Ämter sind Orte, an denen man Angst haben kann. Öffentliche Räume, in denen man sich womöglich ungern aufhält, schicksalhafte Momente erleben kann, etwa in Ausländerämtern. Auch auf der anderen Seite des Schalters sind oft schwierige Entscheidungen zu treffen. Also ist die Verantwortung der Planer groß. Beim Bau eines solchen Hauses kommt es auf alles an, auf Farbgebung im Warteraum, auf die Fassade, auf die Gänge, die so problemlos und angenehm wie möglich zum Ziel führen.
Erster Eindruck, wenn der Weg über den Esslinger Schurwald zum neuen Landratsamt Plochingen führt: Heiterkeit. Feriengefühl. Ein Flachdachbau, der nicht trutzig wirkt, sondern leicht und hell mit viel Glas und Holz, eher wie ein Hotel oder Wohnhaus. Vor den Fenstern wachsen aus runden Betontrögen Grünpflanzen – statt der sonst oft so traurig sich an die Scheiben drückenden Büropflanzen, die wirken, als wollten sie vor allem eins: weg.
Fürs entspannte Gefühl sorgt das Blau-Weiß oberhalb der Fenster. Es ist an diesem Wintertag nur ein Farbstreifen; der wächst sich aber zur blau-weiß gestreiften Markise aus, wenn im Sommer die Sonne blendet. „Wir hatten das Muster im Büro liegen, und alle, die ins Zimmer kamen, sagten etwas Positives dazu. Da wussten wir, dass wir nicht falsch liegen, so ein Gebäude möglichst schon von außen einladend wirken zu lassen“, sagt die Projektleiterin Sophie Röcker, Architektin des Büros LRO in Stuttgart, das der jüngst verstorbene Stuttgarter Architekt Arno Lederer gegründet hatte.
Katja Pütter, Architektin und geschäftsführende Gesellschafterin bei LRO, erklärt außerdem, was es damit und mit den 400 runden Betonkübeln auf den umlaufenden Balkonen auf sich hat: „Die Balkonplatten mit ihren weiten Überständen dienen der Verschattung und als konstruktiver Holzschutz für die Fassade und die Fenster.“ Zugleich bieten sie eben den Platz für die automatisch bewässerten Pflanzkübel.
Markise und Grünpflanzen vor dem Fenster
Sie sollen mit Gräsern oder Rosenstöcken für eine begrünte Fassade sorgen. Die Markisen schützen vor Sonneneinstrahlung, sind aber so angebracht, dass die Mitarbeiter dennoch die Sicht nach außen haben und sommers nicht den ganzen Tag aussichtslos hinter Jalousien sitzen.
Der Wettbewerb fand 2019 statt, gebaut wurde eineinhalb Jahre lang, der Einzug war 2022. Dieser sportliche Zeitplan konnte eingehalten werden, weil LRO wie bei früheren Projekten (etwa dem Volkstheater München) mit dem Generalunternehmer Reisch arbeitet, vorab viel geplant hat und Mitarbeitende in Workshops nach ihren spezifischen Anforderungen befragt wurden.
Das neue Amtsgebäude präsentiert sich selbstbewusst vor dem ehemaligen Krankenhaus, das jetzt für Verwaltungszwecke genutzt wird. „Der Standort war herausfordernd“, sagt Katja Pütter. „Vom benachbarten historischen Turm des Schwäbischen Albvereins aus sollte unbedingt die Aussicht ins Neckartal erhalten bleiben, die Höhe sollte außerdem nicht die des Nachbargebäudes schlagen.“
Also entschieden sich die Architektinnen für einen Skelettbau mit Flachdach, dank des quadratischen Grundrisses gibt es Aussichten auf den Turm sowie auf die Landschaft. Ein in den Baukörper eingeschnittener, begrünter Innenhof bietet den Mitarbeitenden auch noch einen geschützten Außenraumaufenthalt.
Kurz sind die Wege dank der zwei Treppenhäuser, die eine Ringnutzung möglich machen – wenn man für die elektronisch gesicherten Türen einen Schlüssel hat, denn neben öffentlichen und halb öffentlichen gibt es auch Bereiche, die ausschließlich für die Mitarbeiter nutzbar sind.
