Architektur-Spaziergang in Stuttgart 7 der außergewöhnlichsten Villen und Wohnhäuser entlang der Neckarstraße

Historisches Zwillingshaus mit zeitgemäßem Geschwister-Haus in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Architektur to go: Vom Bauhaus-Gebäude zum Brach-Areal, von Künstler-Villen bis zu Arbeiter-Häusern führt der Spaziergang durch den rauen Stuttgarter Osten – und zu einem kleinen exotischen Garten.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Prachtbau und Arbeiterhaus, Baustellenfreude hier und lähmender Leerstand da, experimenteller Neubau neben historischem Doppelhaus – unterschiedliche Lebensrealitäten treffen im Stuttgarter Osten auf engstem Raum aufeinander.

 

Architekturspaziergang vom Stöckachplatz bis zum Bad Berg. Foto: STZN/Locke/Lange

Entlang einer der bekanntesten Straßen der Stadt, die sogar Dichter Samuel Beckett erwähnenswert fand, lässt sich viel vom Wohl und Wehe Stuttgarts erkunden. Dorthin zwischen Baustelle und Brache, Baukunst und Bad Berg, führt dieser Architektur-Spaziergang.

1. Stöckachplatz

Los geht es an einer der architektonisch interessantesten Kreuzungen der Stadt: Am Stöckachplatz. Einst war der Stadtbahnknotenpunkt herrschaftlich, davon spricht etwa noch das reich verzierte Eckhaus (Neckarstraße 185) im historistischen Stil gegenüber der Straßenbahnhaltestelle.

Hinter Bäumen versteckt sich das links das Eckhaus von Hengerer, auf der anderen Straßenseite das Zeppelin-Gymnasium – beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das wurde von dem emsigen Architekten Karl Hengerer entworfen, der in Stuttgart etwa die Ostheimsiedlung, aber auch einige prächtige Villen im Stuttgarter Norden und Süden gebaut hat.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite, findet sich nicht nur das unter Denkmalschutz stehende Zeppelin-Gymnasium aus dem Jahr 1912, sondern in der Neckarstraße 145 ein 1930 entstandener Bau eines berühmten Stuttgarter Architekten: Ernst Otto Osswald, der den 1929 eingeweihten Tagblattturm und damit das erst in Sichtbeton errichtete Hochhaus der Welt entworfen hat.

Stöckach früher, Foto aus dem Projekt mit dem Stadtarchiv „Stuttgart42“ Foto: STZN/Stadtarchiv

Von Osswald stammt das Telegrafenamt, heute Sitz der Staatsanwaltschaft , im Internationalen Stil vom Bauhaus inspiriert (zum Baubeginn war soeben die Weißenhofsiedlung eröffnet worden), hat etwas schwungvoll Maritimes und wird derzeit saniert.

Zurück zum Platz und über die Straße, von da fällt der Blick auf eine Baustelle, einst stand da ein hübsches historistisches Gebäude – nach dem Zweiten Weltkrieg eine Hauswirtschaftliche Schule mit Ladeneinheiten im Erdgeschoss.

Stöckach heute: Die SWSG baut neue Wohnungen, entworfen von kurrle+harris Architekten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Hier entsteht jetzt im Rahmen von „Stuttgart 29“ ein kleines Wohnquartier mit Freitreppe, bestehend aus vier turmartigen Häusern, die sich um einen Innenhof gruppieren – mit 28, zur Hälfte öffentlich geförderten Wohnungen, einer Kindertagesstätte und einem Supermarkt, außerdem Räumen für Wohngruppen der Einrichtung Raphaelhaus, geplant vom Stuttgarter Büro harris & kurrle Architekten mit Jetter Landschaftsarchitekten, Bauherrin ist die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft. Könnte gut werden.

2. Das Backstein-Mietshaus

Die Neckarstraße entlang geht es nun einige Meter weiter, dann heißt es einbiegen in die Rieckestraße. Auf der linken Seite findet sich ein prägnanter dunkelroter Backsteinbau so düster, als bewerbe er sich für eine Dickens-Verfilmung über Arbeiter in England.

