Architektur-Spaziergang Stuttgart Kann der Vier-Giebel-Neubau im Herzen Stuttgarts eine Stadtwunde heilen?

Neues an der Stuttgarter Eberhardstraße: der bald fertig gestellte Wohn- und Geschäftskomplex Vier Giebel. Foto: Pav

Architektur-Spaziergang in Stuttgart: Rund um den Tagblatt-Turm finden sich spannende Alt- und Neubauten – und ein schwerer Verlust.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Zu den baulichen Realitäten in dieser Stadt gehört auch jene betrübliche, dass im Kessel nie genügend Platz ist. Und wo es eng zugeht, müssen Architekten besonders findig sein und unter erschwerten Bedingungen planen.

 

Das ist heute so, und war auch schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts nicht anders. Deswegen startet dieser Spaziergang vor dem Alten Schauspielhaus in der Kleinen Königstraße.

Der Stuttgarter Architektur-Spaziergang beginnt am Alten Schauspielhaus und endet an einem Hotel. Foto: STZN/Yann Lange

1. Altes Schauspielhaus – Kleine Königstraße 9

Sitzt, passt und hat kaum Luft, so wirkt das Schauspielhaus neben all den Nachbargebäuden. Als hätte man einen schicken Kleinwagen zwischen zwei SUVs geparkt. Der Bau ist ein architektonisches Juwel, wurde 1909 nach Entwürfen von Albert Eitel und Eugen Steigleder für die damalige Theaterbau-Aktiengesellschaft errichtet. Geschickt geplant wurde an dieser komplizierten Stelle, denn man musste den Versatz der Straße berücksichtigen und das Theater zudem zwischen zwei Geschäftshäuser platzieren. So geht Nachverdichtung!

Früher wie heute ein Kulturort – das Alte Schauspielhaus in Stuttgart-Mitte. Foto: Pavlovic

Und noch besser, wenn der Bau mit diesem gerundeten Pavillon auch noch formal überzeugt. Die helle Sandsteinfassade wirkt eigentlich immer einladend, was für ein Theater nie schlecht ist; die dezenten Jugendstilelemente kombinierten die Architekten Eitel und Steigleder mit der um 1900 aufkommenden Reformarchitektur, die sich vom Historismus abwandte – unter Beibehaltung tradierter Techniken und Materialien. Der 1934 verstorbene gebürtige Stuttgarter Albert Eitel war eine lokale Berühmtheit, ein Könner seines Fachs, Dutzende seiner Bauwerke in und um Stuttgart, darunter viele Villen, sind heute Kulturdenkmäler, und das völlig zurecht.

2. Tagblatt-Turm – Eberhardstraße 61

Nun geht es hinunter zur Tübinger Straße, man biegt links ab, um ein paar Schritte später rechts in die Eberhardstraße zu gelangen – mit dem Blick auf den Tagblatt-Turm und das Hegel-Haus. Wie in kaum einer anderen Stadt ist das Schönste und das Hässlichste auf engstem Raum auf dermaßen intensive Weise erfahrbar.

Wo früher die Einkaufskassen großer und namhafter Warenhäuser klingelten, empfängt den Spaziergänger heute Abriss-Tristesse, ein Friedhof des bundesrepublikanischen Konsumwunders längst vergangener Dekaden – und Ort des schlimmsten Abriss-Frevels der Nachkriegszeit: im Mai 1960 ließ die Stadt nämlich das Kaufhaus Schocken abreißen, das einst als eines schönsten Warenhäuser Deutschlands galt.

Architekt dieses weltberühmten Meisterwerks aus Licht, Beton, Stahl und Glas war Erich Mendelsohn, 1928 eröffneten die Kaufmannsbrüder Salman und Simon Schocken ihr Warenhaus, das heute als denkmalgeschützte Ikone der Moderne ein Besuchermagnet sein könnte. Höchstwahrscheinlich.

Heute ist diese Ecke Stuttgarts mit ihren vielen Verschönerungsgeschäften vor allem beliebt bei jungen Menschen, die einen günstigen Haarschnitt benötigen. Pläne zur Umnutzung des geisterhaften Galeria-Kaufhof-Klotzes werden seit längerem diskutiert, das Haus der Kulturen könnte hier einziehen und diesen Lost Ground tatsächlich mit Sinnhaftigkeit erfüllen, nachdem das Konzept der Konsum- und Autostadt an diesem neuralgischen Platz komplett gescheitert ist.

