Der Automobilzulieferer Swoboda schließt sein Entwicklungszentrum in Schorndorf. 140 Mitarbeitende bangen um ihre Zukunft – ein weiteres Kapitel in der Krise der Branche.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Es war ein kalter Donnerstagmorgen, als sich für rund 140 Mitarbeitende des Automobilzulieferers Swoboda die Welt veränderte. Im Konferenzraum des modernen Entwicklungszentrums in Schorndorf-Schornbach (Rems-Murr-Kreis) wurde ihnen am 6. November die Nachricht überbracht, die viele wie ein Schlag traf: Der Standort wird geschlossen. Bis Mitte 2026 sollen die Lichter endgültig ausgehen.

 

Wie das Unternehmen nun mitteilt, zwinge der steigende Kostendruck zu diesem drastischen Schritt. Der Standort sei nicht mehr wettbewerbsfähig, heißt es. Eine Formulierung, die nüchtern klingt – und menschliche Dramen verbirgt. Denn was in Zahlen messbar erscheint, bedeutet für viele vor allem eines: Existenzangst.

Standortschließung Schorndorf: 140 Jobs vor dem Aus

Der Standort im Remstal war mehr als ein Bürokomplex. Seit Anfang 2019 bündelte Swoboda hier zentrale Kompetenzen: Produktentwicklung, Sensor-Software, Labor, Projektmanagement – kurz: das Gehirn für die automobile Sensorik der Zukunft.

Auf 2000 Quadratmetern arbeiteten Ingenieure unter modernsten Bedingungen an Lösungen für eine zunehmend digitale und autonome Mobilität. Das nun abzuwickeln, „fällt uns außerordentlich schwer“, lässt sich Dr. Matthias Groth, der Hauptgesellschafter von Swoboda, in einer Medienmitteilung zitieren. Und dennoch: Die Entscheidung sei alternativlos.

Ungewisse Zukunft: Sozialpläne ohne konkrete Zusagen

Die rund 140 Beschäftigten sollen „sozialverträgliche Lösungen“ erhalten, Gespräche mit dem Betriebsrat liefen, heißt es vonseiten der Unternehmensleitung. Eine Weiterbeschäftigung innerhalb der Swoboda-Gruppe soll zumindest für einen Teil geprüft werden. Konkrete Zusagen aber gibt es keine.

Schorndorfs Oberbürgermeister Bernd Hornikel zeigt sich betroffen. Foto: Gottfried Stoppel

Für die Stadt bedeutet die Entscheidung weit mehr als den Verlust eines Unternehmens. „Für den Wirtschaftsstandort Schorndorf sind dies sehr schlechte Nachrichten“, betont der Schorndorfer Oberbürgermeister Bernd Hornikel. „Auch wegen den Mitarbeitenden bin ich betroffen.“ Seine Worte spiegeln die Betroffenheit vieler wider, die sich fragen, was die Schließung für die wirtschaftliche Zukunft der Stadt bedeutet.

Automobilzulieferer im Wandel: Swoboda als Beispiel

Was da gerade in Schorndorf passiert, ist kein Einzelfall. Die Automobilbranche steckt in einer tiefen Transformation, und die trifft auch Zulieferer mit Hightech-Profil. Swoboda zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Sensorik, Elektronik und Aktuatorik. Produkte aus dem Hause Swoboda stecken in über einer Milliarde Fahrzeuge weltweit. Und doch schützt offenkundig selbst Innovationskraft nicht vor strukturellem Wandel.

Die Verlagerung des Sensor-Geschäfts an andere Standorte innerhalb der Swoboda-Gruppe dürfte ein strategischer Schachzug sein. Effizienzsteigerung, Synergieeffekte, gebündelte Entwicklungskompetenz – so liest sich das in der Sprache der Geschäftsberichte. Für die Menschen in Schorndorf bedeutet es aber vor allem: Der Arbeitsplatz, den man einst mitgestaltet hat, wird nun zur Fußnote der Unternehmensgeschichte.

Globalisierung auf Kosten der Regionen?

Swoboda produziert weltweit: in Mexiko, den USA, Rumänien, Tschechien, China. Allein in Deutschland unterhält das Familienunternehmen vier Standorte: Neben dem Firmensitz Wiggensbach (Landkeis Oberallgäu), Fürth, Karlsruhe und eben noch: Schorndorf. Doch dort ist nun Schluss. Für die Region ist das mehr als ein betriebswirtschaftlicher Rückzug.

Die Stadt verliert nicht nur einen Arbeitgeber, sondern ein Stück wirtschaftliche Identität. Und während im Allgäu und anderswo weiterentwickelt wird, bleibt im Remstal eine Industriebrache zurück – mit Fachkräften, deren Know-how anderswo nun offenbar entbehrlich ist.

Industriestandort Schorndorf: Ein schleichender Abschied

Dabei schreibt sich Swoboda ambitionierte Ziele auf die Fahne. Elektromobilität, autonomes Fahren, vernetzte Fahrzeuge: Der Zulieferer will mittendrin sein im Wandel. Mehr Systemverantwortung, mehr Wachstum als der Branchenschnitt, mehr Innovation. Und doch scheint ausgerechnet jener Standort, der genau für diese Zukunft entwickelt wurde, in diesem Konzept keinen Platz mehr zu haben.

Swoboda, gegründet 1947 im bayerischen Wiggensbach, fusionierte 2018 mit der Firma Hartmann – einem Pionier der Mikroschaltertechnik. Gemeinsam wurden die Unternehmen zum globalen Player. Über eine Million Bauteile verlassen täglich die Werke. Die Swoboda-Gruppe ist ein Hidden Champion – Made in Germany, weltweit gefragt.

Swoboda auf einen Blick

  • Gründung: 1947 in Wiggensbach (Allgäu)
  • Unternehmensform: Familienunternehmen, Hauptgesellschafter Dr. Matthias Groth
  • Mitarbeitende: über 3500 weltweit
  • Umsatz: mehr als 450 Millionen Euro (letztes Geschäftsjahr)
  • Standorte: 12 weltweit (u. a. in Deutschland, USA, Mexiko, China)
  • Produkte: Sensoren, Aktuatoren, elektronische und mechatronische Systeme
  • Kunden: Internationale Automobilhersteller (OEM) und Tier-1-Zulieferer
  • Besonderheit: Über 1 Million Bauteile täglich, verbaut in über 1 Milliarde Fahrzeugen
  • Standort Schorndorf: seit 2019 Entwicklungszentrum für Sensorik, etwa 140 Mitarbeitende
  • Geplante Schließung: bis Mitte 2026

Doch wie nachhaltig ist dieses Wachstum, wenn Standorte geschlossen und Kompetenzen verlagert werden? Und was bedeutet das für die Verlässlichkeit eines Arbeitgebers, der sich gern als familiär und stabil positioniert?

Noch sind es Monate bis zur endgültigen Schließung. Monate, in denen verhandelt wird, gehofft, gezittert. Swoboda beteuert, auch künftig in Deutschland präsent zu bleiben. Doch was bleibt, ist das Gefühl eines Verlustes – für eine Stadt, für ihre Menschen, für eine Industrie, die sich gerade neu erfindet.