Architektur to go: Die Ausflugsserie zu architektonisch interessanten Bauten in der Stadt führt in den Stadtteil Zuffenhausen, zu demokratischen Hochhäusern, einem feinen Landhaus, zu einem schwebenden Museum und einer steinernen Spinne im Netz.
Der Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen ist dank Porsche eine Berühmtheit in der ganzen Welt, Sportwagenenthusiasten rund um den Globus nennen den Produktionsort respektvoll in einem Atemzug mit Maranello (Ferrari) oder Sant’Agata Bolognese (Lamborghini). Dass Zuffenhausens heilige Maschinenbauhallen und insbesondere das dazugehörige Museum sogar eine lange Anreise wert sind, beweist die Besucherstatistik des Porsche-Museums: Nach dem Mercedes-Benz-Museum belegt es den zweiten Platz der meistbesuchten Museen in der Landeshauptstadt, jährlich sind es mehr als eine halbe Million Menschen, die zum spektakulären Bau am Porsche-Platz pilgern, ein gutes Drittel kommt aus dem Ausland.
Ja, das liegt vor allem an den Autos und der Unternehmensgeschichte, aber nicht ausschließlich. Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema wären: Architektur. Und genau davon, also von spannenden Bauten und ihren Geschichten hat Zuffenhausen einiges zu bieten, wie der Architektur-Spaziergang Zuffenhausen zeigt.
1. Flucht und Aufbau: Tapachstraße
Das Porsche-Museum soll am Ende dieses 4,4 Kilometer langen Architekturspaziergangs stehen. Das erste Ziel befindet sich aber in Rot, im Osten Zuffenhausens. Dieser Stadtteil wie auch die Tapachstraße ist nicht nur für Architekturfans ein echter Hingucker, sondern gleichermaßen für Hobbysoziologen, Migrationsforscher und Stadtplaner ein weites Studierfeld. Schließlich ist Rot erst nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut worden, im Krieg stand auf der damalige Schlotwiese das größte Wohnlager im ganzen Südwesten.
Ab 1942 befanden sich hier Elendsbaracken für Zwangsarbeiter, später, von August 1945 an, brachte die US-amerikanische Militärverwaltung in den Lagergebäuden vertriebene Deutsche aus Südosteuropa unter, hauptsächlich sogenannte Donauschwaben aus dem Gebiet, welches heute im Grenzgebiet von Ungarn, Kroatien und Serbien liegt. Ende der 1940er Jahre wurde dann mit dem Bau von Wohnungen begonnen, geplant waren Blöcke mit einfachen, aber ausreichend ausgestatteten Wohnungen für bis zu 20 000 Bürger.
Die kommunalen und genossenschaftlichen Bauträger zogen im Rekordtempo die Siedlung hoch, gleichzeitig achtete man auf eine gute soziale Durchmischung, eine Ghettoisierung wollte man tunlichst vermeiden. Einer Erhebung von 1955 zufolge hatte dann auch nur gut jeder zweite Bewohner in Rot eine Fluchterfahrung. Wer die Tapachstraße entlanggeht, kann noch etwas von dieser angespannten Stimmung erahnen, in der diese Ecke Stuttgarts erschlossen wurde, zumal das Land heute wieder vor großen Bauproblemen und -aufgaben hinsichtlich Hunderttausender Geflüchteter steht.
Allerdings sind mittlerweile die Ansprüche an das Wohnen immens angewachsen, so günstig und schnell wie 1949 wird es wohl nicht gehen. Trotzdem: Rot ist eine dieser stadtplanerischen Erfolgsgeschichten Stuttgarts. Nachdem das Land die schlimmsten Folgen des Zweiten Weltkriegs auf diese effiziente Weise überwunden hatte, konnten die Planer auch in Rot mit neuen Siedlungsformen experimentieren.
Ganz schön brutal
Niemand kann in der Tapachstraße kommentarlos an dem Bau vorbeigehen, der wie eine brutalistische Wohnmaschine auf der Anhöhe thront, halb Parkhaus, halb Denkmal für den unbekannten Erfinder des Betons!
Doch so abweisend sich die fünf- bis siebengeschossigen Gebäude zur Straßenseite hin geben, so einladend und sonnenbeschienen zeigt sich diese prägnante Architektur von der grünen Hofseite aus betrachtet. Die Gebäude mit 80 Terrassenwohnungen und 19 Garten-Atriumhäusern wurden von den Architekten Peter Faller und Hermann Schröder entworfen und sind von 1969 bis 1971 entstanden. Die beiden sind in Stuttgart keine Unbekannten – Peter Faller hat auch in Stuttgart-Neugereut ein preisgekröntes Wohnhügel-Haus entworfen.
