Architektur to go: Die Ausflugsserie zu architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt führt zu einer Villen-Siedlung fürs Volk, die ein jüdischer Stuttgarter Bürger bauen ließ, zu Brauerei-Landhäusern und einem nackten Jüngling.
Menschen gibt es, vor denen man sich nicht genug verneigen kann. Eduard Pfeiffer zum Beispiel. Er wurde 1835 als dreizehntes Kind des Hofbankiers Marx Pfeiffer geboren. Dieser hatte zu den ersten Juden überhaupt gehört, die in Stuttgart ein Wohnrecht erhielten. Einiges war schon zu lesen auch in unserer Zeitung über ihn und seine Wohltaten. Völlig zu recht – er war einer der reichsten Männer im Königreich Württemberg und hat, gemeinsam mit seiner Frau Julie, viel Gutes mit seinem Geld angestellt.
Ein jüdischer Bürger aus Stuttgart, der den Armen half, den Witwen, Waisen und der Stadt – und der 1866 den „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ gründete. Den Nationalsozialismus haben er und seine Frau nicht mehr erleben müssen, er starb 1921, sie im Jahr 1926. All ihr Geld haben sie einer Stiftung vermacht, deren Sitz auch eine Station dieses Architektur-Spazierganges ist.
Ein komplettes Wohnquartier in Ostheim nämlich hat Eduard Pfeiffer von 1891 bis 1903 erbauen lassen für Arbeiter und kleine Angestellte vor allem, für Beamte und Kaufleute. Wer dort einziehen und Mitglied im „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ sein wollte, musste nur nachweisen, das er irgendwo angestellt war.
Architektur-Spaziergang durch den Stuttgarter Osten
Es muss damals von Baustellen gewimmelt haben, denn neben der Siedlung entstanden weitere Wohnhäuser. Stuttgart wuchs rasant zu jener Zeit, um 1800 wohnten rund 20 000 Menschen in der Stadt, um 1900 dann schon 167 000. Wohnungsnot ist also ein Thema heute wie einst, nur mit dem Unterschied, dass es heute weniger Bauland, dafür viel mehr Bauvorschriften und Normen gibt als damals.
Der Architektur-Spaziergang führt durch den Stuttgarter Osten und startet an der Haltestelle Urachstraße. Foto: Grafik STZN/Locke, Lange
Wie durch ein Wunder ist diese Ostheimsiedlung mit Kirche, Schule, Plätzen, Läden fast komplett erhalten, bis heute werden die Wohnungen in den Häusern von dem Verein vermietet und denkmalgerecht instand gehalten. Der Spaziergang führt nicht nur durch die Siedlung, sondern zeigt auch andere sehenswerte Gebäude in anderen architektonischen Stilen.
1. Wulle-Villa in der Werfmershalde
Wie nah die wohlhabende Bürgerschaft und ihre Arbeiter beisammen leben, ist bis heute in Stuttgart interessant zu beobachten. Etwa am Urachplatz. Von Prachthäusern und Villen gesäumt ist die Haußmannstraße in Richtung Stadtmitte, der Spaziergang führt aber in die andere Richtung.
Von der Bushaltestelle geht es ein paar Meter hinauf, am Kreisverkehr an der Ecke zur Werfmershalde findet sich eine hohe Mauer mit einem etwas heruntergerocktem Pavillon am äußersten Gartenende. Der gehört zu einem sich hinter Bäumen versteckenden neoklassizistischen Landhaus, das man auch Wulle-Villa nennen kann.
Hinter einem prächtigen Tor: Die Villa in der Werfmershalde 21. Foto: Lichtgut/Max Kovalenk/o
Denn gebaut wurde das Haus 1907 von Robert Beckmann für den Brauereidirektor Edwin Feldmüller, der Mitte der 1890er Jahre in die Stuttgarter Brauerei Wulle eingetreten war und diese nach dem Tod seines Schwagers Carl Wulle leitete. Das Gebäude wurde vor vielen Jahren von dem Stuttgarter Büro C+C Architekten denkmalgerecht saniert, die Fotos auf der Homepage lassen hoffen, dass sich seither nichts mehr getan hat.
