Ausstellung in Sindelfingen Als Böblingen und Sindelfingen regionales Rock-Mekka waren

Ilja Widmann, Leiterin des Sindelfinger Stadtmuseums, und Buchautor Christoph Wagner präsentieren die Ausstellung. Foto: Stefanie Schlecht

„Von Abba bis Zappa“ – Christoph Wagners Buch zur regionalen Konzertszene, wird im Sindelfinger Stadtmuseum um eine Schau mit Memorabilien und Dokumenten ergänzt.

Irgendwann kam auch der Mann in Schwarz nach Böblingen. Dreimal gastierte Johnny Cash in der Sporthalle, zuletzt am 5. November 1983. June Carter war dabei. Cashs Gitarre allerdings ging in die Brüche, schon vor dem Konzert. Der Country-Star weilte in Dänemark, wollte zwei Tage später in Böblingen auftreten, schickte das defekte Instrument durch einen Boten in die Stadt, bat um Reparatur. Zur Stelle war Hans R. Schweizer, Inhaber der Stuttgarter Musikalienhandlung „Sound of Music“. Er fand einen Geigenbauer, der sich um Johnny Cashs Gitarre kümmerte.

 

Yes-Keyboarder zeigt sich dankbar

Schweizer, längst betagt, erzählt diese Geschichte in einem Interview, das nun im Sindelfinger Stadtmuseum zu sehen ist, als Teil der Ausstellung „Von Abba bis Zappa – Als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten“. Christoph Wagner, Autor des gleichnamigen Buches, interviewte den legendären Musikalienhändler, und Hans R. Schweizer erzählt nun auf einem Bildschirm drei Episoden, die er als umtriebiger Insider erlebte während jener großen Zeit der Rock- und Popmusik.

Er spricht auch von einer Begegnung mit Rick Wakeman, Keyboarder der Rockband Yes, der einst zur Osterzeit Hilfe am Instrument benötigte. Aus Dankbarkeit, sagt Schweizer, habe Wakeman ihm später dann einen Synthesizer der Marke EMS abgekauft. „I take it“, sagte der Brite nur knapp, obschon er bereits zwei gleichartige Instrumente besaß, und blätterte 3000 Mark hin, an der Rezeption des Holiday Inn, vor etlichen Fans, die dort um ein Autogramm anstanden.

Christoph Wagners Buchs zur regionalen Pop- und Rockgeschichte zwischen den 1960er und 1980er Jahren erschien im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Sindelfingen, Illja Widmann, Leiterin des Hauses, fungierte als Herausgeberin. Wagners Anliegen ist auch zu zeigen, wie Musik zum Träger gesellschaftlicher Veränderung wurde.

Konzerte werden in Stuttgart verboten

Die Ausstellung im Sindelfinger Stadtmuseum ergänzt das Buch nun um zahlreiche Memorabilien, teils aus Wagners eigener Sammlung oder zur Verfügung gestellt von Privatleuten wie Hansjörg Knorr, der heute Arzt ist, seinerzeit leidenschaftlicher Musikfan war und alle Konzerte, die er besuchte, in ein Tagebuch eintrug und kommentierte. Fügte er einem Konzert ein „S“ hinzu, so bedeutete dies, dass das Publikum den Saal gestürmt hatte, aus Protest gegen Eintrittspreise, die einstmals als hoch empfunden wurden, heute schmunzeln lassen.

Die Übergriffe trugen sich in Stuttgart zu und waren Grund dafür, dass in der Landeshauptstadt ein Konzertverbot erlassen wurde, wodurch insbesondere die Sindelfinger Messe und die Böblinger Sporthalle, längst verschwunden, zu einem Mekka der Musikfans wurden. Auch dort rebellierten die Fans, bei einem Konzert von Emerson Lake and Palmer, was zu einem allerdings kürzeren Konzertverbot führte.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine chronologische, wenn auch aus Platzgründen nicht vollständige Sammlung von Konzertplakaten, viele von ihnen zur Verfügung gestellt von Hans-Peter Haag, dem Geschäftsführer des Stuttgarter Veranstalters Music Circus. Der Blick schweift durch die Vergangenheit, über The Police, Queen, Rainbow, Whitesnake, Peter Gabriel, Mike Oldfield und andere. Christoph Wagner, selbst ein Fan, hat eine Sammlung so genannter „Handbills“ zusammengetragen, grafisch bunter, psychedelischer Werbezettel, mit dem die Bands der Musikszene in San Francisco ihre Auftritte ankündigten und großen Einfluss entwickelten.

Er zeigt sich zum Beispiel auf jenem Plakat, das der deutsche Designer Günther Kieser, verstorben 2023, 1978 für die Tournee von Blood Sweat and Tears schuf – es steht in beispielhaftem Kontrast zu einem Plakat, mit dem der Stadtjugendring Sindelfingen 1966 die Jazz- und Beatgruppen der Stadt höchst bieder zu einem „musischen Wettbewerb“ einlud. „Die Hippies“, so Wagner, „Haben den Horizont für das Pop-Plakat weit aufgemacht.“

Tickets, Plattencover und Instrumente

Daneben birgt die Ausstellungen unzählige Konzerttickets aus alten Zeiten. Man sieht die Kleidung der Jugendkultur einer vergangenen Zeit – das indische Hemd, die Flickenjeans – Schallplattencover und Musikinstrumente. Jedes der Instrumente, die in dieser Vitrine zu sehen seien, sagt Christoph Wagner, sei auf den Bühnen der beiden Städte irgendwann einmal gespielt worden – ob nun die Gitarre von Joachim Kupke oder die Mikrofone von Werner Schumacher (beide: If you wanted to), das Saxofon von Simon Steiner, der mit der Stuttgarter Punk-Band F.A.K im Vorprogramm der Fehlfarben spielte. Allein ein Paar Trommeln, das Joachim Irmler (Faust) zur Verfügung stellte, erklang wohl nie in Sindelfingen.

Die Ausstellung „Von Abba bis Zappa“ wird bis zum 10. Januar 2027 im Stadtmuseum Sindelfingen zu sehen sein, eröffnet am Samstag um 17 Uhr mit musikalischer Begleitung und einer kurzen Einführung und wird weiterhin von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet. Informationen im Netz unter www.sindelfingen.de

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