Ausländische Fachkräfte berichten So geht’s jungen internationalen Fachkräften in Stuttgart

Mubinjon Homidov (links), Kamilya Mirieva (mitte) und Vishnu Vijayan (rechts) wohnen und arbeiten in Stuttgart. Foto: Jessica Morlock

Vom Zeltlager vor der Behörde bis zu neuen Freunden: Mubinjon, Vishnu und Kamilya erzählen von ihren Herausforderungen und Erfolgen als internationale Fachkräfte in Stuttgart.

In Deutschland herrscht ein Fachkräftemangel, der immer spürbarer wird: Ende 2024 blieben rund 1,4 Millionen Stellen unbesetzt – Tendenz steigend. Ob IT-Expert:innen, Pflegekräfte, Handwerker:innen, Köch:innen oder Busfahrer:innen: Überall fehlt es an qualifizierten Mitarbeitenden.

 

Eine wichtige Maßnahme gegen den Fachkräftemangel ist der Einsatz internationaler Fachkräfte. Bereits heute kommen rund 16 Prozent der Beschäftigten in Deutschland aus dem Ausland. Nach einer Erhebung der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2023 stammen die meisten ausländischen Arbeitskräfte aus EU-Ländern wie Polen, Rumänien und Italien. Bei den Nicht-EU-Ländern sind die Herkunftsländer Indien, Bosnien-Herzegowina und der Kosovo am stärksten vertreten.

Der Fachkräftemangel in Deutschland wächst stetig und betrifft nahezu alle Branchen, von der IT bis zum Gesundheitswesen. Foto: IMAGO/W2Art

Auch in Stuttgart sind junge Fachkräfte wie Mubinjon, Vishnu und Kamilya angekommen. Sie berichten uns von den Herausforderungen beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt, den kulturellen Unterschieden und den Erfahrungen, die sie mit ihrem Neuanfang in Stuttgart gemacht haben.

Mit 20 allein ans andere Ende der Welt

Mit gerade einmal 20 Jahren entscheidet sich Mubinjon Homidov aus seinem Heimatland Tadschikistan nach Deutschland auszuwandern. „Ich wollte reisen und selbstständig sein. Ich wollte die Welt sehen und Europa entdecken“, beschreibt der heute 22-Jährige seine Motivation, nach Deutschland zu ziehen.

In der Schule belegt er Deutschkurse und hört zum ersten Mal vom Begriff „Ausbildung“. „Ich wusste gar nicht, was eine Ausbildung überhaupt ist. Ich musste das erst verstehen“, berichtet er. Durch Recherchen im Internet eignet er sich das nötige Wissen an und stößt auf weitere Möglichkeiten für einen längeren Aufenthalt in Deutschland. „Ich habe gesehen, dass es noch viel mehr Optionen gibt, wie etwa ein FSJ oder Au-Pair, die man machen kann“, erzählt Mubinjon. Doch für ihn ist eine Ausbildung die beste Wahl. „Bei den anderen Stellen verdient man sehr wenig. Meine Eltern können mich leider nicht unterstützen. Bei einer Ausbildung verdient man mehr“, erklärt er seine Entscheidung.

Deutschland ist dicht besiedelt, während Tadschikistan aufgrund seiner Gebirgslandschaft eine geringe Bevölkerungsdichte aufweist. Foto: picture alliance / Zoonar

In seinem Heimatland Tadschikistan sammelt er bereits Arbeitserfahrung im Verkauf, als Koch und als Bedienung in einem Eiscafé. Diese Erfahrungen helfen ihm schließlich, einen Ausbildungsplatz als Gastronomie-Manager in Deutschland zu bekommen. Nach einem Online-Bewerbungsgespräch schickt ihm sein zukünftiger Arbeitgeber den Arbeitsvertrag per DHL zu. „Das dauert in Asien lange, bis es ankommt. Zwei Wochen habe ich gewartet. Aber er kam tatsächlich an“, erzählt er lachend.

Der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt

Der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ist oft mit Herausforderungen verbunden. Ausländische Abschlüsse müssen in der Regel von deutschen Behörden anerkannt werden. Zudem sind Deutschkenntnisse auf einem bestimmten Niveau für viele Berufe erforderlich. Drittstaatenangehörige benötigen zusätzlich ein Visum oder eine Arbeitserlaubnis gemäß dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz.

Für viele Berufe, insbesondere im Gesundheitswesen oder in technischen Bereichen, sind darüber hinaus spezielle Zusatzqualifikationen oder Prüfungen notwendig.