2. Mehr Demokratie wagen – Romeo und Julia
Von der Tapachstraße und dem in jeder Hinsicht mutig gezeichneten Faller-Bau geht es nun rechts ab in die Schozacher Straße. An der Ecke Haldenrainstraße sieht man sie mit ein wenig Fantasie Händchen haltend stehen, die Hochhäuser „Romeo und Julia“, mehr Kollektiv als Paar. Diese immer noch faszinierende Hochhausgruppe wurde in der heißen Phase der Aufsiedelung von Stuttgart-Rot zwischen 1955 und 1959 nach den Plänen des großen und häufig imitierten Architekten Hans Scharoun errichtet, und das in kongenialer Partnerschaft mit dem Planer Wilhelm Frank.
Das Hochhaus „Romeo“ wurde mit 19 Geschossen in Stahlbetonbauweise errichtet. Bedingt durch den Verzicht auf rechte Winkel des Gebäudes und bei der Fassadengestaltung mit den Balkonen wirkt das Gebäude asymmetrisch. Das Laubenganghochhaus „Julia“ mit einem halbkreisförmigen Grundriss wurde abgestuft mit elf, acht und fünf Geschossen erbaut. Die Grundrisse sowohl der Hochhäuser als auch der Wohnungen waren und sind selbst für die heutige Zeit revolutionär.
Weil die Arbeit, das Wohnen oder die Entspannung selten streng voneinander getrennt werden können, wie es tradierte Aufteilungen der Wohnung in Zimmer suggerieren, entwickelte Scharoun die Idee der fließenden Räume, die er schließlich auf ganze Wohnlandschaften übertrug.
Die Wohnungen hatten stark variierende Größen, die Farbgebung der Fassaden sowie asymmetrisch angeordnete Balkone betonten das Individuelle, nicht das Serielle. Scharouns Bauwerke waren visionär, insofern er der Architektur eine sinnstiftende Aufgabe zuschrieb: die Förderung eines demokratischen Gemeinwesens. Viele Architekturfans pilgern aus der ganzen Welt hierher in diesen Stuttgarter Stadtteil, um Hans Scharouns Erbe zu studieren.
Schulen, die keine Angst machen
Der Spaziergang wird westwärts fortgesetzt, folgt der Haldenrainstraße in Richtung des Zentrums von Zuffenhausen. Rechter Hand sind weitere Bauten hinter üppigem Grün versteckt: Die pavillonartige Silcherschule ist ein mustergültiges Beispiel für einen neuen Stil im Schulbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen 2021 und 2023 wurde der Bau aufwendig saniert, die sensible Anpassung der im Jahr 1953 erbauten Turnhalle samt zwei Unterrichtsräumen erfolgte denkmalgerecht.
Die flach gehaltenen Geschossbauten der Schule, verteilt auf einem sehr großzügigen Gelände, setzten neue Maßstäbe in Stuttgart und sorgten auch international für Aufmerksamkeit. Im Jahre 1959 erhielt die Silcherschule als erste Pavillonschule Stuttgarts für ihre wegweisende Architektur den Paul-Bonatz-Preis der Stadt Stuttgart. Der Architekt war Günter Wilhelm.
3. Gerettetes Fachwerk – Zehntscheuer
Wir queren in der Talsohle die Grünanlage Talwiese/Haldenrainstraße und gehen in Richtung Stadtteil-Mitte, von Rot in die City von Zuffenhausen. Die Bebauung wird dichter, die Architektur wird wesentlich älter. Die Zehntscheuer am Emil-Schuler-Platz bildet so etwas wie das Herz Zuffenhausens.
Zehntscheuer am Emil-Schuler-Platz Foto: Zophia Ewska/Lichtgut
Ein schönes Fachwerkhaus mit einer wechselvollen Geschichte: 1569 wurde das Gebäude als „Stiftsscheuer“ neu gebaut. Ein eingemauerter Stein, der sich direkt über der Infotafel befindet, trägt diese Jahreszahl. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden Teile der Scheuer zerstört. 1821 schließlich kaufte die Gemeinde Zuffenhausen den Bau und nutzte ihn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Kleinkinderschule und als Armenhaus.
Heute bietet die Zehntscheuer auch Räume für Veranstaltungen, die jede und jeder mieten kann. Ein gutes, sehr frühes Beispiel für vorbildlich rezyklierte Baustoffe ist die Zehntscheuer allemal. Bei der Sanierung von 1986 bis 1988 wurde historisches Holz aus anderen, nicht mehr zu rettenden Fachwerkgebäuden in ganz Baden-Württemberg verbaut.
