Tegut-Filiale in den Königsbau Passagen: Die Zukunft der Standorte in Stuttgart ist ungewiss. Foto: IMAGO/imagebroker
Jetzt ist es endgültig: Die Schweizer Migros-Genossenschaft verkauft ihre Tochter Tegut. Wir haben nachgefragt, was das für die Filialen in Stuttgart und der Region bedeutet.
Es ist das endgültige Aus für eine Supermarktkette, die sich in Deutschland als Bio-Pionier einen Namen gemacht hatte: Die Schweizer Migros-Genossenschaft Zürich (GMZ) verkauft ihre defizitäre Tochter Tegut und zieht sich vollständig vom deutschen Markt zurück. Der Handelsriese Edeka übernimmt nach bisherigen Erkenntnissen rund 200 der insgesamt über 300 Tegut-Filialen. Für die restlichen Standorte laufen intensive Verhandlungen – mit Rewe über das „zweitgrößte Paket“, wie Migros auf Anfrage unserer Redaktion am Mittwoch bestätigte.
Doch was bedeutet das konkret für die Kundinnen und Kunden sowie die Beschäftigten in der Region Stuttgart? Diese Frage können weder Migros noch Edeka zum jetzigen Zeitpunkt beantworten. Beide Unternehmen verweisen am Mittwoch auf die noch ausstehende Genehmigung durch das Bundeskartellamt. „Erst nach Vorliegen des Beschlusses des Bundeskartellamts können wir verbindliche Auskünfte zu einzelnen Filialen erteilen“, teilte Migros-Sprecherin Annabel Ott unserer Redaktion mit.
Acht Tegut-Filialen in Stuttgart und Umgebung
In der Landeshauptstadt Stuttgart betreibt Tegut derzeit noch fünf Filialen: in den Königsbaupassagen an der Königstraße, im Einkaufszentrum Milaneo am Mailänder Platz sowie in den Stadtteilen Lehen (Heusteigstraße), Feuerbach (Alarichstraße) und Degerloch (Epplestraße). Hinzu kommen drei weitere Standorte in der Region: in Böblingen im Einkaufszentrum „Pulse“ sowie zwei Märkte in Schwäbisch Gmünd – einer im Stadtteil Wetzgau und einer im City Center.
Filiale im Milaneo: Ob das Bio-Sortiment von Tegut – fast 30 Prozent der Produkte waren in Bio-Qualität – unter neuer Flagge erhalten bleibt, ist fraglich. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich
Welche dieser Filialen zu dem Edeka-Paket gehören und welche möglicherweise an Rewe oder andere Interessenten gehen, bleibt zunächst völlig unklar. Edeka verweist lediglich an den Verkäufer Migros und bestätigte die Übernahme von „rund 200 tegut-Filialen“. Zu konkreten Standorten will sich das Unternehmen „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht äußern.
Auch „die Migros Zürich bittet um Verständnis, dass aufgrund der Vertraulichkeit aktuell keine weiteren Details zu den Filialstandorten und den laufenden Gesprächen bekannt gegeben werden können“, heißt es in der Stellungnahme.
Rewe verhandelt über „zweitgrößtes Paket“
Erstmals bestätigte Migros am Mittwoch offiziell, dass mit dem Handelskonzern Rewe über die Übernahme eines weiteren großen Filialpakets verhandelt wird. „Mit Rewe wird aktuell über das zweitgrößte Paket verhandelt“, so Sprecherin Ott. Medienberichten zufolge soll es sich um eine „hohe zweistellige Anzahl“ von Filialen handeln. Rewe selbst wollte sich zu den Verhandlungen bislang nicht äußern.
Edeka ist in der Region kein Unbekannter, wenn es um Tegut-Übernahmen geht. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Handelskonzern zwei Tegut-Filialen übernommen: Die Filiale in Ludwigsburg (Marstallstraße) wurde im September 2025 geschlossen und von Edeka übernommen, der Standort in Waiblingen (Fronackerstraße) ging bereits zum Jahreswechsel 2024/25 an Edeka. Dort hatte das Unternehmen angekündigt, einen „Vollsortimenter mit frischeorientiertem Sortiment“ zu etablieren.
