Bachmannpreis Wunder der Verständigung
Die österreichische Autorin Natascha Gangl gewinnt in Klagenfurt den Bachmannpreis. Eindrücke von den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur.
Die österreichische Autorin Natascha Gangl gewinnt in Klagenfurt den Bachmannpreis. Eindrücke von den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur.
Vielleicht erst einmal ein paar Zahlen: Am Tag der Eröffnung der 49. Tage der deutschsprachigen Literatur, besser bekannt als Bachmannpreis, wäre die Namensgeberin 99 Jahre alt geworden und das Thermometer zeigt abends in Klagenfurt noch 39 Grad. Ingeborg Bachmann ist in diesem Jahr präsenter als sonst, nicht allein wegen der Zitate, mit denen sich Klagenfurt alljährlich herausputzt. „Nichts schöner unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“, lautet eines davon. Möglicherweise liegt es an den deliranten Temperaturen, dass man überall bekannte Gesichter zu erkennen glaubt; eine Fata Morgana deutscher Literaturgeschichte in Strohhüten, leichtem Leinenzeug oder kurzen Hosen, darunter viele frühere Bachmannpreisträger, deren Karriere hier einmal begonnen hat.
Aber dass ein Mann Ingeborg Bachmann geradezu verblüffend gleicht, ist keine Einbildung. Denn es ist der jüngere Bruder der vor einem halben Jahrhundert in Rom gestorbenen Dichterin, Heinz Bachmann. Aus gegebenen Anlass hat er sich unter das Literaturvölkchen gemischt, das sich im Garten rund um das ORF-Studio die heiße Luft der Stadt und mancher Eröffnungsreden zufächelt. Doch mehr als das drückende Sommerhoch lastet über dem Beginn das Gerücht, dass das Ganze zu einem Fall schöner Erinnerungen werden könnte, sobald die Magie der Zahlen um eine Stelle weiter rückt, und die 50. Ausgabe im nächsten Jahr Sparkommissaren den willkommenen Anlass böte, einen Schlusspunkt zu setzen.
Während der frühere Tennislehrer des FPÖ-Rechtshänders Jörg Haider, heute Bürgermeister der Stadt, sich knusperbraungebrannt durch die Referentenprosa seines Grußwortes kämpft, in dem das Wettlesen beworben wird, als wäre es ein internationales Sportevent, jagt der Sprecher der Jury, Klaus Kastberger, durch das seine, als wäre ihm der Kostendruck bereits dicht auf den Fersen. Und in der Tat ist schon einiges auf der Strecke geblieben, zum Beispiel der den Bachmanntagen vorgelagerte „Häschenkurs“, dessen Name wohl verzichtbar erscheinen mag, nicht aber die darunter befasste Talentförderung.
Kastberger kommt aus der seit kurzem FPÖ-geführten Steiermark, über kulturelle Belange entscheidet dort nun der Verleger eines rechtsextremen Verlags, in dessen Programm sich Titel finden wie „Hitler in Hell – was er uns noch zu sagen hätte“. Um „Endzeitfaschismus“ kreist denn auch die Klagenfurter-Rede zur Literatur der deutsch-iranischen Autorin Neva Ebrahimi, die allmähliche Verfertigung eines düsteren Zeitbildes beim Redenschreiben während dreier Tage im Mai: Trump, Klimawandel, Gaza-Krieg, der Tod Margot Friedländers. Betroffen starrt Ebrahimi, die Bachmannpreisträgerin von 2021, in die Abgründe der Gegenwart, um am Ende etwas sonntagsredenhaft darüber den luftigen Hoffnungssteg der Vorstellungskraft zu legen.
Vierzehn Autorinnen und Autoren passieren ihn während der drei Lesetage, um sich der Jury, die jemand einmal als charmantesten Gerichtshof Mitteleuropas bezeichnet hat, zu konfrontieren. Darunter ist der in Leonberg geborene promovierte Physiker Thomas Bissinger. Während seinem Studium in Stuttgart trug ihn die Lyrikwerkstatt der Uni über die Grenzen einer rein physikalischen Weltbetrachtung hinaus. Als Science-Slammer hat er schon die Quantentheorie bühnentauglich gemacht. Nun tritt er mit einem Text auf eine der wichtigsten Lesebühnen unserer Zeit, der die beiden Hälften seines Lebens zusammenführt: Eine Fusion von Literatur und Wissenschaft in Anwendung auf die tragische Familiengeschichte des Physikers Paul Ehrenberg. „Es schadet ja nichts, wenn man sich auf dem Gebiet derer auskennt, über die man schreibt“, sagt der Naturwissenschaftler, den es ins Reich der Zeichen verschlagen hat.
