Arzt aus Afrika „Besuch in Deutschland war zutiefst bewegend“
Die Stimmung in Deutschland empfinden viele in diesen Tagen als kalt und rau. Nicht so ein Arzt aus Afrika, der zeitweise hier lebt: Er erlebte das Land kürzlich ganz anders.
Die Stimmung in Deutschland empfinden viele in diesen Tagen als kalt und rau. Nicht so ein Arzt aus Afrika, der zeitweise hier lebt: Er erlebte das Land kürzlich ganz anders.
Selten wehte einem um Weihnachten der Wind so scharf ins Gesicht: Die Gesellschaft wirkt gespaltener denn je, die Welt ist in Unruhe und die heimische Wirtschaft stottert erheblich vor sich hin. Dazu der vorweihnachtliche Trubel: Erst wenn die letzten Glühweinreste aufgewärmt und die letzten Lamettastreifen gerade gezupft sind, kehrt langsam weihnachtliche Ruhe ein. Doch es gibt sie noch, die kleinen Geschichten, die einem das Herz erwärmen. Eine davon kommt in diesem Jahr aus dem fernen Addis Abeba, spielt aber eigentlich in Darmsheim.
Heiner Stepper, vielen im Klinikverbund Südwest noch als langjähriger Chefapotheker bekannt und heute im wohlverdienten Ruhestand engagierter Vize-Vorsitzender des Vereins Partnerschaft Gesunde Welt, hat uns diese Geschichte ans Herz gelegt. Sie beginnt im fernen Ghana, im Agogo-Hospital. Dort kreuzten sich 2007 die Wege der Familie Stepper und eines gewissen Solomon Mamo. „Unsere Tochter Hannah war damals nach dem Abitur als Freiwillige vor Ort, und Mamo war dort zehn Jahre lang Chefarzt der Chirurgie“, erinnert er sich.
Vor seiner Tätigkeit in Afrika praktizierte Mamo über 25 Jahre lang als Arzt in Deutschland: Als Assistenzarzt in verschiedenen Krankenhäusern in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, zuletzt als Oberarzt im Kreiskrankenhaus Nienburg/Weser von 1987 bis 2001. Aus dem Kennenlernen der Steppers entstand eine tiefe Freundschaft, die nun schon viele Jahre über Kontinente hinweg aufrecht erhalten wird.
Längst ist der 74-Jährige deutscher Staatsbürger. Seine Rente bezieht er hier, seine Steuern zahlt er hier, und wenn er in Deutschland lebt, dann ist Darmsheim sein Zuhause. Genauer gesagt: das Haus der Steppers. Kürzlich war Solomon Mamo, der zeitweise in Deutschland und zeitweise in seiner Heimatstadt Addis Abeba lebt, wieder hier. Teilweise für medizinische Untersuchungen, teilweise, um alte Freunde wie Heiner Stepper wiederzusehen. Doch vor seiner Reise, so berichtet er selbst, plagten ihn Sorgen.
„Ich hatte viele Geschichten gehört: über wachsende Fremdenfeindlichkeit, über politische Stimmen, die Angst und Spaltung verbreiten,“ schreibt er in einem persönlichen Erfahrungsbericht. „Würde ich noch so willkommen sein wie früher?“ Ein Land, innerlich gespalten mit einem politisch rauen Klima– so dachte er. Solomon Mamo: „Was ich jedoch erlebte, war etwas ganz anderes – und zutiefst bewegend.“
Am Flughafen, an Bahnhöfen, in öffentlichen Verkehrsmitteln – immer wieder halfen ihm Menschen, berichtet er. Sie machten Platz, reichten ihm die Hand, halfen beim Gepäck. „Mehrmals standen sogar mehrere Personen gleichzeitig auf, damit ich einen Sitzplatz bekommen konnte,“ erzählt Mamo. „Niemand kannte mich. Niemand war verpflichtet, mir zu helfen. Und doch taten sie es – still, respektvoll und mit echter Menschlichkeit.“
Und das Wichtigste: „In Deutschland wurde ich nicht als Ausländer behandelt – sondern als Mitmensch.“ Das Erstaunliche daran: In seinem Herkunftsland Äthiopien beobachtet Mamo hingegen, wie sich die Menschen immer mehr entlang ethnischer Linien voneinander entfernen. Oft fehle das Vertrauen selbst innerhalb der eigenen Gesellschaft. Umso bemerkenswerter findet er, „dass ich mich hier – in einem Land, in dem ich eigentlich als Fremder gelte – aufgenommen und respektiert fühlte.“
Diese Erfahrung habe etwas in Erinnerung gerufen, das er fast vergessen hatte: Mitgefühl und Menschlichkeit seien noch lebendig. Mamo: „Wir hören nur viel zu selten davon.“ Allen, die ihm einen Platz angeboten, ihm beim Einsteigen geholfen oder ihn einfach angelächelt haben, sagt er ein ehrliches Danke. „Sie haben mir – und vielleicht auch anderen – gezeigt, dass unsere Welt noch Hoffnung hat. Und dass Menschlichkeit manchmal genau dort zu finden ist, wo man sie am wenigsten erwartet.“