Stuttgarter Monument des Neuen Bauens – der Tagblatt-Turm von Ernst Otto Oßwald. Foto: Pavlovic

Dass ausgerechnet einen Steinwurf weiter der Tagblatt-Turm hier immer noch steht, scheint hingegen wie ein Wunder. Im Entstehungsjahr des Kaufhauses Schocken erstellte Ernst Otto Oßwald für das Stuttgarter Neue Tagblatt ein Turmhaus in Eisenbeton, das heute zu den schönsten und architektonisch prägendsten Gebäuden der Stadt zählt.

Ein Monument des Neuen Bauens – und der freien Presse. Seine Fensterbänder und die wohlproportionierten Volumina der versetzten Baukörper sind bis heute eindrucksvoll und beschämen das meiste, was in späterer Zeit in nächster Umgebung errichtet worden ist.

3. Vier Giebel – Eberhardstraße 18-22

Womit wir auch schon beim neuesten Wurf der Stadtplaner wären: dem Ensemble Vier Giebel, das nach einiger Verspätung demnächst fertig werden soll. Was man jetzt schon sehen kann – der neue Gebäudekomplex zwischen Hans-im-Glück-Brunnen und Eberhardstraße ist von weitem an den markanten Giebeln zu erkennen.

Wenig überraschend haben sich die Gestalter von der historischen Altstadtarchitektur (und dem Vorgängerbau) inspirieren lassen, die Planer der Sweco-Gruppe aus Frankfurt hatten ganz offensichtlich eine Reparatur dieses stark beschädigten Stadtraums im Sinn.

Das Vier-Giebel-Ensemble vom Stuttgarter Tagblatt-Turm aus gesehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Statt ausschließlich auf motorisierten Verkehr und Handel zu setzen, geht es an der Ecke zur Torstraße nun auch um eine gesteigerte Aufenthaltsqualität. In den kommenden Monaten sollen Wohnungen, Gastronomie und Büroflächen vollständig bezogen werden, die jeweils etwa ein Drittel der Fläche ausmachen. Bauherrin ist die Immobilien-Sektion der LBBW. Eigentlich lobenswert, dass ausgerechnet an dieser sehr lebhaften Kreuzung und in der Nachbarschaft des bei Nachteulen äußerst beliebten Hans-im-Glück-Areals nun auch Wohnraum entsteht, ein Teil davon gefördert.

Doch bei den aufgerufenen Preisen – rund 25 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – und der Ankündigung, dass mehr oder minder bekannte Gastroketten einziehen sollen, bekommen die ersten schon wieder kapitalismuskritische Zornesfalten auf der Stirn.

Die Furcht vor einem neuen Latte-Matcha-Viertel ist aber unbegründet, zu schroff und unwirtlich bleibt der gegenüber liegende Kaufhaus-Bau und das traurige Parkhaus an der Steinstraße. Der architektonische Eindruck, den das Vier-Giebel-Ensemble selbst hinterlässt, bleibt allerdings ambivalent, sehr wuchtig und wenig zurückgenommen wirkt der Bau an der Eberhardstraße. Wie ein Fremdkörper.

4. Hans-im-Glück-Brunnen – Geißstraße

Doch ein paar Schritte weiter, vom Hans-im-Glück-Brunnen aus betrachtet, fügen sich die Vier-Giebel-Bauten nahtlos ein in die reizvolle Kurve mit der Café-Bar Biarritz. Wie passende Puzzlesteine ergänzen die frischen Natursteingebäude den gebauten Bestand in der krummen Gassenführung, das erscheint überhaupt nicht prätentiös. Die Gastronomen werden aufatmen, denn die Baustelle war an diesem Nadelöhr lange Zeit ein Tor zur Hölle. Eine olfaktorische Zumutung war’s zudem.

