Anna-Lena Carl macht Visual Effects bei Wētā FX in Neuseeland. Foto: Wētā FX, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Ihr Chef hat neulich den Oscar für Best Visual Effects entgegengenommen: Eine 43-Jährige aus Asperg hat in Neuseeland ihr Glück gefunden – trotz schlechter Englisch-Noten.
Sie hat an „Stranger Things“ mitgearbeitet und an „Guardians of the Galaxy“, an „Planet der Affen“ und eben an „Avatar: Fire and Ash“: Anna-Lena Carl, die in Asperg im Kreis Ludwigsburg aufgewachsen ist und hier immer wieder ihre Familie besucht, hat ihr persönliches Glück am anderen Ende der Welt gefunden. Sie ist Doppel-Abteilungsleiterin in Peter Jacksons Visual-Effects-Schmiede Wētā FX im neuseeländischen Wellington.
Die Geschichte der heute 43-jährigen VFX-Produzentin ist eine Geschichte von Weltoffenheit und von Flexibilität, die sie über mehrere Länder ans Ziel geführt haben. Und sie ist auch eine der Umwege, des Umstands, dass nicht alles immer glatt gehen muss. Zum Beispiel Anna-Lena Carls Schulkarriere: Am Friedrich-List-Gymnasium in Asperg lief es für sie nicht so erfolgversprechend, erinnert sie sich: „In Deutsch und Englisch war ich nicht so gut“ – also ging sie ab an die Realschule und machte dann mit der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Fotografin in Ludwigsburg.
Der Bruder hat sie mit 8 oder 9 vor „Alien“ gesetzt
Bewegte Bilder bewegten sie damals schon und eigentlich auch Spezialeffekte, seit sie ihr deutlich älterer Bruder als Acht- oder Neunjährige vor Ridley Scotts Horror-Schocker „Alien“ gesetzt hatte, um nicht so sehr auf sie aufpassen zu müssen. „Aber ich hatte null Angst“, sagt Carl, „ich habe mich vor allem gefragt, wie die den Schleim gemacht haben.“
Anna-Lena Carl. Foto: Wētā FX
Mit ihren Fotografien bewarb sich Anna-Lena Carl nach der Lehre an der Merz-Akademie in Stuttgart für den Bereich Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Film und Video. „Weil ich nicht die Kreativste bin, habe ich mich in Richtung Produktion orientiert“, sagt Carl. Während ihres Studiums arbeitete sie bereits bei Elektrofilm als VFX-Koordinatorin und wirkte an Spielfilmen wie „Die Gustloff“ und „The Rainbowmaker“ mit.
Nach ihrem Abschluss zog es sie nach München und anschließend nach Hamburg, wo sie die Effekte für zahlreiche Werbespots – unter anderem für „Focus“, McDonald’s, Audi und BMW – koordinierte.
„Das kleine Gespenst“ wurde Carls liebster Film
Mit diesem Schritt habe sie ebenso Glück gehabt wie mit dem nächsten zu den Elefant Studios nach Zürich, sagt Carl: „Ich habe es so geliebt in der Schweiz, diese Kreativität in einem jungen Team!“ Damals entstand auch ihr bis heute „liebster Film“, „Das kleine Gespenst“. Weil ihre Mutter ihr das Buch von Ottfried Preußler einst vorgelesen hatte. Vor allem aber, weil Kinder den Film so toll fanden. „Wir haben den sprechenden Uhu Schuhu gemacht, und als ich im Kino mitbekam, wie die Kinder im Publikum auf den reagierten, war das wirklich berührend.“
In den drei Jahren wurde sie zwar zur VFX-Produzentin, doch es kam auch eine Wirtschaftskrise, in der sie als unverheiratete und kinderlose Mitarbeiterin schlechte Karten hatte. Drei Monate Segeln im Indischen Ozean brachten Klarheit. „Seit ich Avatar 1 im Kino gesehen hatte, wollte ich auch an einem Film mitarbeiten, der das Sehen verändert“, berichtet Anna-Lena Carl. Die Erkenntnis reifte, dass sie ins englischsprachige Ausland musste, um zu solchen Produktionen zu kommen. Die Firma Wētā FX des neuseeländischen „Herr der Ringe“-Regisseurs Peter Jackson hatte sie schon im Blick, seit sie dessen Erstling „Bad Taste“ einst beim Nebenjob in einer Videothek über den Tresen gereicht hatte. Bewerbungen blieben gleichwohl erfolglos.
Mit Rucksack und Skiern nach Kanada ausgewandert
Stattdessen flog Carl nach Kanada, wo sie in Vancouver einen Kollegen aus der Branche besuchte, den sie bei der FMX-Messe in Stuttgart kennen gelernt hatte. „Da stand ich mit meinem Rucksack, einem Koffer und ein paar Skiern und wollte schauen, was geht.“ Zum Beispiel rief sie bei den Method Studios („Tribute von Panem“, „Transformers“) an – und wurde eingelassen. „Ich kam als VFX-Produzentin und musste zwei Schritte zurück, um reinzukommen“, erinnert sie sich.