2. Fabrikgebäude für Architekten
Wieder zurück und an der Bushaltestelle vorbei geht es die Haußmannstraße hinunter, die einen Bogen macht, wobei man linker Hand auf die Fabrik mit Klinkerfassade schaut. Während sich heute die Fabriken eher am Stadtrand ansiedeln, waren sie einst mitten in der Stadt zu finden, so wie jene in der Haußmannstraße 103 aus dem Jahr 1903.
Repräsentativer Industriebau in der Haußmannstraße 103. Foto: Lichtgut/Max Kovalenk/o
Entworfen hat es Philipp Jakob Manz, ein unehelicher Sohn einer Metzgerstochter aus Kohlberg, der nach einer Steinmetzlehre in Stuttgart Architektur studierte und zu einem der bedeutendsten Industriebauarchitekten wurde mit über hundert Angestellten und einer Dependance in Wien.
Wo einst eine Gardinenweberei ihre Adresse hatte, residiert heute das große Architekturbüro auer + weber. Architekten wissen den Wert des gut Gebauten zu schätzen – oder sind Industriebautenromantiker, ebenso übrigens wie wie asp Architekten, Atelier Brückner, 4a Architekten und Birk Heilmeyer Frenzel und A+R Architekten, die in anderen Backsteinbauten in der Stadt ihre Arbeit tun.
3. Ehemalige Kinderkrippe in der Schwarenbergstraße
Geht man in den Hinterhof der Fabrik, kommt man an einem Lebensmittel-Discounter vorbei und erkennt schon die Rückseite von Mehrfamilienhäusern aus Backstein, um die es hier auch gehen soll. Dann weiter in die Rotenbergstraße mit der tollen Allee hinunter zur Schwarenbergstraße. Da bitte rechts abbiegen und bis zur Nummer 64 weiter gehen.
Ehemalige Kinderkrippe in der Schwarenbergstraße. Foto: Golombek
Das ist die Adresse des Bau- und Wohnungsvereins, direkter Nachfolger des von Eduard Pfeiffer gegründeten „Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen“, der die Ostheim-Siedlung verwaltet. 1896 wurde dort eine Kinderkrippe eingerichtet, in der Siedlung wohnten ja viele Familien.
Und auch wenn das heute nicht leicht vorstellbar ist, schafften sie es, mit weniger als 100 Quadratmetern auszukommen, eine Dreizimmerwohnung damals hatte kaum mehr als 60 Quadratmeter. Wie die ganze Siedlung steht auch dieses Backsteingebäude unter Denkmalschutz.
4. Eckhaus Ostheimsiedlung am Julie-Pfeiffer-Platz
Geradezu lauschig und wie in einem englischen Historienfilm wähnt man sich, wenn man von der Schwarenberg- in die Neuffenstraße begibt. Eduard Pfeiffer hatte, damit die Qualität stimmt, sogar einen Architektenwettbewerb für die Siedlung ausgeschrieben.
Das Büro Karl Heim & Karl Hengerer gewann, Hengerer hat einige Jahre später dann auch noch im Stuttgarter Norden das Baronenviertel genannte Quartier entworfen – mit großbürgerlichen Häusern im Landhausstil.
In Ostheim planten die Architekten zumeist zwei- bis dreigeschossige Häuser mit Backsteinfassade im historistischen Stil, doch die Kosten konnten sie gering halten. Baumaterial wie Backstein, Dachziegel, Fenster, Türen, Sanitäreinrichtungen und Öfen waren standardisiert, die Zwischenwände oft nicht gemauert, sondern in Fachwerk ausgeführt.
