Aufstand gegen Gemeindechef Im Stuttgarter Gospelforum ist der Teufel los

Der Leiter des Stuttgarter Gospelforums, Peter Wenz, sieht sich mit massiver interner Kritik konfrontiert. Foto: Gospelforum Stuttgart

In der größten Freikirche Deutschlands gibt es eine Revolte gegen den langjährigen Leiter und dessen Führungsstil. Peter Wenz weiß sich von Gott eingesetzt – und kämpft nun um seine Macht. Der Ausgang ist offen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Peter Wenz hatte sich etwas rar gemacht in den vergangenen Wochen. Das Predigen überließ der Leiter des Stuttgarter Gospelforums öfter anderen Pastoren. Doch beim Hauptgottesdienst am vorigen Sonntag war der 60-Jährige wieder da – und wie. „Meisterprüfung“ lautete das Thema, über das er im modernen Gemeindezentrum am Pragsattel sprach. Eine Dreiviertelstunde lang tigerte er gestikulierend über die Bühne, hob und senkte beschwörend seine Stimme und richtete das Mikrofon zwischendurch Zustimmung heischend ins Publikum. Es ging um Prüfungen, die Gott den Menschen auferlege, damit sie daran wüchsen; lange, schwer und unergründlich könnten diese sein.

 

Am aktuellen Bezug ließ Wenz keinen Zweifel: Eine solche Prüfung, verstanden die Zuhörer, durchlaufe gerade das Gospelforum, die einst als Biblische Glaubensgemeinde gegründete größte Freikirche Deutschlands. Aber am Ende, so hätten es mehrere Propheten vorhergesagt, werde alles gut: „Wir werden Gottes Segen in Stuttgart erleben wie nie zuvor.“ Die Gemeinde jubelte, auch viele Zuschauer am Livestream waren begeistert: „Powerful“ habe ihr Peter mal wieder gesprochen.

Predigt als Deutung der Krise

Der fulminante Auftritt sollte eine Art Befreiungsschlag sein. Wenz lieferte damit seine Deutung einer Krise, die das Gospelforum ungleich stärker erschüttert als alle Turbulenzen in den vergangenen Jahrzehnten. Auslöser und Zentrum des Bebens ist er selbst, sein umstrittener Führungsstil und sein Machtanspruch; wie er es übersteht, ist noch offen.

An seinen Verdiensten um das Gospelforum besteht kein Zweifel. Erst durch Wenz, der 1984 als junger Pastor die Leitung übernahm, wuchs es zur heutigen Größe. Tausende Menschen aus Stuttgart und der Region strömen jeden Sonntag zu den Gottesdiensten, in denen es so ganz anders zugeht als in vielen traditionellen Kirchen. Statt einer sperrigen Predigt von der Kanzel gibt es lebensnahe, eingängige Ansprachen. Anstelle von Orgelmusik spielen Livebands. Nicht Stillsitzen, sondern Mitmachen ist erwünscht: Zuhörer singen inbrünstig mit, man umarmt sich viel und reckt die Arme ergeben gen Himmel. Nicht jedem gefallen diese Form der Frömmigkeit und der dahinterstehende, strikt an der Bibel orientierte Glaube. Doch das Gospelforum bietet vielen Sinnsuchern eine Heimat, gerade auch junge Leute fühlen sich von den Events angesprochen. Der Erfolg in Zahlen: Rund 3700 Mitglieder gehören zur Gemeinde, etwa sechs Millionen Euro bringen sie jährlich an Spenden auf, zwanzig Pastoren und viele andere Mitarbeiter werden damit bezahlt.

Klagen über die Schattenseiten

Kritik gab es bisher hauptsächlich von außen oder von Aussteigern. Mal ging es um fragwürdige Heilungsversprechen, mal um Dämonen und deren Austreibung, mal um restriktive Positionen zu Homosexualität oder Sex vor der Ehe. Thematisiert wurden auch der psychologische Druck in den „Hauskreisen“ und der sanfte Zwang, den „Zehnten“ abzuliefern. Immer wieder beschäftigte das Gospelforum die Weltanschauungsbeauftragten der Kirchen, so auch Annette Kick von der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Kick anerkennt zwar, „dass die dort gelebte Frömmigkeit hohe Attraktivität besitzt, vor allem für junge Christen“. Sie höre aber auch viele Klagen über die Schattenseiten: „autoritäre Führungsstrukturen und ein schwarz-weißes Menschen- und Weltbild“. An Wenz und seiner Gemeinde prallen solche Einwände meist ab: Die Kirchen mit ihren leeren Bänken seien ja nur neidisch auf die vollen Gottesdienste, hieß es gerne.

Nun aber kommt die Kritik erstmals von innen, und das massiv. Gegärt hat es wohl schon seit einigen Jahren im Gospelforum, der Abschied eines beliebten Pastors wird vielfach als Zäsur genannt. Wer mit Wenz nicht klarkam, ging meist früher oder später. Im September aber stellten sich vier Vorstände des Trägervereins offen gegen ihren Vorsitzenden. In einer langen, dringlichen Stellungnahme forderten sie einen anderen Führungsstil und einen allmählichen Führungswechsel. Beeindruckend stark, „leidenschaftlich, intelligent, visionär“ sei Wenz, heißt es darin. Doch gerade diese „übermäßige Stärke“ werde zunehmend zum Problem. Peter Wenz und seine Ehefrau Sabine könnten „sehr schwer mit jeder Art von Kritik umgehen“. Er fälle viele Entscheidungen alleine, in der Gemeinde herrsche eine „Angstkultur“, offene Gespräche seien kaum noch möglich. Als „große Sünde“ werde es gebrandmarkt, sich gegen den von Gott eingesetzten Leiter aufzulehnen.