Rieckestraße 13. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist ein unter Denkmalschutz stehendes Backstein-Haus aus dem Jahr 1873 im neogotischen Stil – gebaut sicher für die zahlreichen Arbeiter, die im Zuge der Industrialisierung in die Stadt zogen. Das Haus entstand nur wenige Jahre, nachdem die Neckarstraße gebaut wurde (sie wurde ab 1868 angelegt), wie die Denkmalpflege Baden-Württemberg im Zuge der Untersuchungen zu Stuttgart 29 in einer Ortsanalyse schreibt.

Die Rieckestraße liegt zwischen Neckar- und Stöckachstraße, die wiederum zwischen 1870 und 1875 entstand. In diesem Viertel mit seiner geometrischen Straßenanordnung, in dem sich Wohnbauten neben Werkstätten finden, sieht man an Eckhäusern zum Teil prächtig verzierte Wohnhäuser.

3. EnBW-Leerstand

Nun stößt man auf die besagte Stöckachstraße, da heißt es links abbiegen. „Innerhalb des Karrees zwischen Stöckach-, Metz-, Hack- und Schwanenbergstraße wurde kurz nach der Jahrhundertwende, 1902, die Elektrische Zentrale Stöckach gegründet (heutige EnBW), die nach 1945 neu aufgebaut beziehungsweise erweitert wurde“, so der Denkmalpflegebericht.

EnBW-Areal, Stöckachstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Einige Bomben müssen da gefallen sein im Zweiten Weltkrieg. Man spaziert an Mehrfamilienhäusern jüngeren und älteren Datums vorbei – „aus der Zeit des Wiederaufbaus geprägt, wobei diese keine besonderen gestalterischen Qualitäten aufweist“ (so die Stadtbauhistorikerin Alexandra Baier in dem Denkmalpflegebericht nicht zu Unrecht). Auf der rechten Straßenseite dann: Leerstand. Mitten in der Stadt, das Areal gehört der EnBW.

Wartet auf Umbau: EnBW-Gebäude in der Stöckachstraße 48. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das sollte ökologisch umgenutzt werden – ein ehrgeiziges Projekt, das stolz auf der Internationalen Bauausstellung IBA 27 das zeitgemäße Wohnen mitten in Stuttgart hätte zeigen können. Aber die EnBW als Bauherrin hat das Projekt ausgesetzt – und die Stadt hat bisher nicht einspringen wollen.

Die Umsetzung des Siegerentwurfes vom Stuttgarter Architekturbüro haascoockzemmrich STUDIO 2050 für die Umwidmung und Schaffung von 800 Wohnungen lässt also auf sich warten. Und das, wo die Stadt jährlich fast 2000 neue Wohneinheiten bereitstellen will.

4. Reitzensteiner

Nun zu realisierten Wohnbeispielen, bei denen die Stadt originell agiert hat – den Reitzensteinern. Dafür geht es in die Sedanstraße und über die Neckarstraße die Sedanstraße weiter hinunter, das Rauschen der Stadtautobahn B14 wird immer deutlicher hörbar.

Künstlerhäuser in der Reitzensteinstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Rechts in die Reitzensteinstraße abbiegen, dann links staunen: Tonnendach reiht sich an Flachdach reiht sich an Tonnendach, dazwischen Gärtchen. Die Stadt hat in Erbpacht den schmalen Streifen zur Verfügung gestellt – die Häuser werden von Bildenden Künstlern bewohnt.

Bauherren waren die Künstler, die sich zu einer Baugesellschaft zusammenschlossen, Planer das Architektenpaar Elisabeth und Fritz Barth. Das interessante Ensemble wurde 1993 vom Bund deutscher Architektinnen und Architekten BDA mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. Wer je das Glück hatte, eines der Häuser von innen zu besichtigen, staunte darüber, wie wenig der Verkehrslärm doch im Haus vernehmbar ist.

