ASB-Schulbegleitung gekündigt Stuttgarter Eltern fassungslos – „Wir sind den Verantwortlichen komplett egal“

Lara und Philipp sind seit Donnerstag zuhause, weil für sie der Besuch des Unterrichts ohne Schulbegleitung nicht möglich ist. Foto: Privat

Die Stadt hat dem ASB als Träger von Schulbegleitungen gekündigt. Knapp 150 Kinder mit Behinderung können deshalb nicht zur Schule. Betroffene erzählen, was das für sie bedeutet.

Angelika Maurer kann es immer noch nicht fassen. „Ich als Mutter bin entsetzt, was unseren Kindern da immer wieder angetan wird“, schildert sie ihre Gefühle. Ihr Kind Lara besucht seit sechs Jahren die Gustav-Werner-Schule in Stuttgart-Rot. Sie hat eine schwere Autismus-Spektrum-Störung und benötigt deshalb eine Schulbegleitung. Ohne kann ihre Tochter nicht in die Schule gehen. Seit Donnerstag ist Lara deshalb zuhause.

 

Die Stadt Stuttgart hatte dem ASB, einem der Hauptträger für Schulbegleitungen in Stuttgart, außerordentlich am Mittwoch gekündigt. Daraufhin musste der Träger seine Kräfte stadtweit abziehen. 146 Kinder sollen laut Stadt betroffen sein. Eine von diesen 146 Kindern ist Lara.

Die Schulbegleitung helfe ihr, am Platz zu bleiben und konzentriert zu arbeiten. Ohne sei es ihr nicht möglich, am Unterricht teilzunehmen, erklärt die Mutter. Ihrer Tochter sei durch die Vertragskündigung „das Recht auf Beschulung genommen worden“, kritisiert sie. Nun sitze das Mädchen zuhause, es sei ungewiss, wie es weitergehe und wann sie wieder in die Schule könne. Schon zuvor sei es schwer gewesen, weil die Schule die Zeiten aufgrund des Lehrermangels habe verkürzen müssen. Jetzt komme der Ausfall der Schulbegleitung hinzu: „Das ist einfach zu viel“, meint Angelika Maurer.

Die Stadt Stuttgart hat versichert, mit Hochdruck an einer schnellen Lösung zu arbeiten und mit anderen Trägern im Gespräch zu sein. Aber wo sollen sie so schnell 150 Kräfte her bekommen? Das fragen sich nicht nur die Eltern. Immerhin: Für die nächste Woche existieren teilweise Notfallpläne, damit die Kinder wenigstens einen oder auch zwei Vormittage in der Woche die Schule besuchen können. „Das ist aber weiterhin keine akzeptable Situation“, sagt Anna Linder, die Gesamtelternbeiratsvorsitzende der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren.

„Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“

Philipp ist der Schul- und Pressesprecher der Margarete-Steiff-Schule, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum in Stuttgart-Möhringen. Der Elfjährige ist von der Glasknochenkrankheit betroffen und sitzt im Rollstuhl. „Wir wissen nicht, wie es für uns weitergehen soll. Es kann Tage dauern oder Wochen. Vielleicht müssen wir auch unbefristet Homeschooling machen – wie zu Coronazeiten“, sagt Philipp.

Philipp ist Schul- und Pressesprecher der Margarete-Steiff-Schule. Foto: privat

Am Donnerstag, als die Nachricht die Familien völlig unvorbereitet erreichte und er ebenso wie viele seiner Freunde zuhause bleiben musste, war er vor allem wütend. Mittlerweile wirkt er eher nachdenklich. „Viele Kinder können aktuell nicht zur Schule gehen. Es ist schwierig, von einem Tag auf den anderen umzustellen, vor allem für autistische Kinder“, sagt der Junge. Und es betreffe ja nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Betreuer. „Wie soll es für sie weitergehen?“, fragt Philipp und ergänzt: „So einen Betreuer kann man nicht einfach mal wechseln. Es sind Vertrauenspersonen.“

Er zum Beispiel brauche seinen Schulbegleiter, um auf Toilette zu gehen. Da wolle er nicht irgendjemanden dabei haben. Außerdem helfe er ihm, wenn er für das Mittagessen den Stuhl wechsle oder schiebe den Rollstuhl, wenn er selbst zu platt dafür sei. „David und ich, wir sind ein richtig gutes Team. Wir teilen viel, man gibt auch viel Persönliches preis“, sagt Philipp und fügt an: „Bei aller Liebe, ich glaube, das kapieren die da oben in Stuttgart nicht so ganz.“ Er habe sich nicht einmal von seinem Betreuer verabschieden können. „Das ist alles sehr schwierig für mich.“

Auch für seine Eltern ist die gegenwärtige Situation alles andere als leicht. „Wir müssen unseren Tagesablauf umstellen, Termine verschieben, überlegen, wann und wie wir unserer Lohnarbeit nachgehen“, erzählt Philipps Vater Claudius Kienzle. Auch die Zeit für die eigene Regeneration sei weg, weil man 24 Stunden am Tag bereit sein müsse.

„Wie mit uns umgegangen wird, ist menschenunwürdig“

„Wir müssen auch das Emotionale auffangen, die Geschwister nimmt es genauso mit“, ergänzt Philipps Mutter Stefanie Palm. Wieder einmal müsse die gesamte Familie umplanen, wieder einmal müsse man kämpfen. „Wie mit uns umgegangen wird, ist unterirdisch und absolut menschenunwürdig, als ob unsere Kinder kein Recht auf Bildung haben“, sagt Stefanie Palm. Sie habe das Gefühl, dass den Verantwortlichen Eltern und ihre behinderten Kinder komplett egal seien. „Die denken, mit uns kann man es machen. Weil wir uns nicht wehren können, weil wir keine Lobby haben.“

Melanie Schwarze ist Elternsprecherin und Mitglied der Schulkonferenz der Margarete-Steiff-Schule. Ihr Sohn brauche keine Schulbegleitung, betroffen sei er dennoch. „Viele Kinder waren die vergangenen Tage nicht da. Mein Sohn hat mir berichtet, es sei richtig unheimlich in der Schule gewesen“, sagt sie. Die gesamte Schulgemeinschaft fühle sich hilflos. „Das dauernde Kämpfen, es zieht einen immer wieder runter“, sagt sie. „Die Lehrkräfte müssen nun wieder ganz viel auffangen. Das geht zu Lasten des Unterrichts“, ergänzt Claudius Kienzle.

„Unsere Kinder sind wieder im Lockdown. Sie können ihre Freunde nicht treffen. Die Schule ist für sie Lebensraum, dort können sie sich oftmals auch viel selbständiger bewegen als in einer kleinen Wohnung“, fügt Stefanie Palm an. Sie fordert: „Die Stadt muss das Finanzielle sofort regeln. So etwas darf nicht auf dem Rücken der Familien und Schulen ausgetragen werden.“ Ihr elfjähriger Sohn bringt es auf den Punkt: „Für die Kinder, Eltern, Betreuer und Lehrkräfte ist das ein riesiger Mist.“

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