Keine demokratische Wahl wegen Gott?

Wenz ließ davon wenig gelten. Vor vielen Jahren, 1994, hatte er einmal offen über die große Bedeutung der Leitung in charismatischen Bewegungen geschrieben: „Sie muss von Gott gesetzt sein und darf nicht durch demokratische Wahl von Menschen bestimmt worden sein.“ Von Gott gesetzt sieht er sich offenbar bis heute, Mitbestimmung und Teilhabe betont er inzwischen wesentlich stärker. Doch für die Anwürfe seiner Kritiker zeigte er kaum Verständnis. Fehler gestand er allenfalls mit Floskeln wie der ein, auch er sei „weder perfekt noch unfehlbar“. Der Vorschlag der vier Gegenspieler, alle Vorstände sollten ihre Ämter für eine Zeit der Klärung ruhen lassen, blieb unerhört. Bald darauf starb einer von ihnen an einer schweren Krankheit, die drei anderen traten zurück.

Der Konflikt eskalierte, als Wenz im Dezember als Vorsitzender des Trägervereins vorläufig abgewählt werden sollte. Doch bei der Versammlung gab es eine dicke Überraschung: Zusätzlich zu den 150 bisherigen Mitgliedern waren kurzfristig 120 neue aufgenommen worden, ganz oder überwiegend Anhänger des Chefpastors. Sie hätten darauf gedrungen, hieß es, weil sie mit dem geplanten Kurswechsel der Gemeinde nicht einverstanden seien. Wenz’ Kritiker wurden von dem Manöver kalt erwischt, empört verließen sie den Saal. Prompt scheiterte die Revolte. Wenz wurde im Amt bestätigt, flankiert von vier neuen, nicht rebellischen Vorständen.

„Lösbare Probleme persönlich genommen“

Doch der Sieg war wohl zu trickreich, als dass er den Streit hätte befrieden können. Seither hat sich dieser noch erheblich verschärft – und wird zunehmend öffentlich ausgetragen. In diversen Internetforen sind inzwischen die Rundschreiben nachzulesen, die Wenz an die Gemeindemitglieder richtete. Harte Zeiten seien es für seine gesamte Familie, klagt er darin: „Es ist schon schwer, wenn man gesagt bekommt, man sei wie Hitler, ein Diktator . . .“, breche Recht und manipuliere Wahlen. Dabei hänge er weder an Posten noch an der Macht, sondern wolle nur das Beste fürs Gospelforum. „Unser Kampf ist nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen einen ganz anderen Feind“, schrieb er zu Weihnachten. „Ihr wisst, wen ich meine.“ Offenbar den Teufel.

„Ist im Gospelforum der Teufel los?“, fragte denn auch Matthias Ruf, ein einstiger Weggefährte von Wenz auf seiner Webseite. Andere wie der frühere Pressesprecher Jens Wätjen zeigten sich hochgradig irritiert: Nie habe er eine Gemeindeversammlung erlebt, die von einem Anwalt begleitet und „von Security-Muskelprotzen kontrolliert“ worden sei. Lösbare Probleme seien persönlich genommen worden, nun herrsche ein „offener Machtkampf“. „Das Thema dieser Krise ist Macht“, sekundierte Tobias Krämer, ein ehemaliger Pastor. Wenn Macht zu lange währe und sich zu sehr balle, lasse sie sich nur noch durch ihren „missbräuchlichen Einsatz“ verteidigen. Wer sich von Gott eingesetzt wisse, lasse sich auch nur „von Gott kontrollieren und absetzen“, sagt die Kirchenfrau Kick; damit entfalle jedes weltliche Korrektiv.

Enttäuschte verlassen die Gemeinde

Mehr oder weniger offen drohen Enttäuschte damit, die Gemeinde zu verlassen, sich einer anderen zuzuwenden oder eine neue zu gründen. Einladungen zu entsprechenden Treffen kursieren unter der Hand, nächsten Sonntag ist wieder eines geplant. Hauptamtliche Mitarbeiter melden sich vermehrt krank, ehrenamtliche reduzieren ihre Einsätze. Auch der Geldfluss soll deutlich nachgelassen haben. Offiziell relativiert Wenz solche Reaktionen: Es seien kaum 200 Gemeindemitglieder gegangen. Doch der Ton seiner Rundschreiben („Mein Herz blutet . . .“) wird dringlicher: „Bitte hört nicht auf Menschen, die eine Spaltung . . . vorantreiben wollen.“

Beim Gottesdienst am vorigen Sonntag aber verbreitete er Zuversicht, dass das Gospelforum eine gute Zukunft habe. „The best ist still to come“, rief Wenz der Gemeinde zu – das Beste kommt erst noch.

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