Also schrieb sie als Koordinatorin wieder Notizen für die VFX-Supervisors. Aber diese Künstler schufen Feuerbälle oder zusammenfallende Holzbauten für Filme wie „Avengers: Age of Ultron“ oder „Fifth Wave“. In einer Atmosphäre, die für Carl ein Ereignis war: „Das war Multikulti at its best, mit Kreativen, die aus der ganzen Welt zusammenkamen. . . eine wunderschöne Zeit.“ Carl arbeitete sich innerhalb von acht Monaten zur Produktionsmanagerin hoch, bis sie die Visual Effects für Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“ von 2017 verantwortet.
Mit der sechsten Bewerbung klappte es bei Weta
Das Interesse an Wētā aber erlosch nicht. Sie bewarb sich auch ein sechstes Mal bei den Neuseeländern – und Carls Durchhaltevermögen trug Früchte. Sie bekam ein Online-Vorstellungsgespräch. „King Arthur war gerade fertig und sie meinten tatsächlich, ich könne in drei Wochen anfangen.“ Als Department Productions Manager bei der neben George Lucas’ Industrial Light & Magic und Sony Pictures Imageworks wohl bedeutendsten Visuelle-Effekte-Firma der Welt. Im August 2016 ist Anna-Lena Carl an ihrem Ziel angelangt.
Anna-Lena Carl macht auch bei Wētā FX Karriere, ist heute Leiterin von zwei Abteilungen mit zusammen 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Wir generieren Skelettstrukturen für die Animatoren, damit diese die Figuren animieren können. Sobald die Bewegung erstellt wurde, erhalten wir diese zurück und schicken unser hochauflösendes Paket mit Muskel- und Kleidungssimulationen weiter in die Lichtsetzung“, gibt die 43-Jährige einen Einblick in ihre Arbeit an manchmal bis zu 16 Filmen gleichzeitig. So haben sie etwa Vecna und den Mind Flayer für die finale Staffel von „Stranger Things“ geschaffen. Oder die kompletten Charaktere wie Jake und Neytiri für „Avatar: Fire and Ash“. Der Film war der Academy of Motion Picture Arts and Sciences kürzlich den Oscar für die besten Visual Effects wert.
Ein Jahr in Deutschland zwischendurch überzeugt sie nicht
2022 hat es Anna-Lena Carl noch einmal gepackt. Nach sechs Jahren in Wellington und noch mehr Jahren Trennung von der Familie, vor allem der Mutter, in Asperg, machte sie noch einen Anlauf in Deutschland. Sie nahm einen Job in der Münchner Niederlassung der Berliner Firma Rise FX an (Carl: „sehr guter Ruf, von Künstlern gegründet“) an, die auch schon an vielen Marvel-Filmen mitgearbeitet hatte. Doch irgendwie gefiel es Carl in Europa nicht mehr so wie früher. „Die Arbeitsmentalität in Deutschland ist stärker strukturiert und bietet weniger Flexibilität – besonders im Umgang miteinander“, sagt Carl mit inzwischen leicht englischem Akzent. Ein bisschen zu viel Ellbogengesellschaft für sie.
Das schlug durch, als nach einem Jahr Wētā FX anrief und ihr die heutige Stelle anbot. „Ich konnte nicht anders, ich bin wieder in Wellington angekommen, und ich dachte, jetzt bin ich zu Hause.“ In der Stadt, wo die größte Aufregung entstehe, wenn sich ein Seehund in einen Baumarkt verirre, hat sie einen „lieben, netten“ Partner und einen Hund. Und ihre Mutter hat das Versprechen, dass sie spätestens alle zwei Jahre nach Asperg kommt. Die Frau, die am anderen der Welt ihren Traumjob gefunden hat.
Stuttgarter Studios, die für Hollywood arbeiten
Accenture Das weltweite tätige Unternehmen Accenture hat 2018 die Stuttgarter Mackevision übernommen, die sich einen Namen mit Visual Effects für die „Game of Thrones“-Serie gemacht und dafür auch den US-Fernsehpreis Emmy gewonnen hatte. Die Accenture Song Content Germany GmbH beschäftigt über 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bosch-Areal. Sie haben auch an „Stranger Things“ gearbeitet, den vorerst letzten gewonnenen Emmy gab es im vergangenen Herbst zusammen mit Pixomondo, das auch eine Niederlassung in Stuttgart hat, für eine Folge der US-Serie „The Penguin“.
Rise FX Die Niederlassung der Berliner Firma arbeitet nach Angaben der Animation Media Creators Region Stuttgart mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Stuttgarter Westen an der nächsten Fortsetzung von „Tribute von Panem“, waren aber auch schon für „Mission Impossible“, „Momo“ oder die US-Serie „Fallout“ im Einsatz.
Lavalabs Die Stuttgarter Niederlassung der Düsseldorfer Firma kümmert sich mit etwa 15 Mitarbeitenden im Süden um visuelle Effekte für Filme wie „The Assessment“, „Woodwalkers“ oder „Cranko“.
FMX Erwähnenswert ist, dass vom 5. bis 8. Mai zum bereits 30. Mal die Messe
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