Ausstellung „Ballettwunder“ Als das New Yorker Publikum vor dem Stuttgarter Ballett aufsprang

Blick in die umfangreiche Schau „Ballettwunder“, die bis zum Frühjahr 2027 läuft. Foto: Julian Rettig/Stadtpalais Stuttgart

Das Stadtpalais Stuttgart geht dem „Ballettwunder“ mit John Cranko und vielen anderen Stars in einer großen Sonderausstellung über das Stuttgarter Ballett nach.

Ballettchef und Choreograf John Cranko steht noch lachend auf der Gangway. Primaballerina Marcia Haydée, mit schickem weißen Hut, ist schon eingetaucht in ein Meer aus Blumen und jubelnden Menschen, begrüßt von Oberbürgermeister Arnulf Klett und Generalintendant Walter-Erich Schäfer. Burghard Hüdigs Foto bildet einen Einstieg in die Ausstellung „Ballettwunder“ im Stadtpalais – Museum für Stuttgart. Es beschreibt den Triumphzug auf dem Stuttgarter Flughafen zur Ankunft der Compagnie nach einem dreiwöchigen Gastspiel in New York – eine Heimkehr als Stuttgarter Ballettwunder.

 

Alle Vorstellungen im Metropolitan Opera House waren ausverkauft

So bezeichnete Cliff Barnes, gefürchteter Kritiker der New York Times, den Eröffnungsabend „Onegin“ am 10. Juni 1969 als „Ballet Miracle“. Marcia Haydée und Heinz Clauss, die Tatjana und Onegin getanzt hatten, wurden über Nacht zu Stars – und mit ihnen das gesamte Ensemble. Alle 24 Vorstellungen im Metropolitan Opera House, darunter „Romeo und Julia“, „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Jeu de Cartes“ und „Présence“, waren ausverkauft.

Marcia Haydée in „Romeo und Julia“ Foto: Klaus-Mocha/Landesarchiv Baden-Württemberg

„Uns lud der Impresario Sol Hurok ein, sagte, wenn die Leute am ersten Abend nicht aufstehen, können wir wieder abreisen“, erinnerte sich Haydée auf der übervollen Stadtpalais-Vernissage am Donnerstagabend beim Talk mit Ballettintendant Tamas Detrich, Ausstellungsleiter Yannick Nordwald und Kuratorin Mia Paulus. Doch das zunächst verhaltene New Yorker Publikum sprang während der Vorstellung auf. „Alle wollten das Stuttgarter Ballett sehen“, so Detrich. „Auch ich stand lange um Tickets an.“ Als Statist wollte er erst dabei sein, erkrankte aber, konnte dann doch vortanzen. So kam er nach Stuttgart. „Ich war 16 Jahre alt. Meine Eltern verstanden mich, sie hatten selbst Ungarn 1956 mit einem Traum verlassen.“ Der Rest? Geschichte: Vom Eleven über Solist bis Ballettmeister und Stellvertreter seines Vorgängers Reid Anderson zum Ballettintendanten. Ein Posten, den Cranko gerne etabliert hätte, doch erst Anderson schaffte es: Die Württembergischen Staatstheater wurden so zum veritablen Dreispartenhaus.

Haydée schmunzelt, als sie auf ihre Jahre als Ballettchefin zurückschaut: „Ich wollte immer nur Tänzerin sein, das Leben machte mich zur Direktorin. Das Besondere am Stuttgarter Ballett: Es ist eine Familie mit allen Emotionen, die dazu gehören, nicht nur eine Compagnie, wo man einfach zusammen tanzt.“ In das Mirakel der Familie über die Jahrzehnte führt auch die Sonderausstellung im Stadtpalais, beginnend mit New York und dem Originalkleid der Tatjana. „Das einzige Kostüm von uns, alle anderen sind Leihgaben vom Staatstheater“, so Kuratorin Paulus. Wie etwa die Leotards von Initialen R.B.M.E., das Cranko für seine Solisten Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen schuf. Auch im Museum stehen diese für die vier großen Tanzpersönlichkeiten: Videos erzählen von deren Rollen und Leben. Um die Vitrine mit Mercutios und Tybalts Degen rankt sich die Geschichte von „Romeo und Julia“. Der perlenreiche Hochzeitskopfputz der „Katharina“ leitet zu „Der Widerspenstigen Zähmung“, das schwarze Juwelenkleid der Fee Carabosse lässt nicht nur in Haydées Ballettversion von „Dornröschen“ eintauchen sondern erinnert auch an den zu früh verstorbenen Richard Cragun, der es trug.