5. Dreierhaus

Wenn die Grünanlagen beginnen, biegen Architektur-Flaneure rechts in die Werderstraße hinauf, auf der Neckarstraße geht es links stadtauswärts an dem von Rolf Gutbrod entworfenen und 1970 bis 1976 gebauten Funkhaus des SWR vorbei.

Tordurchgang zwischen dem Doppelhaus in der Neckarstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Neben Gründerzeit- und Nachkriegsgebäuden findet sich links ein unter Denkmalschutz stehendes Doppelmietshaus im Stil des Neoklassizismus von 1868, erbaut von dem Werkmeister Gottlob Geissler und daneben ein Haus wie auf Stelzen mit Tonnendach (Nummer 237). Heute trifft das 19. Jahrhundert, eine aparte Dreierkombination. Geissler konnte übrigens nicht nur kleine Häuser bauen – in der Parallelstraße, Kuhnstraße 3+5, hat er 16 Jahre später mit Karl Hengerer ein stattliches Doppelmietshaus mit Ladenlokalen realisiert.

6. Japangarten

Grün lockt jetzt da, wo die Stadtbahn scharf in die Kurve geht. Stuttgart hat nicht nur im Norden einen Chinesischen Garten, sondern im Osten einen lauschigen Japanischen Garten mit Wasserbecken, Pavillon , Felsen, Bäumen, Sträuchern.

Japangarten, Trollingersteg, Kuhnstraße 7 ist die offizielle Adresse. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die kleine Anlage war, so informiert die Region-Stuttgart-Seite, „der Beitrag der Provinz Kanagawa zu den Nationengärten auf der Internationalen Gartenbauausstellung 1993. Der Ausbildungsbetrieb des damaligen Gartenbauamtes der Landeshauptstadt Stuttgart baute ihn anschließend im Herbst 1994 an dieser Stelle wieder auf.“

7. Bad Berg

Fast geschafft. Schon vom Park aus sieht man im Sommer viele und im Winter die abgehärteten Mineralwasserschwimmerinnen und Schwimmer – im Bad Berg. Die Neckarstraße existierte noch nicht, aber das Bad schon: Am 29. Juni 1856 eröffnete der königliche Hofgärtner Friedrich Neuner das „Stuttgarter Mineral-Bad bei Berg“.

Das älteste Schwimmbad der Stadt: Das Bad Berg, auch genannt „Neuner“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Badejuwel ist seit 2006 im Besitz der Stadt und wurde vor einigen Jahren generalüberholt und von 4a Architekten aus Stuttgart vorbildlich saniert. Dafür gab es einige Architekturpreise.

Wer gern schwimmt, beendet den Spaziergang im „Neuner“, alle anderen steigen entweder in die Stadtbahn oder sie spazieren durch den Park zurück in Richtung Innenstadt, passieren dabei zwei Wachhäuschen, gebaut 1822 bis 1824 von Hofbaumeister Giovanni Salucci im Stil des Klassizismus, die zur 1810 entstandenen und heute noch herrlichen Platanenallee führen.

Info

Route
Der Spaziergang ist 2,1 Kilometer lang und ohne Steigung, mit diversen Stadtbahnen geht’s zur Haltestelle „Stöckach“. An der Haltestelle „Mineralbäder“ kann man zurück in diverse Richtungen fahren. Wer Ausdauer hat, macht einen Rundgang und spaziert durch den Park zurück zum Stöckach oder gleich bis in die Stuttgarter Innenstadt bis zu Osswalds Tagblattturm.

Einkehren
Gesunder Proviant lässt sich im Bioladen „Erdi“ (Neckarstraße 152) besorgen. Auf dem Weg zur letzten Station ist in einem schönen Jahrhundertwende-Eckhaus das Thai-Restaurant „Thai Thaani“ (Neckarstraße 246) empfehlenswert. Im Foyer des Bad Berg gibt’s auch ein Café und neben der Haltestelle „Mineralbäder“ ein Biergärtchen namens „Flora und Fauna“.

Geeignet für
Menschen, die sich für aktuelle gute und ärgerliche Entwicklungen im Wohnungsbau interessieren.

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