Warten, warten, warten

Schnell merkt Mubinjon, dass es mit dem Arbeitsvertrag allein nicht getan ist. Für einen Aufenthalt in Deutschland braucht er ein Visum. „Das dauert ewig. Es ist wirklich gar nicht so leicht, ein Visum zu bekommen“, erinnert er sich.

Für den Visumsantrag muss Mubinjon von seiner Heimatstadt im Norden in die Hauptstadt Tadschikistans, Duschanbe, fahren, die sich im Zentrum des Landes befindet. „Bei uns gibt es keine S-Bahn oder Züge. Man muss mit dem Auto fahren, und das dauert lange“, beschreibt er.

Die Hauptstadt Tadschikistans, Duschanbe Foto: IMAGO/Russian Look

Nach dem Antrag heißt es warten. Schließlich erhält er eine E-Mail von den Behörden. „Die schreiben auch nicht, ob man das Visum bekommen hat oder nicht, sondern einfach, dass man nochmal kommen soll“, erzählt er. Wieder muss er in die Hauptstadt fahren und hoffen, dass sein Antrag genehmigt wurde.

Mubinjon hat Glück und bekommt sein Visum. „Ich wollte direkt für den nächsten Tag den ersten Flug buchen“, erzählt er. „Ich hatte so lange gewartet – fast ein ganzes Jahr. Ich wollte endlich los“, erinnert sich der 22-Jährige. Seine Eltern können ihn noch ein wenig aufhalten, um alles zu organisieren, doch dann kann der junge Mann endlich nach Deutschland aufbrechen.

Von Russland und Indien in die Stadt der Automobilindustrie

Für den 28-jährigen Vishnu Vijayan und die 30-jährige Kamilya Mirieva ging der Visumsantrag deutlich schneller. Nach nur zwei Wochen hatte Vishnu sein Visum in der Tasche. Vom südindischen Bundesstaat Kerala reist er zunächst nach Italien, um dort Mechatronik zu studieren. Für seine Abschlussarbeit bewirbt er sich dann in Deutschland. „Ich bin sehr an Automobilen interessiert, und Deutschland ist weltweit bekannt dafür. Deshalb wollte ich schon immer hierherkommen“, erinnert er sich. In einer Präsentation eines Professors entdeckt er ein Thema für seine Thesis, das mit einem Projekt bei einem der lokalen Automobilzulieferer zusammenhängt. Vishnu wird für das Thema angenommen und reist nach Stuttgart.

Vom südindischen Budnesstaat Kerala reist Vishnu nach Europa. Foto: IMAGO/serienlicht

„Besonders an Deutschland gefällt mir, dass man hier viele Möglichkeiten hat, praktisch zu lernen. Man kann Werkstudentenjobs und Praktika machen. In Indien gibt es für Studierende kaum Möglichkeiten, praktische Erfahrungen zu sammeln“, erklärt er.

Kamilya arbeitet in Moskau im Finanzservice eines großen Stuttgarter Automobilkonzerns. Als der Krieg beginnt, verlässt der den russischen Markt. Kamilya möchte weiterhin für die Firma arbeiten und trifft die Entscheidung, nach Stuttgart zu ziehen. „Von Russland nach Deutschland zu gehen ist nicht einfach, weil die Leute nicht gerade happy sind, wenn ich sage, woher ich komme“, berichtet sie bedrückt.

Der Start in einem fremden Land

Was Mubinjon bei seiner Ankunft in Stuttgart überrascht: Hier ist es gar nicht so kalt, wie er gedacht hatte. „Ich habe wirklich geglaubt, es ist immer extrem kalt. Ich bin im Juni gekommen und hatte eine Jacke an“, erinnert er sich lachend.

Vishnu durchlebte in den ersten Wochen in Stuttgart eine harte Zeit. Er erinnert sich, dass es anfangs sehr schwer war, neue Leute kennenzulernen: „In Indien redest du dreimal mit einer Person und schon seid ihr beste Freunde, aber hier dauert das sehr lange. Ich habe hier richtig tolle Freunde gefunden, und alle sind sehr nett, aber es dauert, bis die Leute einem wirklich vertrauen und man zum engeren Kreis gehört“, erzählt er.

Auch Kamilya aus Russland fand es anfangs schwer, Anschluss zu finden. „In meiner Arbeit gibt es viel Homeoffice, und dadurch war es sehr schwer, mit den Kollegen zu connecten“, erinnert sie sich. „Die Leute hier haben ihren Freundeskreis und schauen oft nicht nach neuen Kontakten. Das verstehe ich auch, aber es macht es schwieriger, wenn man selbst nach neuen Kontakten sucht“, erklärt sie.

