Aus für das Bosch-Werk Leinfelden Kahlschlag beim Bosch-Hammer – „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe“

Ein Blick ins Stammwerk von Bosch Power Tools in Leinfelden. Foto: Matthias Schmidt

Ende 2026 will der Bosch-Konzern das Stammwerk für Elektrowerkzeuge in Leinfelden schließen. Die Beschäftigten vor Ort sprechen davon, dass die schlechte Nachricht „wie eine Bombe eingeschlagen“ hat.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Es ist ein düsterer Zufall, aber die symbolische Bedeutung ist kaum zu übersehen. Hier in Leinfelden werden elektrische Bohrhämmer gebaut. Werkzeuge, die so eng mit dem Namen des Herstellers verbunden sind, dass sie auf den Baustellen der Welt einfach „Bosch-Hammer“ genannt werden. Schweres Gerät, geeignet auch für Abrissarbeiten.

 

Wenn es so kommt, wie es die Unternehmensleitung vorhat, ist auch die große, mehr als 200 Meter lange Fabrikhalle bald ein Fall fürs Abrisskommando. Nicht ausgeschlossen, dass dann die letzten Bosch-Hammer „Made in Germany“ zum Einsatz kommen. Ende 2026 soll die Produktion am Stammsitz geschlossen werden, ebenso die im sächsischen Sebnitz. Die Fertigung wird an andere Standorte verlagert werden, wo sie billiger erledigt wird, etwa ins Bosch-Werk in Miskolc in Ungarn. Es ist ein Schritt von historischer Dimension: Das Werk in Leinfelden gibt es seit 1955. Nach mehr als 70 Jahren soll es geschlossen werden.

„Keiner hat damit gerechnet, dass das Werk dichtgemacht wird“

Bei den Beschäftigten, die am Tag nach Verkündung der schlechten Nachricht in einer Arbeitspause zusammenstehen, ist die Stimmung trotz Frühlingssonne frostig. „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe“, sagt einer. „Man hat ja geahnt, dass etwas auf uns zukommt, dass noch mehr gespart werden soll. Aber keiner hat damit gerechnet, dass das Stammwerk komplett dichtgemacht wird.“

Bei ihm und seinen Kollegen kann die Firmenleitung, die mit Konjunkturflaute, harter Konkurrenz und nicht wettbewerbsfähigen Kosten argumentiert, nicht auf Verständnis hoffen. „Man könnte es vielleicht begreifen, wenn Bosch Verluste machen würde. Aber das Unternehmen macht Milliardengewinne, und es geht nur darum, dass die noch höher ausfallen sollen“, klagt ein Mitarbeiter. Besonders erschüttert habe ihn, dass bei der Informationsveranstaltung am Mittwoch keine Rede davon gewesen sei, dass die 230 Beschäftigten in Leinfelden vielleicht in anderen Werken oder Bereichen des Bosch-Konzerns unterkommen könnten. Er fragt sich: Was kann bei den Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Chefetage überhaupt noch erreicht werden? „Vielleicht eine höhere Abfindung“, sagt er, „aber ich will keine Abfindung, ich will arbeiten.“

Kaum Chancen auf Vermittlung innerhalb des Konzerns

Ein Sprecher des Unternehmens sagt, er könne den Gesprächen mit dem Betriebsrat, die bald beginnen sollen, nicht vorgreifen. Man werde „so sozialverträglich wie möglich“ vorgehen. Aber er bestätigt, dass es unrealistisch sei, allen Mitarbeitern eine Anschlussbeschäftigung im Konzern anbieten zu können – auch wenn man versuchen werde zu vermitteln. Bosch baut derzeit an vielen Standorten in Deutschland Personal ab, insgesamt mehr als 12 000 Stellen.

Karin Solda, Betriebsratsvorsitzende der Power-Tools-Sparte Foto: Bosch/Alexander_Schmitt

Auch Karin Solda hat nicht vor, ihre Verhandlungsziele auszuplaudern, sie kennt das Geschäft, in dem diskrete Gespräche zunächst mehr Erfolg versprechen als öffentlicher Radau. Sie sitzt dem Gesamtbetriebsrat der Power-Tool-Sparte vor, ist Mitglied im Bosch-Aufsichtsrat und seit mehr als 40 Jahren im Unternehmen. Einen Pflock aber rammt sie ein: „Der Zeitplan, das Werk bis Ende 2026 abwickeln zu wollen, ist eine Unverschämtheit gegenüber den Beschäftigten“, sagt sie. „Er wird nicht haltbar sein, das ist mit uns nicht zu verhandeln.“

Zunächst wolle der Betriebsrat Unterlagen sehen, sagt sie. Der Vorstand müsse erklären, warum es keine Alternative zur Werksschließung geben soll, von der sie auch nur einen Tag vor der Belegschaft erfahren habe. Ziel sei es, ein Alternativkonzept zu erarbeiten. Große Hoffnungen, dass die Chefs noch von ihrem Plan abzubringen sind, aber hat in Leinfelden wohl niemand.

Die Belegschaft in Leinfelden ist Kummer gewohnt. 2018 wurde die Stellenzahl in der Produktion schon einmal ungefähr halbiert. Die damals vereinbarte Beschäftigungssicherung für die Verbliebenen ist 2023 ausgelaufen. Theoretisch könnte den Mitarbeitenden nun betriebsbedingt gekündigt werden. Karin Solda erwartet, dass es dazu nicht kommt. Sie kenne Bosch so, dass dies nur die letzte Alternative sein könne, sagt sie. Es ist bitter“, sagt ein Mitarbeiter aus der Entwicklung, der gerade aus dem Werkstor tritt. In seiner Abteilung wie in den Verwaltungsbereichen wurde schon 2024 der Abbau von 480 Stellen vereinbart. Noch seien bei weitem nicht genug Freiwillige gefunden, die das Abfindungsangebot annehmen. Der Mann, geschätzt Mitte 30, vermisst ein Zukunftsbild für Bosch in Deutschland. „Wo soll es hinführen, wenn immer mehr Produktion ins kostengünstigere Ausland verlagert wird? Was ist das Ziel der Unternehmensleitung?“ fragt er.

Als 1926 eine Krise die Autoindustrie erfasste, hat der Zündmagnet-Lieferant Bosch ein neues Produkt entwickelt: die Haarschneidemaschine Forfex. Es war das erste elektrisch betriebene Werkzeug des Unternehmens. Das erste Power Tool – Grundlage für viele weitere Geräte wie Bohr- und Schlagschrauber. Gerade brechen erneut die Aufträge aus der Autoindustrie weg. Woher dieses Mal Rettung kommen könnte, ist unklar, und für die Betroffenen ist die Erkenntnis bitter: Die Power Tools werden sie nach Lage der Dinge nicht noch einmal bringen. Jedenfalls keine mit dem Siegel „Made in Germany“.

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