Noch ist der Bauzaun da, aber das Areal gewinnt schon jetzt wieder an Qualität. Übrigens: Das beliebte Quartier zwischen Geiß-, Eberhard-, sowie Töpferstraße ist kaum älter als der Tagblatt-Turm. Es entstand zwischen 1906 und 1909 auf dem Gebiet der einstigen Altstadt, die hier ziemlich heruntergekommen war.

Stuttgarter Hans im Glück Brunnen – im Hintergrund links das Vier-Giebel-Ensemble, sieht aus als wäre es schon immer da gewesen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Auf Initiative des Arbeitervereins – genauer: des Vereins zum Wohl der arbeitenden Klassen – errichtet die Stadt unter der Oberleitung von Karl Hengerer (er war eigentlich ein Spezialist für Villen auf den Stuttgarter Halbhöhen) ein bemerkenswertes, von der Reformarchitektur stark beeinflusstes Viertel für diejenigen, die vom Wohnen auf der Halbhöhe nur träumen konnten.

Es entstanden bezahlbare Zwei- bis Vierzimmerwohnungen um den Geißplatz mit dem 1909 eingeweihten Hans-im-Glück-Brunnen von Joseph Zeitler als Zentrum. Hier ist und bleibt Stuttgart ganz bei sich, autofrei, dem Menschen zugewandt. Architektonisch und stadtplanerisch vorbildlich bis in die Gegenwart.

5. Emilu Designhotel – Nadlerstraße 4

Zurück an der Ecke Geißstraße/Steinstraße geht der Spaziergang weiter nach rechts, wo man die rückwärtige Seite des Rathauses erblickt. Noch ein paar Schritte weiter und man steht in der Nadlerstraße vor dem Hotel Emilu, das man seiner Fassade wegen woanders vermutet: vielleicht im Süden Frankreichs.

Seit dem Umbau ein beliebter Ort nicht nur für Stuttgarter Übernachtungsgäste – das Designhotel Emilu. Foto: Pavlovic

 Für den ökologisch korrekten Umbau eines Geschäftshauses – das olle „Europahaus“, die Älteren werden sich mit Grausen erinnern – erhielten Wolf Architekten/Ingenieure aus Backnang gemeinsam mit Blocher Partners aus Stuttgart (Innenarchitektur und Fassadenentwurf) den Preis „Beispielhaftes Bauen 2023“ der Architektenkammer Baden-Württemberg. Früher war das hier der schmuddelige Hinterhof des Rathauses, ein Fortsatz des Kaufhof-Parkhauses.

Nun adelt das Emilu die Ecke, mit feinem Naturstein, mit zwei zurückspringenden Geschossen mit Putzfassade. Die bodentiefen Fenster und der Baumbestand an der Straße verbreiten einen Hauch von Nizza. Falls man ein Plätzchen hier oder im Café gegenüber findet, kann man hier seinen Nachmittag gut ausklingen lassen. Manche Stadtwunden können mit der Zeit und guter Planung tatsächlich heilen, andere aber wie der Verlust des Kaufhauses Schocken leider nicht.

Fotografische Eindrücke von den Stationen des Architektur-Spaziergangs und von der Baustelle Vier Giebel in der Bildergalerie.

Info

Route
Der Spaziergang ist einen halben Kilometer kurz und leicht abschüssig. An der Haltestelle Rotebühlplatz ist der Ein- und Ausstiegspunkt, mehrere Stadtbahnen und Busse halten hier.

Einkehren
Gegenüber des Emilu ist die beliebte Café-Bar „Tatti“, im Emilu kann man ebenfalls Kaffee trinken. , Frühstück wird auch nicht nur für Hotelgäste serviert. Wer zwischendurch rasten will – rund um den Hans-im-Glück-Brunnen finden sich Cafés und Bars. Wer von der Nadlerstraße noch ein paar Meter weiter Richtung Rathaus geht – im neuen Haus des Tourismus findet sich „Knitz“ – schwäbische Spezialitäten werden da offeriert. In der Markthalle in der Dorotheenstraße gibt es tolles Obst für unterwegs und Bäckereien.

Geeignet für
Menschen, die sich Gedanken machen, ob bei Stadtreparaturen historisierend vorgegangen werden soll oder nicht – und Fans von Bauhaus-Architektur.

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