Stuttgart - Turit Fröbe fotografiert eigenwillige Eigenheime, denn architektonisch besonders gelungene Privathäuser sieht sie selten. Die Architekturhistorikerin erklärt im Interview, warum Menschen funktionsfreie Dächer lieben, und fordert eine qualitativ hochwertigere Alltagsarchitektur von Architekten und der Bauindustrie.
Frau Fröbe, fotografieren Sie missgestaltete Wohnhäuser, um sich über schlechten Geschmack anderer Leute lustig zu machen?
Nein! Ich will niemanden brüskieren. Solange wir keine gute Architektur haben, erfreue ich mich an den Bausünden. Ich werfe einen liebevollen Blick auf den Gestaltungswillen der Menschen. Das vermeintlich Hässliche verliert seinen Schrecken dadurch, dass man es anschaut. Das hat auch schon der Flaneur Franz Hessel in den 20er Jahren gesagt: „Vom freundlichen Anschauen bekommt auch das Garstige eine Art Schönheit ab.“
Architekturkritiker Adolf Loos sagte aber: „Ornament ist Verbrechen.“ Leben wir in einem Land voller Verbrecher angesichts der mit Säulen, Dächern und Türmchen überladenen Häuser?
Nein! Die Menschen wollen es sich schön machen. Bausünden begehen ja immer nur die anderen.
Der eine mag raue Betonästhetik, der andere eine verschnörkelte Villa im Hazienda-Stil. Was macht denn nun eine Bausünde aus?
Etwas, auf das sich alle als hässlich oder schräg einigen, bei dessen Anblick man fragt: „Mein Gott, wer hat so etwas genehmigt?“ Es sind Gebäude, die aus der Reihe tanzen, was die Farbe, das Material, die Form betrifft. „Sehr viel von etwas ist nicht genug“, das ist oft das Motto. Das aber sehe ich als gute Bausünde an.
Was wäre eine schlechte Bausünde?
Architektur, die man als austauschbar empfindet. Ich plädiere aber dafür, von dem Begriff Bausünde abzurücken.
Warum?
Diese Bausünden haben großes Potenzial für die Städte, sie bieten auch Orientierung. Sie zeigen Mut. Ich habe zunächst ja Bausünden im öffentlichen Bereich untersucht. Doch die expressiven Ausreißer sind nicht das Problem, sondern die schlechten Bausünden. Diejenigen Bauten, die Städte zu Einheitsbrei machen, Gebäude, wie sie zu Tausenden in den Ausfallstraßen stehen. Das Auge rutscht ab bei dieser Investorenarchitektur, die von der Bauindustrie ohne architektonischen Anspruch hochgezogen wird. Die Investoren- und Bauindustrie müsste zur Verantwortung gezogen werden, geschult werden, Qualität abzuliefern. Es gibt so viele begabte Architekten, doch ich erkenne keine Tendenz, gute Architekten bauen zu lassen.
Warum?
Die Verantwortlichen sind angstzerfressen, die Städte sind traumatisiert durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit, in der man wegen des Ziels der autogerechten Stadt noch mehr zerstörte. Das würde man heute alles gern rückgängig machen – leider oft mit Pseudohistorismus. Da wird nicht viel gewagt. Die Architektur in Deutschland ist ein Trauerspiel. Solange ich keine gute Architektur finde, sammle ich Bausünden. Aber die werden in den Innenstädten immer seltener.
Und im privaten Bereich nehmen sie zu?
Ja, Bausünden sind demokratischer geworden. Auch Mieter können welche konstruieren, mit Verzierungen an den Fenstern etwa, bei der Garage, dem Zaun, dem Vorgarten. Die Leute präsentieren liebevoll ihre Sachen, ihre Säulen, Balustraden, funktionsfreien Dächer. Figürchen und Nippes sind dem Betrachter zugewandt aufgestellt und in den öffentlichen Raum gerichtet.
Was wollen Menschen damit zeigen?
Sie zeigen die Wohnwünsche der Bewohner an und was das Haus lieber wäre und wo es lieber stünde: Die Toskanahäuser würden gern im Süden stehen. Die kleinen Einfamilienhäuser mit riesigen Zäunen und Auffahrten wären lieber ein Schloss. Und gerade bei sehr unterschiedlich dekorierten Reihenhäusern sieht man, man möchte sich vom Nachbarn abgrenzen, seinem Wunsch nach Individualisierung nachkommen.
Gibt es Trends bei den Eigenheimen?
Ruinenromantik sehe ich oft, kaputte Gefäße im Vorgarten, die man so kaufen kann. Lilafarbene Dachziegel. In einer Gegend waren es regenbogenfarbene Dächer. Folien für Zäune, auf denen Schafherden oder Landschaften abgebildet sind. Es gibt aber auch Bausünden, über die ich mich ärgere, die fotografiere ich auch nicht. In Brandenburg entdeckte ich in einer Siedlung an einem See ein Blockhaus, das sah so aufgepumpt aus, als wäre es auf Anabolika. Doch es lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen. Das ist wie schlechtes Wetter, man muss damit leben. Humor hilft.
Entdecken Sie regionale Unterschiede?
