das gewünscht haben.“
Zurück zum gepflasterten Platz. Klaus Hildenband sagt: „Der Vorplatz ist eine offene, freie Fläche, die dem Museum für zahlreiche Veranstaltungen dienen wird. Der Pflasterbelag aber ist selbstverständlich sickerfähig. Die kleinteilige Pflasterung kann im Gegensatz zu großformatigen Steinbelägen durch ihren hohen Fugenanteil große Mengen Wassers aufnehmen.“
Und Marc Oei stellt eine Gegenfrage, seit wann die Reporterin in Stuttgart lebe. Schon immer. „Also ist der Begriff der Kulturmeile bekannt“, konstatiert der Architekt zufrieden. Manche wünschen sich den Begriff Meile sogar zum Kulturquartier ausgeweitet. Denn – und das ist nun eindrucksvoll sichtbar gemacht – der Charlottenplatz und die Konrad-Adenauer-Straße sind nicht nur ein Auto-Hotspot, der nach dem Willen vieler rückgebaut gehört.
Entlang der Straße finden sich jede Menge bedeutende Gebäude: Der 1840 von Hofbaumeister Giovanni Salucci entworfene Wilhelmspalais, das jetzt als Stadtpalais firmiert, die unter Denkmalschutz stehende Landesbibliothek von Horst Linde von 1970 samt preisgekröntem Anbau von LRO Architekten von 2020, gegenüber der 1957 von dem Architekten Kurt Viertel entworfene, vom damaligen Leiter der Bauverwaltung Horst Linde mit Erwin Heinle 1961 errichtete Landtag und der noch immer nicht sanierte Opernbau von Max Littmann von 1914.
Auf der gegenüber der Oper liegenden Seite dann die Postmoderne-Ikone Staatsgalerie von James Stirling von 1984, komplettiert durch das Haus der Geschichte und die Musikhochschule, (die Planung des Ensembles wurde von den Architekten Michael Wilford und Manuel Schupp beendet) sowie das 1969 eingeweihte Hauptstaatsarchiv und das Haus der Abgeordneten, vor dem auch schon Platanen-Doppelreihen gepflanzt worden sind.
Vom Stadtpalais bis zur Staatsgalerie findet sich dank der Umgestaltung durch LRO Architekten nun ein traumhafter Boulevard für all diese Architekturjuwele und alle Flaneure, die sie von da betrachten möchten – samt Platanenallee.
Eine Platanenallee bis in die Innenstadt?
Denkt man in die nahe Zukunft, könnte sich diese Allee über die Kreuzung hinweg weiter verlängern bis zu weiteren architektonischen Wahrzeichen der Stadt, dem Gustav-Siegle-Haus etwa, das nach Plänen von Architekt und Stadtplaner Theodor Fischer 1912 errichtet wurde. Da er 1913 auch das vom Stuttgarter Architekturbüro Blocher Partners soeben fein sanierte Kunstgebäude am Eckensee geplant hat, das man als Teil des Kulturquadrats begreifen würde, schließe sich damit ein architekturhistorischer Kreis.
Und die verlängerte Allee würde Zukunftsbauten beinhalten. Derzeit wird das Breuninger-Parkhaus am Charlottenplatz rück- und umgebaut und vom Stuttgarter Architekturbüro haascockzemmrich STUDIO 2025 in einen „Mobility Hub“ verwandelt. Unter anderem finden sich da dann eine Menge Fahrradstellplätze und eine Fahrradreparatur. Zudem soll ja auch noch das Haus für Film und Medien entstehen.
Fahrradfahrer brauchen aber nicht nur Reparaturstellen, sondern Wege zum Fahren. Dass die aktuell wegen der Baustelle nur einspurig befahrbare B14 am Charlottenplatz in Richtung Neckartor so bleiben möge „und die verbleibende Spur eine Fahrradspur sein könnte“, überlegt der Architekt Oei, der von fahrradfreundlichen Städten wie Antwerpen schwärmt, „wäre eine super Sache“.
Klaus Hildenbrand: „Wir haben die große Hoffnung, dass das Ergebnis des jüngsten städtebaulichen Wettbewerbs baldmöglichst umgesetzt wird und zur Planie hin anstelle der mehrspurigen Verkehrsflächen veritable und zusammenhängende Stadträume entstehen.“ Nun verkündet nun die Stadt, dass es nach jahrelangem Stillstand vorangeht bei der Planung – mit weiteren Gutachten, Planungen, Bürgerbefragungen, gebaut wird jahrelang also noch nichts.
Mehr Bäume in der Stadt
Neben der Platanenallee im Unteren Schlossgarten wächst immerhin schon einmal eine weitere Allee. Platanen seien zwar nicht so gern gesehen bei der Stadt, weil die Bäume ¬– außer von Papageien – von einheimischen Tierarten nicht gut angenommen werden, erklärt Oei. Doch da schon an der Staatsgalerie robuste, schnell wachsende Platanen gepflanzt waren, wurden der Einheitlichkeit halber entlang des Weges weitere solche Bäume ausgewählt.
Immer wieder klingt an, auch die Architekten denken bei ihren Entwürfen Klimawandel und grünen Stadtraum mit – „während wir früher in unsere Modelle vielleicht fünf Bäume eingefügt hatten“, sagt Marc Oei, „sind es heute sicher 30.“
Neben den acht neuen Platanen ist die Hauptveränderung allerdings die Öffnung nach unten hin zur aktuell noch stark befahrenen Straße – der besagten Kulturmeile. Noch haben die meisten Gebäude entlang der Meile ihre Eingänge eher zur Seite oder nach hinten oder am sogenannten Oberen Ufer. Treppen – früher Brücken über die B14 – führen hinauf zu diesen oberen Eingängen etwa des Hauptstaatsarchivs.
Das ändert sich nun. Bereits der Erweiterungsneubau der Landesbibliothek ist direkt an der Straße gelegen. Das Café im Erdgeschoss mit Außenbestuhlung ist extrem gut besucht, auch die Bänkchen, die die um die Platanen gebaut sind, sind stets besetzt. Zur Staatsgalerie und Haus der Geschichte kann man sich ebenfalls schon direkt von der Straße aus nähern. Und nun ist eben auch das Stadtpalais vom unteren Ufer zu betreten – dank der keilförmig sich verbreiternden Treppe. Eine einladende Geste für die Stadtgesellschaft.
Seit zwei Jahren Baustelle
Zahlen Baubeginn war April 2022, Fertigstellung Anfang Mai 2024 (minimale Verzögerung gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan – zwei Monate). Die Fläche des Vorfelds beträgt etwa 4000 Quadratmeter, Gesamtkosten belaufen sich auf 8,1 Mio. Euro brutto (davon übernimmt 5,8 Mio. Euro die Stadt, 2,3 Mio. Euro kommen vom Land). Das Budget wurde eingehalten. Die Eröffnungsfeier des Vorplatzes ist am 8. Mai von 17 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Brunnen Die Brunnenanlage Fitz-Faller-Brunnen, die dem neuen Bahnhof weichen musste, wird bald auf dem Bibliotheksplatz der Landesbibliothek neu erlebbar sein. Zurzeit wird der denkmalgeschützte Brunnen restauriert.