Autoverkehr in Stuttgart Verkehrsminister Hermann warnt vor Abkehr von Tempo 40

Tempo 40 gilt in weiten Teilen des Stuttgarter Straßennetzes als erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Foto:  

Auf Hauptstraßen in Stuttgart gibt es heute weniger Unfälle und Verletzte als vor Einführung von Tempo 40. Verkehrsminister Hermann warnt vor einer Abkehr von der Restriktion.

Die verringerte Geschwindigkeit auf Stuttgarts Hauptstraßen hat die Unfall- und Verletztenzahlen deutlich gesenkt. Das ergibt eine Datenanalyse unserer Zeitung, für die wir alle Unfälle mit Personenschaden in den Jahren 2016 bis 2018 und 2022 bis 2024 ausgewertet haben. Insgesamt flossen fast 4500 Unfälle in die Auswertung ein. Auch Zahlen, die das Landesverkehrsministerium erhoben hat, legen diesen Schluss nahe.

 

Nach der Absenkung der Höchstgeschwindigkeit sowie einem coronabedingten Knick werden auf Stuttgarts Hauptstraßen seit 2022 bei Unfällen 35 Schwerverletzte und rund 100 Leichtverletzte weniger gezählt als noch vor zehn Jahren. Die Zahl der Unfälle sank von rund 550 pro Jahr auf rund 430.

Der Trend deckt sich auch in der Stärke mit einer ähnlichen Berechnung des Verkehrsministeriums. Die sinkende Zahl der Unfälle und Verletzten auf Stuttgarts Hauptstraßen könne man „vor allem auf die flächige Reduktion der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und die damit verbundene Verkehrsberuhigung zurückführen“, so eine Mitteilung des Ministeriums. Vor allem die von 2019/20 an für die Luftreinhaltung eingeführten Tempolimits waren demnach wirksam.

Auch für Fußgänger ist es sicherer geworden

Die von der Polizei erfassten Unfälle wurden unserer Redaktion samt Unfallart vom Statistischen Landesamt zur Verfügung gestellt. Ob mit vorausfahrenden, einbiegenden oder in die gleiche Richtung fahrenden Fahrzeugen – die Anzahl der Zusammenstöße auf den Hauptstraßen ging infolge der reduzierten Geschwindigkeit zurück. Auch gab es weniger Kollisionen mit Fußgängern. Nur die Zahl der Zusammenstöße mit anfahrenden oder parkenden Fahrzeugen nahm leicht zu.

Die gestiegene Sicherheit ist ein bisher wenig beachtetes Argument in der Diskussion um die Geschwindigkeitsobergrenzen im Stadtgebiet. Der Hintergrund ist ein von der Verwaltung zurückgehaltenes, gleichzeitig in einer Fachzeitschrift veröffentlichtes Gutachten zu Geschwindigkeitsobergrenzen im Stadtgebiet, das flächendeckend Tempo 30 vorschlägt. Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) hatte sich Anfang Februar in die Debatte eingeschaltet und per Pressemitteilung Tempo 50 als Regelgeschwindigkeit „auf leistungsfähigen Hauptverkehrs-, Landes- und Bundesstraßen“ gefordert.

Wo die bisherige Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern „vom Luftreinhalteplan motiviert war“, solle das Verkehrsministerium die Anordnung von Tempo 40 zurücknehmen. Das wiederum scheint von einer grundlegenden Sympathie für die früher erlaubten 50 Stundenkilometer auf Hauptstraßen getragen zu sein. Nopper argumentiert, dass nur so größere Mengen Autoverkehr gebündelt werden könnten. Wie so oft, wenn es um Autoverkehr geht, zeichnet sich ein Dissens zwischen dem Stuttgarter Rathaus und dem Landesverkehrsministerium ab.

„Tempo 40 in Stuttgart wurde eingeführt, um die Luft sauberer zu machen. Das hat funktioniert. Dass dabei deutlich weniger Menschen schwer verletzt werden, war die Hoffnung, aber nicht sicher. Die Zahlen zeigen einen deutlichen, tatsächlichen Rückgang der Schwerverletzten von fast zwei Drittel: Verkehrsberuhigung wirkt auf vielen Ebenen“, sagt der scheidende Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne).

Er warnt davor, das Rad zurückzudrehen. „Wenn jetzt die Maßnahmen für die Luftreinhaltung zurückgenommen werden, drohen Grenzwerte wieder gerissen zu werden und wieder mehr Menschen verletzt zu werden. Das kann die Stadtverwaltung bei künftigen Debatten nicht ausblenden.“ 

Hermann warnt vor Rückkehr zu Tempo 50

Hermann weist noch auf einen weiteren Aspekt hin. Das Ministerium hat die durch Unfälle verursachten Kosten über die Jahre hinweg verglichen. Als Referenzzeitraum zieht die Behörde die Jahre von 2011 bis 2013 heran, als es noch keine Restriktion auf Stuttgarts Straßen gegeben hat. In den Jahren 2016 bis 2018, nachdem auf Steigungsstrecken in der Landeshauptstadt nur noch 40 Kilometer in der Stunde zulässig waren, fielen nur noch 95,7 Prozent Unfallkosten im Vergleich zum Referenzzeitraum an. Zwischen 2022 und 2024 sank der Wert auf 43,1 Prozent als Tempo 40 auf allen Straßen im Kessel angeordnet wurde. „Die Unfallkosten haben sich mehr als halbiert“, sagt Hermann. Tempo 40 gilt aktuell flächendeckend auf Hauptstraßen im Talkessel und auf etlichen Hauptstraßen in den Außenbezirken:

Betrachtet man die Unfallentwicklung auf einzelnen Straßenabschnitten, zeigt sich insbesondere bei Ein- und Ausfallstraßen ein deutliches Bild. Auf der Cannstatter und Hauptstätter, Heilbronner und Pragstraße, der Neuen Weinsteige, Kräherwald- und Rotebühlstraße sank die Zahl der Unfälle. In der Friedrichstraße, der Konrad-Adenauer-Straße sowie auf einigen Tempo-40-Abschnitten in den Außenbezirken wurden 2022 bis 2024 dagegen mehr Unfälle registriert als 2016 bis 2018.

In Stuttgart sind weniger Autos unterwegs

Teilweise dürfte der Rückgang der Unfallzahlen auch dem zurückgehenden Verkehr auf Stuttgarts Straßen geschuldet sein. Seit dem Höchststand um die Jahrtausendwende sinken die Verkehrsmengen leicht; 2023 zählte die Verwaltung am Kesselrand gut zehn Prozent weniger Pkw als noch 2017. Der Rückgang der Leicht- und Schwerverletzten auf den Hauptstraßen ist prozentual allerdings doppelt so stark und kann nicht allein dem zurückgehenden Individualverkehr zugeschrieben werden.

Wie wir gerechnet haben

Straßennetz
Die Stadtverwaltung hat uns eine Datei mit allen Straßen Stuttgarts samt aktuell gültigem Tempolimit zur Verfügung gestellt. Für die Auswertung berücksichtigt wurden alle Straßen, auf denen Anfang März Tempo 40 galt. Eine exakte Zuordnung, wann auf welchem Abschnitt Tempo 40 eingeführt wurde, konnte die Verwaltung nicht zur Verfügung stellen.

Unfälle
Für diese Straßenabschnitte haben wir alle zwischen 2016 und 2024 erfassten Unfälle mit Personenschaden extrahiert. Diese hat das Statistische Landesamt zur Verfügung gestellt, basierend auf Daten der Polizei. Der Vergleich hat leichte Unschärfen, weil etwa Baustellen nicht berücksichtigt wurden.

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