Doch kein Haus gleicht dem anderen. Manche haben Zierleisten in der Fassade, manche ein Türmchen, Giebel, Erker, manche einen Balkon. Alle aber haben Grün vor dem Haus und ein Gärtchen, besonders gelungen ist die Neuffenstraße, wegen der vielen Bäume und der hübsch gestalteten Vorgärten mit Rosen und Lavendel.
Eckhaus Rechbergstraße 9 am Julie-Pfeiffer-Platz Foto: Golombek
Direkt an dem kleinen Julie-Pfeiffer-Platz bestaunt man zum Beispiel das Eckhaus mit der Nummer 9, biegt aber in die Rechbergstraße ab, wo man an weiteren Häusern mit netten Vorgärten vorbei geht.
5. Josefsheim in der Haußmannstraße
Die kleine Rechbergstraße mündet in die Haußmannstraße, da entlang finden sich weitere Ostheimsiedlungshäuser. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite aber haben andere gebaut. An der Ecke Kniebisstraße 2/Haußmannstraße 160 etwa steht ein stolzes Jugendstilgebäude mit hellem Putz, erbaut von 1905 bis 1907. Sein Name – Josefsheim – ist in die Fassade gemeißelt, ebenso wie eine für Weisheit stehende Eule.
Florale Jugendstil-Formen – selbst bei den Fenstern des Josefsheims, Haußmannstraße 160. Foto: Lichtgut/Max Kovalenk/o
Eine Kindertagesstätte ist heute noch im Haus untergebracht, Architekten waren die Brüder Emil und Paul Kärn, die außerdem im Stuttgarter Süden einige beachtliche Jugendstilhäuser entworfen haben.
Falls schon nach dieser ersten Etappe Verpflegungsbedarf wäre – ein paar Meter weiter, Nummer 170, ist seit einiger Zeit ein feiner Käseladen.
6. Jünglingsbrunnen am Eduard-Pfeiffer-Platz
Nun heißt es, die Straße wieder zurück überqueren und in die leicht bergab führende Teckstraße einbiegen. Da sind wieder links und rechts schlichte Hengerer-Wohnhäuser zu betrachten, zum Teil mit Ladengeschäften.
Und dann steht man schon im Herzen des Viertels, am mit Kopfsteinpflaster belegten Eduard-Pfeiffer-Platz. Der soll demnächst fußgänger- und fahrradfreundlicher umgestaltet werden, was offenbar nicht allen im Viertel gefällt, in der Neuffenstraße etwa finden sich an einigen Häusern Protestplakate.
Jünglingsbrunnen am Eduard-Pfeiffer-Platz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenk/o
Am Platz findet sich ein von einem Baum beschatteter Jünglingsbrunnen mitsamt Steinbänkchen aus Muschelkalk. Er wurde 1913 zur Zehn-Jahr-Feier des Viertels aufgestellt. Geschaffen wurde er vom Bildhauer R. W. Schönfeld nach dem Entwurf des Bildhauer Karl Donndorf. Ein Jüngling (Allegorie auf Tatkraft und Leben) mit einer Schale des Lebens in der Hand – Donndorf hat auch den Schicksalsbrunnen entworfen, der zwischen dem Schauspielhaus und der Oper steht.
Auf beiden Bänkchen sitzt es sich im Sommer super mit einem Eis – wenn man denn ein geduldiger Mensch ist. Die Schlange vor der nahe gelegenen Eisdiele Schleckerei ist nämlich meistens ziemlich lang.
7. Lukaskirche in der Landhausstraße
Weiter geht es die Landhausstraße hinauf, wenige Meter weiter findet sich schon der nächste von Bäumen gesäumte Platz direkt vor der Lukaskirche aus dem Jahr 1899 nämlich. Die steht auch unter Denkmalschutz , wurde aber nicht von Hengerer entworfen, sondern nach einem Entwurf von Louis Stahl im Stil der Neugotik.