Neue Freunde im neuen Land

Die besten Möglichkeiten für Vishnu, neue Freund:innen zu finden, sind Kontakte an der Uni, im Studentenwohnheim, auf WG-Partys und über bereits vorhandene Freund:innen. „Ich habe durch die Uni einen sehr guten Freund kennengelernt. Er hat mir alles gezeigt, und wir sind viel zusammen weggegangen. Über ihn habe ich viele weitere Leute kennengelernt. Ich finde, man braucht einen richtig guten Freund, und dann findet man schnell Anschluss“, erklärt Vishnu.

In Facebook gibt es verschiedene Gruppen für Menschen die neu in der Stadt sind. Foto: IMAGO/Silas Stein

Für Mubinjon war die Berufsschule die beste Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, und Kamilya fand neue Freund:innen über eine Facebook-Gruppe und schließlich auch über die Arbeit. „Es gibt ganz viele Facebook-Gruppen, denen man beitreten kann, wenn man neu in der Stadt ist. Ich habe bei der Arbeit angefangen, mehr mit den Kollegen zu sprechen, bin mehr ins Büro gegangen und habe an Afterwork-Events teilgenommen, um mehr Kontakt zu meinen Kollegen zu bekommen“, erklärt Kamilya.

Im Bürokratiedschungel Deutschlands

Neben dem Knüpfen neuer Kontakte empfinden alle drei auch die deutsche Bürokratie als Herausforderung. „Die Digitalisierung in Deutschland ist wirklich schlecht. In Indien sind wir in vielen Bereichen noch nicht so weit wie Deutschland, aber beim Thema Digitalisierung hat Indien Deutschland schon sehr überholt. Dort kann ich an jedem Straßenstand mit dem Handy zahlen und muss keine Anträge auf Papier ausfüllen“, erklärt Vishnu.

„Bürokratie, Datenschutz und Termine vereinbaren – das sind drei Sachen, die hier echt kompliziert sind“, sagt Mubinjon. „Du willst von jemandem nur den Namen wissen, und direkt heißt es: ‚Nein, kann ich nicht sagen, Datenschutz.‘ Das ist manchmal echt umständlich“, erzählt er kopfschüttelnd.

Besonders für Kamilya gab es einige bürokratische Hürden. „Ich habe monatelang probiert, eine Kreditkarte zu beantragen. Aber ich wurde immer wieder abgelehnt wegen meines russischen Reisepasses“, erzählt sie. Das gleiche Problem hatte sie auch bei der Registrierung ihrer SIM-Karte.

Umziehen fürs Visum und Campen vor der Ausländerbehörde

„Es war sehr stressig, als mein Visum langsam auslief. Ich habe eine Nachricht an die Ausländerbehörde in Stuttgart geschickt, aber keine Antwort bekommen. Von anderen internationalen Studierenden habe ich gehört, dass Leute dort sogar vor dem Eingang schlafen – mit Zelten wie in einem Camp. Da dachte ich dann: Okay, das will ich nicht tun. Ich habe dann meiner Universität geschrieben, und die haben der Ausländerbehörde geschrieben. Daraufhin bekam ich einen Termin in ein paar Wochen“, berichtet Vishnu.

Er kritisiert die Hürden, denen Fachkräfte oft begegnen: „Ich finde, wenn das Land diese Menschen wirklich braucht, sollte es viel einfachere Wege geben.“

Behördengänge sind kompliziert. Fachkräfte sind mit langen Wartezeiten konfrontiert. Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Auch für Kamilya stellt die Verlängerung ihres Visums stets eine Herausforderung dar.„Es ist sehr schwer, einen Termin zu bekommen. Ich bin nur deswegen schon mehrfach im Großraum Stuttgart umgezogen, zum Beispiel nach Leonberg, nur damit ich mein Visum verlängern lassen kann. In Stuttgart bekommt man einfach keine Termine, es ist zu voll“, erklärt die 30-Jährige.

Bei Problemen oder Fragen gibt es in Stuttgart auch das Welcome Center. Die Organisation hilft Zugezogenen, sich in der Stadt zurechtzufinden – egal, ob es um Arbeit, Wohnen, Sprache oder Freizeit geht. Hier gibt es Infos, Tipps und Unterstützung, um in Stuttgart anzukommen.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Neben einer neuen Kultur und viel Bürokratie sind internationale Fachkräfte auch mit einer neuen Sprache konfrontiert. „Ich würde empfehlen, die Grundlagen zu lernen, bevor man nach Deutschland kommt. Dann hat man ein bisschen Selbstbewusstsein, um auch zu sprechen, und kann sich ein wenig unterhalten“, findet Vishnu.