Von der mittelalterlichen Zehntscheuer geht es nun über die Bottwarstraße hinein in die laute, quirlige Unterländer Straße, die auf den ersten Blick alles andere als attraktiv erscheint. Auf nur rund 600 Metern herrscht hier ein ganz schöner Trubel: Kneipen, Döner-Schnellimbisse, Paketshops, auch kleinere Kaufhäuser und Arztpraxen dominieren das Bild. Den Mittelpunkt der Unterländer Straße bildet der Turm der Pauluskirche, Hausnummer 15 auf der linken Seite. Die neoromanische Kirche wurde 1903 nach zweijähriger Bauzeit nach Entwürfen des gebürtigen Stuttgarter Kirchenbauexperten Heinrich Dolmetsch fertiggestellt.
4. Landhausstil im City-Trubel
Etwas weiter findet sich die nächste architektonische Perle, wieder linker Hand, das Haus mit der Nummer 37. Sieht aus wie ein mehrgeschossiges Landhaus, mit einer dunkelbraunen Schindelfassade in den oberen Stockwerken. Hier befindet sich heute eine Apotheke.
Den prächtigen Bau im ländlichen Stil ließ ein Arzt im Jahr 1914 errichten, ursprünglich als Einfamilienhaus mit Praxis geplant. Der Charakter des kompakten Baukörpers mit dem wohlproportionierten Dachstock mutet heute seltsam an, verweist aber auf eine eher vergessene historische Prägung Zuffenhausens als Weinbauerndorf hin, das es bis zur Industrialisierung war.
Das Haus steht selbstredend unter Denkmalschutz. Paul Schaefer war der Architekt dieses Landhauses, der hier ein gutes Beispiel für den seit 1870 populären Heimatstil lieferte. Der war längst nicht nur in Deutschland beliebt, diese das Land romantisierende Architekturmode kann man in vielen Städten Europas beobachten.
5. Große Architektur für die kleine Gemeinde
Einen Steinwurf weit entfernt kann man seine Augen dann ein wenig beruhigen, sich an einer gelungenen Großarchitektur darüber klar werden, was gute Architektur in einer dichten Bebauung wirklich ausmacht. Das Gemeindezentrum St. Antonius vereint einen großen Gemeindesaal und betreutes Wohnen für ältere Menschen. Insgesamt bietet es zwölf barrierefreie Wohnungen sowie Verwaltungs- und Technikräume.
Das Gemeindezentrum St.Antonius geplant vom Architekturbüro Lederer, Ragnarsdóttir und Oei Foto: Tomo Pavlovic
Der Baukörper mit drei oberirdischen Geschossen und einem monumentalen, halbrunden Treppenturm als Eckabschluss passt sich zwischen den Nachbarhäusern und dem Vorplatz der alten St.-Antonius-Kirche der abfallenden Besigheimer Straße an. Sichtbar, selbstbewusst und doch zurückgenommen strahlt das 2001 fertiggestellte Gebäudeensemble eine wunderbare Ruhe aus, die kohlegeschwärzten Ziegel werten das Viertel auf eine unprätentiöse Art und Weise auf. Die Architekten? Lederer, Ragnarsdóttir und Oei aus Stuttgart.
Harte Brüche, sanfte Hügel
Von der Markgröninger Straße geht es links ab in die Kirchtalstraße, der folgen wir bis zum Verkehrskreisel, überqueren selbigen und setzen den Spaziergang in der Elsässer Straße bis zur Böhringer Straße fort. An der Kreuzung hält man sich rechts, an der Burgunderstraße dann links. Und rechts am Supermarkt Rewe geht es dann durch den Bahnhof unter den Gleisen und der Bundesstraße 27 hinüber auf die Schwieberdinger Straße.
Wer auf der Brücke einen Blick in Richtung Stuttgarter Stadtzentrum riskiert, sieht eine Stadt mit all ihren Widersprüchen. Idyllische Weinberge rund um das Robert-Bosch-Krankenhaus in der Ferne, dazwischen schroff wirkende, mit Graffiti beschmierte Industriebauten und monströs tosende Verkehrsschneisen. An diesem unwirtlichen Verkehrsknotenpunkt ist Stuttgart ganz bei sich: Eine oft schöne, manchmal aber auch arg hässliche, stets prosperierende Stadt präsentiert sich, diese kleine, große Landeskapitale voller zeitgeschichtlicher Narben und architektonischer Sünden- wie Glücksfälle.
6. Die Spinnerei der Horkheimers
Ein weiterer dieser erhaltenen architektonischen Serotonin-Auslöser findet sich dann in der Schwieberdinger Straße 58, nachdem man vom Bahnhofsgelände rechts eingebogen ist. Vor einem trutzt an der viel befahrenen Straße ein sehenswerter sorgsam sanierter Backstein-Altbau, in der heute eine angesehene Kanzlei residiert.