Stars auf der Bühne und die kreativen Köpfe im Hintergrund

Klar, dass es auch um alle Kreativen hinter der Bühne geht, etwa um Bühnenbildner Jürgen Rose, auf dessen Ideen Marcia Haydée nie verzichten wollte. Neben Kostümen, Entwürfen, Zeichnungen, Programmen und Fotos nehmen Filmausschnitte aus Interviews und Porträts mit in die Welt Crankos und seiner Truppe. Das Team des Stadtpalais führte zudem Videointerviews, unter anderem mit Haydée, Egon Madsen, Vladimir Klos und Birgit Keil, deren ikonisches Grand Battement, 1971 auf dem New Yorker Times Square von Altmeister Hannes Kilian fotografiert, die Schau bereichert. Das tut zudem der Blick ins Stuttgarter Hoftheater des 18. Jahrhunderts und ins 19. Jahrhundert zu Marie Taglioni, die als die erste auf Spitze gilt. Mit Crankos tragischem Tod 1973 ist freilich nicht Schluss. Die John Cranko Schule, erste Ballettschmiede Westdeutschlands, dessen Eröffnung er 1971 noch erleben durfte, wie deren Neubau, werden ins Licht gesetzt, und viele, die daraus hervorgegangen sind. Dazu Tanzschaffende, die in Stuttgart ihre Karrieren starteten wie Christian Spuck, Marco Goecke, John Neumeier, William Forsythe, Bridget Breiner. Und jene, die begeistert für Stuttgart Stücke schufen, wie Hans van Manen und Kenneth MacMillan.

So mündet die historische Erzählung des Stuttgarter Balletts im Jetzt – samt Exkurs in die Freie Szene und aktuelle Produktionen, großflächig inszeniert in einem Videoraum. Wo die Dekorationswerkstätten nachgebaut wurden, kann man selbst Hand anlegen, Kulissen malen und bauen, unter dem Vorsitz des Originalstuhls, auf dem Cranko stets Proben beobachtete. Das hätte ihm, der das Experiment liebte, gefallen. Wie sagten noch Tamas Detrich und Marcia Haydée? „Bei Cranko geht es nicht um Schritte, es geht um Emotionen, das Menschliche, den Mensch.“

Sonderausstellung „Ballettwunder“

Besuch
Die Ausstellung in Kooperation mit dem Stuttgarter Ballett im Stadtpalais – Museum für Stuttgart läuft von 19. März bis 4. April 2027, ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Freitags ist der Besuch zwischen 18 bis 21 Uhr kostenlos, Sonntags gibt es um 16 Uhr öffentliche Führungen. Der Eintritt kostet 7 Euro pro Person, zuzüglich 5 Euro Führungsgebühr.

Führungen
Sonia Santiago, Tanzpädagogin und ehemalige Erste Solistin, lädt zu Insider-Führungen (25.3., Di, 14.4., Di, 5.5., Di, 16.6., Di, 21.7., Di, 22.9., Mi, 18.11., Di, 15.12., Di, 19.1.2027, Mi, 24.2.2027, 17 Uhr) – und zu Tanzworkshop 40+ (26.3., 16.4., 28.5., 18.6., 16.7., 17.9., 19.11., 10.12.2026, 14.1.27, 4.3.27, je 17 Uhr). Mia Paulus bietet Kuratorinnen-Führungen an, Donnerstag, 8.4.2026 und 22.4.2026, je 16.30 Uhr. Zudem können öffentliche Führungen zum Wunschtermin gebucht werden sowie Angebote für Familien und Hortgruppen.

Am 11.9.2026, 17 Uhr, wird das Stuttgarter Ballett Annual mit Signieraktion präsentiert. Der Eintritt ist frei. https://www.stadtpalais-stuttgart.de

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