Steht unter Denkmalschutz: die Lukaskirche Foto: Golombek/NG
Es war auch eine spirituelle Anlaufstelle für die Leute aus seinem Viertel, sofern evangelisch. An einen strengen, aus dem Jahr 1916 stammenden Gemeindesaal-Neubau neben der Kirche schließt sich die Grund- und Werkrealschule Ostheim von Albert Pantle mit Giebelschmuck und Türmchen an, die pünktlich zur Fertigstellung der Ostheimsiedlung fertig wurde.
8. Doppelhaus in der Landhausstraße
Fast direkt gegenüber der Schule in der Landhausstraße 122 findet sich erstens das Wohnhaus, in dem der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel geboren wurde.
Doppelhaus an der Landhausstraße Foto: Pavlovi/c
Und zweitens einige Häuser weiter in der Landhausstraße 112 ein bemerkenswertes Mehrfamilien-Doppelhaus im Stil des Historismus aus dem Jahr 1903 – mal nicht mit Backsteinfassade, entworfen von Eugen Klaiber. Der Architekt und Bildhauer hatte auch auf der Geroksruhe ein als Ausflugslokal genutztes Schlösschen entworfen und in Göppingen ein Mausoleum für einen Bankier.
Nicht nur die Ostheim-Siedlung wurde also in jener Zeit fertig, auch andere Bauherren und Architekten hatten fleißig gebaut.
9. Backsteinschmuckstück in der Urachstraße
Neben dem Großprojekt von Pfeiffer entstand in der Zeit um 1900 außerdem in der Urachstraße eine Häuserzeile aus der Hand eines einzigen Architekten – Adolf Eckert hat die Wohnhäuser entworfen, gebaut wurden sie 1893 bis 1898, also fast zur selben Zeit wie die Ostheimsiedlung. Die Häuser sehen eine Spur großzügiger aus, unterscheiden sich aber nicht grundsätzlich von jenen, die Hengerer geplant hat.
Backstein-Schmuckstück an der Urachstraße von Adolf Eckert Foto: Golombek
Das Backsteinhaus-Ensemble mit seinen Erkern, schwungvoll ausgeführten Giebeln und blühenden Vorgärten steht ebenso unter Denkmalschutz wie die Siedlung. Das am weitesten oben gelegene Haus mit der Nummer 1 verfügt auch noch über kleinen Balkon. Hier endet der Spaziergang.
Wem der Sinn nun nach zeitgenössischer Architektur steht, der flaniert ein bisschen weiter auf der Haußmannstraße – der von Behnisch Architekten entworfene Neubau der Waldorfschule ist absolut sehenswert.
Info
Strecke Der Rundweg ist 1,8 Kilometer lang und auch in Flipflops begehbar.
An- und Abfahrt Beginn und Zielpunkt ist die Bushaltestelle „Urachstraße“ der Linie 42. Passionierte Stadtbahnfahrer können den Rundweg von der Haltestelle Ostendplatz aus beginnen und müssen dann nur die Landhausstraße hinauf zum Jünglingsbrunnen am Eduard-Pfeiffer-Platz gehen und diesen als Beginn- und Endpunkt wählen.
Einkehren Ein Hotspot für Eis-Fans ist die Schleckerei (Landhausstraße 154) neben dem Eduard-Pfeiffer-Platz. Falls die Schlange zu lang ist – der schön gestaltete Bioladen Rein direkt am Ostendplatz führt unter anderem auch Eis. Am Ostendplatz ist zudem mit dem Voss (Ostendstraße 59) ein sehr guter Bäcker zu finden, im Kiosk direkt daneben gibt es interessante Zeitungen und Zeitschriften. Auch das vietnamesische Restaurant Vietal (Landhausstraße 181) an der Ecke ist oft gut besucht. Einer der Traditions-Burger-Bräter ist der Udo-Snack in der Schwarenbergstraße 40. Neu und hübsch gestaltet ist der Käseladen in der Haußmannstraße 170.
Geeignet für Menschen, die Backsteinarchitektur lieben und die sich dafür interessieren, wie erstaunlich in der Vergangenheit der Wohnungsnot abgeholfen wurde.