Flexible Nutzung
Da sich Verwaltungen nicht immer gleich viele Menschen arbeiten, sollten die Räume flexibel nutzbar sein. Die Im Gartengeschoss beispielsweise (das dank des leicht abschüssigen Geländes nichts Kellerartiges an sich hat) ist die Registratur untergebracht, ein Archiv mit vielen schön geordneten rosafarbenen Aktenkladden in Regalen. Das kann, sollte die Digitalisierung je voranschreiten, leicht zu Büroflächen umgebaut werden.
In beiden Gebäuden arbeiten über 500 Menschen, sind mehrere Ämter vom Rechts- und Ordnungsamt über die Abfallwirtschaft, Kreismedienzentrum bis zum Kreisarchiv, dem Gesundheits- und Ausländeramt untergebracht. Die dürften gern kommen, zumindest diejenigen, die im Neubau Am Aussichtsturm 7 untergebracht sind. Das Blau der Markisen wird beim Teppichboden aufgegriffen, die Flure sind keine reinen Verkehrsflächen, sondern so konzipiert, dass sie dank der Stehtische, Barhocker und Sitznischen für Besprechungen im kleineren Kreis taugen.
Ausländeramt in Rosétönen
Die Büros in den oberen Stockwerken beeindrucken durch hölzerne Behaglichkeit, die auch der Technik geschuldet ist. Katja Pütter: „Damit wir die nötigen Geschosse unterbringen konnten, haben wir bei der Raumhöhe und der Technik angesetzt.“
Unter Holzverkleidungen mit Lochmuster entlang der Fensterfront, die auch als Sitzmöglichkeit dienen, verbirgt sich die dezentrale Lüftungstechnik; Technik, die sonst üblicherweise in der Decke steckt. Sophie Röcker: „Wir haben hier 30 bis 50 Zentimeter gespart, dadurch, dass wir keine Abhangdecken brauchten.“
Empfangen werden die Besucher in einem geschwungenen Entrée, die runden Bullaugenfenster – die Liebe zur geometrischen Form ist ein LRO Markenzeichen – ermöglichen Ausblicke. Und auch in dem hochfrequentierten Erdgeschoss, im Ausländeramt, darf der Mensch sich willkommen fühlen.
Hier wogen helle Stoffvorhänge statt Lamellen an den Fenstern, findet sich wie in den Büros ein Mix aus Holz und Glas, Ausblicke nach draußen, warme Rosétöne beim Interieur und den Möbeln. Für die 43 Schalter gibt es eine Verkleidung mit seitlichem Sichtschutz, damit eine gewisse Privatsphäre gewahrt bleibt. Im Raum eine Spielecke, Rückzugsmöglichkeiten im Wartebereich.
Grau, eng, dunkel. Und muffig, kalt. Das sind die ersten Begriffe, die einem zum Thema Amtsgebäude einfallen. Die Architektinnen beweisen: Es geht auch anders. Die Frage, wie wohnlich, ja, wie menschenfreundlich darf ein Verwaltungsgebäude sein, beantwortet dieser Entwurf mit: sehr!
Info
Lage
Das neue Gebäude von LRO Architekten aus Stuttgart ergänzt einen umgenutzten Bestandsbau aus den 1970er Jahren (ehemaliges Krankenhaus). Die beiden Gebäude auf einer Anhöhe über der Stadt Plochingen bieten Ausweichflächen für verschiedene Verwaltungseinheiten und neue Büroräume für das Landratsamt.
Neubau
Das Landratsamt in Esslingen wird neu gebaut, nachdem zwei Gutachten erbracht hatten, dass der Altbau nicht durch Erweiterung zu halten war. Im Neubau Am Aussichtsturm 7 wird auf effiziente Energienutzung gesetzt mit Photovoltaik, Wärmerückgewinnung und Wärmepumpentechnik, was den Bau auf den Standard eines KfW-40-Effizienzhauses bringt. Der Parkplatz verfügt über E-Ladesäulen für Fahrräder und Autos. Und der Bus fährt im 15-Minuten-Takt.