Die Schweizer Migros-Genossenschaft hatte Tegut Anfang 2013 übernommen. Foto: Andreas Arnold/dpa
Dies könnte ein Hinweis darauf sein, wie Edeka mit den nun übernommenen Standorten verfahren wird. In seiner offiziellen Stellungnahme betonte Edeka-Vorstandsvorsitzender Markus Mosa: „Mit dieser Einigung schaffen wir eine klare Zukunftsperspektive für die Tegut-Märkte und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Das Unternehmen verwies auf die Integration der Kaiser’s-Tengelmann-Filialen, bei der Arbeitsplätze nicht nur gesichert, sondern sogar ausgebaut worden seien.
Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben
Bei den rund 7.700 Tegut-Beschäftigten bundesweit herrscht große Unsicherheit. Migros gab sich am Mittwoch zuversichtlich: „Die Arbeitsplätze in den rund 300 Tegut-Märkten, wo der Großteil der Mitarbeitenden innerhalb der Tegut-Gruppe arbeiten, sollten erhalten werden können“, erklärte Sprecherin Ott. Edeka übernehme „einen wesentlichen Teil der Märkte mit ihren Verkaufsmitarbeitenden“.
Wie viele Beschäftigte in Baden-Württemberg betroffen sind, teilte Migros nicht mit. Edeka hatte erklärt, dass ohne die Übernahmen der Verlust von mehr als 4.500 Arbeitsplätzen gedroht hätte. Konkrete Garantien für die Übernahme aller Mitarbeitenden gibt es jedoch nicht.
Für die Kunden in Stuttgart und der Region bleibt vorerst nur das Warten auf konkrete Informationen – und der Gang in die noch geöffneten Tegut-Märkte. Foto: imago images/Arnulf Hettrich
Die Tegut-Mitarbeiter wurden nach Medienberichten am Mittwochmorgen über die Abwicklung des Unternehmens informiert. Edeka erklärte, dass neben den Filialen auch das Logistikzentrum in Michelsrombach, die Herzberger-Bäckerei sowie die Smart Retail Solutions – Betreiberin der rund 40 personallosen „Teo“-Minimärkte – übernommen werden sollen.
Läden bleiben bis zur Übernahme geöffnet
Wie geht es jetzt weiter? „Aktuell können keine konkreten Aussagen zu den zeitlichen Abläufen gemacht werden“, heißt es in der Stellungnahme von Migros. Alle beteiligten Parteien arbeiteten jedoch intensiv daran, den Übergang nach kartellrechtlicher Freigabe „so zügig wie möglich zu gestalten“.
Für die Kunden gibt Migros Entwarnung: „Bis zur Übernahme bleiben die Läden unverändert geöffnet.“ Das Ziel sei es, „einen reibungslosen und nahtlosen Übergang zum Nachfolgekonzept sicherzustellen“. Wann das Bundeskartellamt seine Entscheidung treffen wird, ist unklar. Auch ob und wie lange die Tegut-Märkte nach der Übernahme noch unter bisherigem Namen geführt werden, bleibt offen.
Verluste in dreistelliger Millionenhöhe
Die Gründe für das Scheitern von Tegut sind vielschichtig. Trotz massiver Kosteneinsparungen – der operative Verlust konnte 2025 von 60 auf 29 Millionen Euro mehr als halbiert werden – verschärfte sich das Marktumfeld in Deutschland weiter. Insgesamt soll sich der Gesamtverlust laut Medienberichten auf rund 600 Millionen Euro belaufen.
„Die Entscheidung, Tegut zu veräußern, ist uns äußerst schwergefallen“, erklärte Patrik Pörtig, Geschäftsleiter der Migros Zürich. Die umfassende Analyse habe jedoch deutlich gemacht, „dass Tegut unter diesen Bedingungen mit der spezifischen Positionierung und der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig ist.“ Migros-Chef Pörtig verwies zudem auf den „extrem aggressiven“ Konkurrenzdruck durch Discounter wie Aldi und Lidl.