Auch Mubinjon erklärt: „Ich hatte in Tadschikistan einen Deutschkurs bis B1, doch dann habe ich selbständig weitergelernt. Bei den Kursen dauert das so lange. Lieber selbständig, effektiv und effizient lernen. Einfach mehr die Sprache benutzen und am besten ins Land gehen und dort weiterlernen“, sagt Mubinjon.

Für Kamilya ist es ebenfalls schwer, die Sprache zu üben. „Auf der Arbeit machen wir alles auf Englisch, daher komme ich nicht so oft zum Üben“, erklärt sie.

Vishnu und Mubinjon geben als Tipps mit auf den Weg, neu gelernte Wörter häufig zu benutzen und immer wieder zu wiederholen. „Ich habe ein Tagebuch, in das ich jeden Tag ein paar neue Wörter schreibe, und die wiederhole ich dann oft. Außerdem rede ich viel mit anderen. In meiner letzten WG habe ich jeden Morgen mit meiner Mitbewohnerin auf Deutsch gesprochen, das hat sehr geholfen. Podcasts hören hilft auch, um die Sprache besser zu verstehen“, erklärt Vishnu. Mubinjon ergänzt: „Ich benutze neue Wörter ganz oft, schaue nach Synonymen und benutze diese dann auch häufig.“

Kulturschock im Kessel

„Was man einfach verstehen muss, ist: Man kommt aus einer anderen Kultur, und das muss man akzeptieren“, erklärt Vishnu. In Deutschland genießt man oft mehr persönlichen Raum und Unabhängigkeit, während in Indien Familie und Gesellschaft eine zentrale Rolle spielen, erzählt Vishnu. „Hier hingegen hat man die Möglichkeit, mehr Freizeit zu genießen, gut zu verdienen und seinen Alltag freier zu gestalten“, sagt er.

Ein wichtiger Rat von Vishnu lautet: „Man muss akzeptieren, dass der Anfang schwer ist. Freunde finden, ein soziales Leben aufbauen – all das dauert. Man braucht Geduld. Und man sollte nicht in Stereotypen denken. Ich habe das nie getan.“

Für Mubinjon war vor allem die Bevölkerungsdichte ein kleiner Schock: „Ich finde Kleinstädte viel besser als Großstädte. Hier leben so viele Menschen, es ist sehr voll. Für mich fühlt sich das erdrückend an. Ich gehe deshalb oft raus. Zu Hause bleiben ist für mich wie ein Gefängnis“, erzählt er.

Moskau ist mit über 13 Millionen Einwohner einer der größten Städte der Welt. Foto: Ulf Mauder/dpa

Für Kamilya ist es genau das Gegenteil. Ihr ist Stuttgart zu klein: „Ich mag große Städte und ich vermisse die Geschäfte in Moskau, die immer offen haben und eine große Auswahl bieten. Stuttgart ist für mich sehr klein. In Moskau gibt es viele Services, und man bekommt ganz spontan Termine. Hier muss man sehr viel vorausplanen“, sagt sie lachend.

Integration in Stuttgart

Kamilyas Tipp für alle, die nach Stuttgart kommen oder neu in der Stadt sind: „Integration kann hart sein. Ich würde sagen, sei nicht so streng mit dir selbst. Es ist normal, dass man in den ersten Monaten frustriert ist und Heimweh hat, aber man sollte sich immer bemühen und versuchen, Kontakte zu knüpfen. Wenn man mit Leuten in Kontakt kommt, fällt es einem leichter, sich auch mit dem Land zu verbinden.“

Die Geschichten von Mubinjon, Vishnu und Kamilya zeigen: Der Weg nach Deutschland ist oft herausfordernd, doch mit Mut, Geduld und Unterstützung gelingt der Start in ein neues Leben. Internationale Fachkräfte bereichern nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die Vielfalt der Gesellschaft.

Das Portal „Make it in Germany“ der Bundesregierung bringt alle wichtigen Infos für den Einstieg in Deutschland an einem Ort zusammen – von Einreise und Visum über Jobsuche und Berufsanerkennung bis hin zum Leben in Deutschland. Hier gibt es auch persönliche Beratung für alle, die nach Deutschland kommen wollen.

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