Die Spinnerei der Horkheimers in der Schwieberdinger Straße Foto: Zophia Ewska/Zophia Ewska
Die Spinne im Netz als zentrales Motiv im Giebel verweist auf die Branche: Stoffhandel und Spinnerei. Mit der Textilfabrikation gelang den Kaufleuten Moritz und Richard Horkheimer der Aufstieg in Zuffenhausen, sodass sie ihr Werk erweiterten.
Die Horkheimers, sie waren Juden, ließen sich an dieser Stelle 1906 einen stattlichen Industriebau für die Verwaltung mit weiteren Werkshallen errichten, und zwar vom Architekten Rudolf Morlock, der ein Gebäude im typischen Jugendstil mit reichlich Ornamenten plante.
Das übrig gebliebene denkmalgeschützte Bürogebäude erzählt stumm mit Fassadenbildern von einer anderen Zeit, als die Textilherstellung noch nicht in Asien angesiedelt war: Eine Spinnerin ist zu erkennen, Spindeln, Spinnräder, aber auch Werkzeuge wie ein Hammer sowie ein Zahnrad. In der Schwieberdinger Straße war übrigens auch das Zuhause von Max Horkheimer, dem großen Sozialphilosophen, der mit Theodor W. Adorno die Frankfurter Schule prägte und mit selbigem die weltbekannte Essaysammlung „Dialektik der Aufklärung“ verfasste. Max Horkheimers Vater war Moritz Horkheimer.
7. Der rasende Stillstand
Vom Backsteinbau der Horkheimers geht es nun zum eingangs erwähnten Porsche-Museum, das von vom Wiener Architekturbüro Delugan Meissl Associated Architects entworfen wurde.
Im Jahr 2010 wurde es fertiggestellt, an einem Ort, der im Grunde ein Un-Ort ist: Der hochfrequentierte Kreisverkehr der Schwieberdinger Straße heißt zwar großspurig Porscheplatz, doch er war bis zum Bau des Museums ein geradezu menschenfeindlicher städtischer Raum, den man möglichst schnell verlassen wollte, falls man nicht im Stau gefangen war.
Museum am Porscheplatz 1 Foto: Zophia Ewska/Lichtgut
Mit dem Museum kam Bewegung in diese Ecke Zuffenhausens, der komplexe Polyeder mit der charakteristischen Spitze will fliegen, schweben, abheben. Es ist eine Architektur, die sich gegen die Schwerkraft stemmt, die Schnelligkeit in gebauten Raum übersetzt und ein Credo der Marke Porsche versinnbildlicht. Sportwagen aus Stuttgart stehen ja für Dynamik und Freiheit.
Auch das ist Stuttgart: eine Industriestadt, die immer noch den Traum vom grenzenlosen Fahren in schönen Vehikeln träumt. Und wer kein Auto zur Verfügung hat, kann nach einem Kaffee im Museum diesen Spaziergang anschließen und mit der angrenzenden S-Bahn ins Städtle zurückflitzen.
Weitere Bilder zum Spaziergang finden sich in der Bildergalerie.
Info
Strecke Der Weg ist 4,4 Kilometer lang und relativ moderat, leichtes Schuhwerk reicht völlig aus. Die zu bewältigenden Höhenunterschiede sind kaum der Rede wert und können auch mit Kinderwagen bewältigt werden.
An- und Abfahrt Zur U-Bahn-Haltestelle Tapachstraße fährt man vom Hauptbahnhof (A.-Klett-Platz) beispielsweise mit der U 7, der Spaziergang endet am Porscheplatz, wo man an der Haltestelle Neuwirtshaus mit den S-Bahn-Linien S 6 oder S 60 wieder zum Stuttgarter Hauptbahnhof gelangt.
Einkehren Im Zuffenhausener Stadtteil Rot wurde vor gut zehn Jahren eine neue Mitte gestaltet, und zwei Jahre später bekam der Hans-Scharoun-Platz dann auch den „Deutschen Bauherrenpreis“ zugesprochen. Ein wichtiges Element in dieser Stadtteilentwicklung ist die Gastronomie, in diesem Fall ein Restaurant mit vietnamesischen Spezialitäten. Im Dang Asian Cooking in der Haldenrainstraße 75 kann man zu akzeptablen Preisen gut essen, die hausgemachte Limonade ist zu empfehlen. Am Ende des Spaziergangs wartet das überaus stylishe Porsche-Museum am Porscheplatz 1 mit einem Bistro, einer Coffeebar und dem feinen Restaurant Christophorus, für das man allerdings eine Reservierung benötigt. Das Bistro Boxenstopp bietet aber auch Kuchen und frische Salate. Man kann das Lokal ohne Museumsticket betreten.