Architektur Landesbibliothek in Stuttgart Diese Bibliothek repariert die Stadt

Nicht bloß eine Kiste: der WLB-Neubau an der Konrad-Adenauer-Straße, rechts der Lesesaal des Altbaus Foto: imago/Arnulf Hettrich

Bote einer besseren Zukunft für die B 14: Mit ihrer Erweiterung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart gibt das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei dem Stadtraum Halt. Im Innern überzeugt die meisterhafte Inszenierung des Raums.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Weltweit erleben Bibliotheken einen Boom, der nur oberflächlich betrachtet auf paradoxe Weise die Digitalisierung begleitet. Heute mehr denn je sind die Informationsspeicher, die nie nur bloße Bücherbehältnisse waren, eminente öffentliche Orte. Orte, die die Attraktivität einer Stadt steigern, für die man sich begeistern kann und die deshalb sichtbar sein müssen und nicht hinter banalen Investorenhochhäusern verschwinden dürfen – wie die Stuttgarter Stadtbibliothek. Die Erweiterung der Württembergischen Landesbibliothek in der Landeshauptstadt erfüllt diese Anforderungen. Das Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) setzt in einem entscheidenden Punkt noch etwas drauf: Der 60 Millionen Euro teure Neubau vollbringt ein elementares Stück Stadtreparatur.

 

Das kann jeder Spaziergänger erfahren, der sich von der Staatsgalerie her nähert. Bislang endete der von Platanen bestandene Gehweg an der Ecke Ulrichstraße/Konrad-Adenauer-Straße abrupt vor der Tiefgarageneinfahrt des WLB-Altbaus. Nun kann man den massigen Kubus des Neubaus, der durch seine wohlkomponierte Fassadenornamentik alles andere als eine monotone Kiste ist, zu Fuß passieren und weiter bis zum Hauptstaatsarchiv und bald auch bis zum Stadtpalais laufen, jenem zweiten Bau an der „Kulturmeile“, den die Architekten ebenfalls mit städtebaulichem Gewinn bearbeitet haben.

Eine Achse mit dem Neuen Schloss

Die Stuttgarter Nachkriegsstädteplaner wie auch Horst Lindes 1970 eröffneter, von der Straße abgerückte WLB-Altbau, waren ganz der Moderne und ihrer Idee der spannungsreich verknüpften Solitäre verpflichtet. Worin das damit einhergehende Ideal der autogerechten Stadt an diesem Ort mündete, ist hinlänglich bekannt: eine Straßenkluft, die Stadtgefüge wie urbanes Leben jäh zersplittert.

Wunden können heilen. Der Neubau ist nun da, wo die größte wissenschaftliche Bibliothek des Landes hingehört – und wo sie Ende des 19. Jahrhunderts der Architekt Theodor von Landauer errichtete: an der Straße, nah am Herzschlag der Stadt. So geben die Architekten dem Stadtraum wieder Halt, der Straße Saum. Und knüpfen an die Historie an: Plötzlich wird die Achse sichtbar, die der Linde-Lesesaal mit dem Mittelrisalit des Neuen Schlosses und dem Thouret-Brunnen im Akademiegarten bildet. Möglich macht das der Bibliotheksplatz, der, vom Gehweg über eine breite Treppe zu erreichen, das Zeug zu einem Lieblingsort hat. Der Neubau erweist sich somit als Stadtmacher par excellence – ein zukunftsweisender Grundstein des neuen Stadt-Boulevards, zu dem sich die B 14 wandeln soll – wenn es denn mal wahr wird. In die vielleicht mal autofreie Zukunft gedacht ist auch die neue Tiefgarage, die zum Büchermagazin umgenutzt werden kann.

