Architekturcoup aus Stuttgart Wie bauen Stuttgarter Architekten ein Haus auf einem NS-Aufmarschplatz?

Im Hof der Kongresshalle auf Hitlers Paradeplatzgelände in Nürnberg plant das Stuttgarter Architekturbüro LRO ein begrüntes Opernhaus. Foto: Georg Reisch/LRO

Architektur zu entwerfen, die sich nicht als solche zeigt, ist eine eigentlich unlösbare Aufgabe. Wie das den Stuttgarter Architekten LRO mit dem Opernbau auf dem Reichsparteitagsgelände Nürnberg doch gelingt und was Stuttgart davon lernen könnte.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Abreißen? Stehen lassen als Mahnmal, das an dunkle Zeiten erinnert?Wie geht man mit Monumentalbauten aus der NS-Zeit um? Über diese Frage des Umgangs mit dem Reichsparteitagsgelände hat die Stadt Nürnberg lange gestritten, dann so entschieden: Stehen lassen und als „Lernort“ nutzen mit dem 2001 eingeweihten Dokumentationszentrum.

 

Nun wird der Hof der unvollendeten Kongresshalle von Hitlers Paradeplatzgelände auch noch Baugrund und Kulisse für ein neues Projekt: die Interimsoper. Wo von 1933 bis 1938 die Reichsparteitage der NSDAP stattfanden, sind neben dem Gebäude für Oper und Ballett außerdem Ateliers, Werkstätten und Veranstaltungsräume für die freie Szene auf dem einstigen Reichsparteitagsgelände geplant.

Wie Stuttgarts Oper ist auch die in Nürnberg sanierungsreif

Nicht nur in Stuttgart ist das Opernhaus dringend sanierungsbedürftig, sondern auch das Gebäude aus dem Jahr 1905 in Nürnberg am Richard-Wagner-Platz, das ab 2028 saniert werden soll. Bis dahin soll die Ersatzprobe- und die Spielstätte für Oper und Ballett auf dem ideologisch verminten Areal im Südosten Nürnbergs entstehen.

Architekten wiederum, die auf solch ideologisch vermintem Terrain etwas Neues entwerfen sollen, müssen darauf reagieren. Nun entwirft auch sonst keiner im luftleeren Raum, doch hier gilt es erst recht, die Umgebung und die Geschichte mitzudenken bei der Planung. Der österreichische Architekt Günther Domenig hatte 1998 den Wettbewerb für ein Dokumentationszentrum auf dem Areal mit seiner Idee gewonnen, den nördlichen Kopfbau durch eine Art begehbaren „Pfahl“ aus Glas und Stahl zu durchbohren. Ikonisch.

Dokumentationszentrum in Nürnberg, entworfen vom Grazer Architekten Günther Domenig. Foto: www.imago-images.de/www.viennaslide.com via www.imago-images.de

Anders jetzt die Aufgabe: Gar nicht erst deutlichst sichtbar mit einem elaborierten Prachtbau architektonisch gegen den Bestand dagegenhalten, das war in der Ausschreibung gewünscht. Das Stuttgarter Büro LRO Architekten hat sich mit einem rundum an allen Wänden und auf dem Dach begrünten Bau im Wettbewerbsverfahren gegen drei weitere Büros durchgesetzt und wird den voraussichtlich 85,5 Millionen Euro teuren Bau gemeinsam mit dem schwäbischen Bauunternehmer Reisch errichten. Mitsamt Sanierung des alten Opernhauses sind 300 Millionen Euro veranschlagt.

Solch ein „Totalübernehmer-Verfahren“ gibt Bauherren Planungssicherheit, da das Prinzip „Alles aus einer Hand“ eine effiziente Realisierung gewährleistet: Bereits beim viel gepriesenen Münchner Volkstheater, bei Museen und in Esslingen beim Landratsamtsbau hatten Reich und LRO zusammen gearbeitet, das Projekt entstand ohne Mehrkosten.

Und voraussichtlich wird auch schneller gebaut werden. Der Nürnberger Interimsbau, wiewohl der Wettbewerb erst im Juli 2024, also ein Jahr später entschieden wurde als der in Stuttgart, wird dafür ein Jahr früher fertig werden. 2028 soll dort die erste Interimssaison starten.