Ich war 2018 für ein Projekt in sieben Städten in Baden-Württemberg unterwegs. Da habe ich entdeckt, es gibt Regionen, in denen werden Bausünden nicht beantwortet, also nicht von Nachbarn kopiert. Ich fand Ausreißer, aber keine Nachahmer. Oft kommt ja eine Dynamik in Gang: Hat der eine lila Dachpfannen, will der Nächste auch welche. Als ich dann in Mönchengladbach und in Hamm unterwegs war – das war ein Dorado. Ich fand sicher 80 Bausünden in einer Dreiviertelstunde. Das muss an der Mentalität liegen. Offenbar tanzen die Baden-Württemberger nicht so gern aus der Reihe wie Menschen in Nordrhein-Westfalen und in Norddeutschland.
Neben An- und Umbauten fanden Sie auch vorgefertigte Häuser im besagten Toskana-Stil.
Das Problem ist, dass Bauherren oft nicht viel über Architektur wissen, es gibt keine baukulturelle Schulung und Bildung. Das ist mein eigentliches Thema auch als Architekturdozentin. Man müsste schon in der Schule anfangen damit und auch die Entscheidungsträger, Investoren und Politiker schulen. Leute verlassen sich auf das, was die Bauträger anbieten, weil sie damit keine Fehler machen.
Warum bieten die Bauträger derlei an?
Die Bauindustrie redet sich damit heraus, die Leute wollten das so, und sagen mir, das sei gar keine Architektur. Das ist natürlich Quatsch. Es gibt nicht nur die Leuchtturmarchitektur. Als Normalbürger bewege ich mich in meiner Gegend, in der eben auch viele Privathäuser stehen. Wir müssen zu einer qualitativ hochwertigen Alltagsarchitektur kommen.
Architekten muss man sich aber auch leisten können, oder?
Die Architekten müssen sich in der Tat das Feld wieder zurückerobern. Wie ich durch meine Arbeit auch an Universitäten feststelle, gibt es ein grundlegendes Missverständnis zwischen Bauherren und Architekten. Schon in der Aufnahmeprüfung lernen manche Studenten, dass sie nie mehr das Wort Satteldach benützen dürfen. Viele Bauherren mögen aber gern Dächer. Und wenn sie dann doch einen Flachdach-Bungalow kaufen, geraten sie in die Fänge der Bauindustrie und der Baumärkte und fangen an zu dekorieren und Dächer an Orten anzubringen, wo sie gar keine bräuchten.
Wobei das Satteldach bei Architekten wieder in Mode kommt.
Ja, der Architekturgeschmack ist launisch. Manches können wir nicht mehr sehen, postmoderne Architektur zum Beispiel. Das kann aber wieder in Mode kommen. Das beste Beispiel ist der Brutalismus . . .
. . . also die lange Zeit als klotzig verpönte Betonarchitektur . . .
. . . genau. Es gibt Kampagnen wie SOS Brutalismus, der solche Bauten retten will. Architekten beginnen wieder brutalistisch zu entwerfen. Auch die Gründerzeit der Jahre 1870 bis 1880 war verpönt und verhasst, jetzt wollen wir alle drin wohnen, weil sie sich gut den heutigen Wohnwünschen anpassen und sanieren lassen. Es ist alles im Fluss. Sogar Plattenbauten sind ein Thema, es gilt jetzt schon wieder als hip und cool, drin zu wohnen, wenn sie stadtnah genug liegen.
Sie sammeln seit 20 Jahren hässliche Architektur. Was war die tollste Bausünde?
Ich kann Ihnen etwas über meine Schlüsselbausünde sagen. Sie hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ohne sie wäre mein Berufsleben anders verlaufen.
Erzählen Sie!
Ich stand vor einem Stromkasten mit einem Betonstelenfeld drum herum mitten auf dem Bürgersteig. Das war im Februar 2001 in Bielefeld während eines Spaziergangs. Ich wusste nicht, soll ich weinen oder lachen. Und da fiel sozusagen die Idee vom Himmel, einen Bausündenkalender zu machen. Ich habe fortan das Haus nicht mehr ohne Kamera verlassen. Und ich habe meine Doktorarbeit in Architektur über Le Corbusier und die Akropolis um einige Jahre verschoben. Ich habe damit gehadert, dass Studium und Realität so weit auseinanderliegen, und noch ein Studium der Europäischen Urbanistik absolviert. Mich hat diese Bausünde also positiv aus dem Tritt gebracht.
Und wo wohnt denn nun eine Expertin für Bausünden?
In einer Gründerzeitwohnung aus dem Jahr 1905. Wobei die Frage ist, ob es nicht wichtiger ist, was man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut! Das ist bei uns auch ein Gründerzeithaus. An der Fassade entdecke ich fast jeden Tag noch etwas Neues.
Zur Person
Turit Fröbe, Architekturhistorikerin, Urbanistin und passionierte Baukulturvermittlerin, Jahrgang 1971, fotografiert seit 20 Jahren Gebäude, die gemeinhin als Bausünde bezeichnet werden. Bekannt wurde sie mit dem Bestseller „Die Kunst der Bausünde“. Nun hat sie mit „Eigenwillige Eigenheime“ (Dumont-Verlag) eine Auswahl der schrägsten Wohnhäuser versammelt.