Eine Verneigung vor Horst Linde

Materialität, Farbigkeit, Formen reagieren auf die übrigen Nachbarn und vor allem auf das Stammhaus. Dieses ist nur durch eine Brücke angebunden – so blieb der Altbau während der Bauzeit intakt und funktionsfähig. Mit dem Sichtbeton verneigen sich die Architekten vor Horst Lindes Altbau, setzen sich aber mit der hellen Färbung auch selbstbewusst ab. Ebenfalls eine klare Linde-Reverenz: das Kupfer für das Dach wie auch für die geschlossenen Felder der – zugunsten von licht- und aussichtsreichen Arbeitsplätzen – aufgefächerten Fassade.

Hier wie mit der Bullaugen-Reihe und den Toblerone-Dachzacken spielen LRO den Ball der postmodernen Verspieltheit, den James Stirlings Staatsgalerie und Musikhochschule zupassen, zurück und setzen dabei ihren bewährten Formenkanon ein. Der mit organischem Schwung geformte vertikale Luftschacht an der Südwestflanke markiert weithin sichtbar den Haupteingang.

Der Balkon wirkt wie angepappt

Etwas geduckt wirkt das Foyer mit der Infotheke – die Geschosshöhen mussten aus Spargründen reduziert werden. Auf dieser Ebene liegen auch die zur Straße hin orientierten luftigen, weil teilweise doppelgeschossigen Vortrags- und Ausstellungsräume, die sich vom Bibliotheksbetrieb abkoppeln lassen. Damit wie auch mit der Cafeteria auf Straßenebene mit ihrer gerasterten Glasfront wird die Öffentlichkeit erzeugt, die eine Bibliothek heutzutage braucht. So hat dann auch der die Veranstaltungsspange säumende Balkon seinen Sinn, der im Wettbewerbsentwurf noch nicht vorhanden war – und auch wie nachträglich hingepappt wirkt. Aber wenn der stinkende Blechgraben vor der Tür Vergangenheit sein wird, will man vielleicht gern auf dem aus Brandschutzgründen hinzugefügten Freisitz Luft schnappen.

Im Innern überzeugen die logische Organisation, die stringente wie sinnliche Handhabung der Materialien sowie die meisterhafte Inszenierung des Raums. Spektakulär schwingt sich vom ersten Obergeschoss ein Atrium über die weiteren Lesesaal-Ebenen hinweg – unweigerlich wandern die Blicke bis zum Dach. Die hübschen Bullaugenzylinder, die im ersten Obergeschoss aus dem Boden ragen, erweitern diesen Durchblick noch hinab in Richtung Straßenniveau.

Wie schön kann der Klimakiller Beton sein!

Im Dachgeschoss sind die Leseplätze in der Mitte des Saals angeordnet, Regale bekleiden die Wände; die zwei darunter liegenden Ebenen sind, architektonisch folgerichtig, genau umgekehrt organisiert, hier liegen die Arbeitstische an den großen Fenstern. Das dem Industriebau entlehnte Sheddach erfüllt als Lichtspender im Wissenstempel mit mehr als 300 000 Bänden genauso seinen Zweck, die Glasflächen des Dachs sind mit weißen, das Licht weich filternden Holzlamellen verhüllt, ein Element, das im ganzen Haus zum Einsatz kommt. Und auch wenn er ein Klimakiller ist: Wie schön kann Beton sein! Lederer Ragnarsdóttir Oei ziehen mit dessen souveräner, scharfkantiger Handhabung mit Lindes Lesesaal gleich. Die raue Struktur des Ortbetons für Decken, Wände, Treppenanlage kontrastiert mit dem glatten Weiß der Möbel; ein belebendes Spiel mit haptischen wie optischen Qualitäten, das Identität schafft.

Lederer Ragnarsdóttir Oei müssen gestalterische Details nicht immer neu erfinden: Alte Bekannte sind die Arne-Jacobsen-Tischleuchten, das Balkondesign, der apfelgrüne Textilbodenbelag. An diesem Ort färbt dessen Leuchtkraft sogar sanft den Beton und lässt, klar, an Stirlings Staatsgalerie-Noppenboden denken. Gute Architektur ist eine, die etwas zu erzählen hat, die Geschichte des Orts fortschreibt – und vor allem die Stadt voranbringt.

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