Baubeginn in Stuttgart ist laut dem siegreichen Stuttgarter Büro A+R Architekten, die ihren Entwurf gemeinsam mit NL Architects aus Amsterdam vorgelegt hatten, im September 2026. „Mit Beginn der Spielzeit 2029 könnte das Interim in Betrieb genommen werden“, teilt eine Sprecherin der Stadt mit. Bis dahin ist noch sehr viel abzustimmen und abzuklären. Hellmut Schiefer, Leitender Architekt bei A+R Architekten beantwortet die Frage, ob sich am Gewinnerentwurf noch was ändert, so: „im Prinzip nichts, aber sonst alles“. Der Wettbewerbsgewinn werde wie entworfen umgesetzt, dabei müssen freilich alle Beteiligten mit an Bord genommen werden mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Forderungen.

Mit den Nutzern sei das Meiste abgestimmt, damit die Leistungsphase 1 abgeschlossen und an den Bauherren übergeben. Nun steigen die Fachplaner mit ein, so Schiefer: „zusätzlich sind wir noch in Abstimmung mit der Stadt Stuttgart, dem Tiefbauamt, dem Amt für Umweltschutz, den Klimatologen, den Verkehrsplanern, dem Baurechtsamt usw.“

Der Nürnberger Siegerentwurf indes wurde von ersten Rezensenten in der „FAZ“ schon als „feige vor der Geschichte“ kritisiert. Das geplante Gebäude, das sich an den Rand des Hufeisens positioniert, ist in seiner grünpuscheligen Camouflage-Anmutung allein schon ein Ausrufezeichen, alles andere als mutlos.

Eine Architektur, die sich nicht zeigt

Und eine kreative Antwort auf die eigentlich unlösbare und fragwürdige Aufgabe: „keine sich selbst inszenierende Architektur“, wie der Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich sagte, sondern „eine Spielstätte, die sich in den Bestand untergeordnet einfügt.“ Noch schärfer formulierte es die Kunsthistorikerin Luisa Beyenbach in ihrer Betrachtung der Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände: „Geboten erscheint hier eine Architektur, die paradoxer Weise nicht als solche in Erscheinung tritt.“

Nicht da und sehr da zugleich sein wird der begrünte Kubus. Bei allem ganz offensichtlichen Reagieren auf den Zeitgeist neuen ökologischen Bauens (samt Verwendung von Recycling-Beton, wo immer möglich) kommentiert das Gebäude die Geschichte des Ortes und die Zeit, bevor er zum Unort wurde.

Vor 1933 war das Areal eine Waldfläche, mit dem Bau des Kongresszentrums wurden unzählige Bäume gefällt. „So gesehen wird zurückgebaut. Die Natur nimmt den Raum ein“, heißt es vom Büro LRO. Außen dürfen sich Tiere ansiedeln– eine grüne Fassade mit Nistkästen und Insektenhabitaten – und innen die Menschen.

Gigantomanie soll sichtbar bleiben

Die gescheiterte Gigantomanie soll weiter erlebbar sein, als Mahnmal. Die Verbindung zum Rund-Torso ist daher verglast, so können die Besucher auf dem Weg in den Saal und in den Pausen einen Blick auf das NS-Hufeisen werfen, wissen immer, wo sie sind. Der Marschplatz bleibt ebenfalls als geschichtliches Dokument erhalten, das neue Gebäude wird um 1,45 Meter über die bestehende dicke Bodenplatte des Innenhofes angehoben.

Die Stadt Nürnberg hat für die Spielstätte des Staatstheaters Fördermittel beantragt, 75 Prozent der Kosten für die neue Spielstätte sollen aus Landesmitteln finanziert werden. Das Geld gibt es nur, wenn das Gebäude mindestens 25 Jahre genutzt wird. Sollte das 1905 gebaute Opernhaus nicht, oder nicht wie geplant in zehn Jahren fertig saniert werden, könnte auch danach noch manch ein „Ring“ von Wagner dort aufgeführt und Tarnkappen-Szenen in diesem Camouflagebau besonders reizvoll ausfallen.

Info

Stuttgart
Im Oktober 2022 wurde der europaweite hochbauliche Realisierungswettbewerb ausgelobt. Am 19. Juni 2023 setzte sich das Konzept von a + r Architekten, Stuttgart, mit NL Architects, Amsterdam, als Siegerentwurf durch.

So geht es in Stuttgart weiter
Fürs Jahr 2026 ist der Baubeginn in Stuttgart geplant, ab der Spielzeit 2029 könnte im Interimsbau bei den Wagenhallen in Stuttgart Nord gespielt werden.

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