Thematisch bilden die Lesungen eine Art Resonanzraum für das Grundrauschen der Wirklichkeit: Metamorphosen des Sterbens, brüchige Familienarchitekturen, Gewalterfahrungen, non-binäre Zugehörigkeitskrisen, manche Erzählungen haben einen Sprung in der Schüssel, andere treiben hinter glänzenden Oberflächen die gähnende Leere kuratierter Lebenswelten hervor. Hier ahnt man schon nach dem ersten Absatz, worauf es hinausläuft, dort hat man noch am Schluss keinen blassen Schimmer.
„Fast eine Geschichte“ ist Almuttina Schmidts mit dem 3Sat-Preis prämierte Mietshaus-Studie überschrieben, gerade was den darin einquartierten Andeutungen zum Geschehen fehlt, macht sie geschichtswürdig – der Oberjuror Klaus Kastberger erwägt gar, ob der gemeinsame Aufbau von Fertigbaumöbeln künftig nicht ein eigenes Genre bilden könnte. Was Klagenfurt besonders macht, ist die Produktion von Bedeutsamkeit als Wechselspiel von ästhetischem Ereignis und kritischer Intervention. Wie in einem anatomischen Theater werden die Strukturen des literarischen Gewebes vor den Augen der schwitzenden Öffentlichkeit freigelegt: zuweilen in schmerzhaft schnittigen Analysen, dann wieder in kabarettreifen Spiegelfechtereien, etwa ob der Satz „Ich muss dringend aufs WC“ nun klischeebehaftet sei oder nicht. Er steht in Nora Osagiobares „Daughter Issues“ in der eine unter Reality-Trash und Drogen-Stupor begrabene Vater-Tochter-Beziehung gegen alle Konventionen umbesetzt wird: es muss nicht immer an den Vätern liegen. Dafür gibt es den Kelag-Preis.
All dies ist einen Wettbewerb wert. Aber es gibt Momente, die führen über Verfahren, Genres und Moden hinaus. Dann geht ein Raunen durch das Publikum und es vollzieht sich ein Wunder der Verständigung, selbst wenn man nur „Da Sta“ versteht. In Natascha Gangls Vortrag unter diesem kryptischen Titel ist das der Fall. Aus dem Zwischenraum von Buchstaben, lokalen Idiomen, Anagrammen, österreichischen Sprachspieltraditionen tritt das verdrängte SS-Massaker in einem steirischen Dorf ans Licht. „Da Sta“ ist ein Gedenkstein, in dem sich konkrete Poesie und Recherche in die Hände arbeiten, ein Text, der zum Leben erwacht, um an die Toten zu erinnern. Neben dem Bachmann-Preis erhält die aus der Steiermark stammende Autorin auch noch den Publikumspreis – eine Premiere.
Der Deutschlandfunkpreis geht an den in Russland geborenen und in Berlin lebenden Boris Schumatsky. In gleicher Evidenz wie Gangl macht er „Kindheitsbenzin“ zum Triebmittel für einen Transfer aus dem Exil nach Moskau, wo seine Mutter noch immer lebt. Die Muttersprache ist umstellt von der Sprache der Gewalt des Putin-Regimes, die deutsche Fremdsprache wird zum Vehikel einer imaginierten Reise zurück. Über Klagenfurt liegt bisweilen der Verdacht, eines im eigenen Saft schmorenden Literaturbetriebs. Texte wie diese aber zeigen, wie unmittelbar Sprache elementare Lebensangelegenheiten berührt.
Und was hätte Ingeborg Bachmann davon gehalten? Ihr Bruder hat die Lesungen aufmerksam verfolgt. Der Mut, junger Autorinnen und Autoren, Neues zu schaffen und dem kritischen Urteil auszusetzen, hätte sie begeistert, sagt der 86-Jährige: „Keine neue Welt ohne neue Sprache“.
Nach vielen Jahren der Verzögerung ist aus dem Haus, in dem sie prägende Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat, ein Museum geworden. Die Henselstraße 26 liegt in einer ruhigen Wohngegend, etwas abseits vom Zentrum, eingefasst von stillen Einfamilienhausidyllen, Planschbecken in den Vorgärten. Bei der Eröffnung lernt man auch noch die Schwester Isolde kennen. An der Hand ihres Sohnes tastet sich die alte Dame durch einen Parcours der Erinnerungen, gesäumt von Möbeln, Einrichtungsstücken, Kleidern, Geschirr – Kindheitsbenzin. Hier stand das Bett, dort der Esstisch, sagt sie leise. Vitrinen und Schaukästen voller Autografen, Briefen, Theatertickets, Fotografien dokumentieren den Lebensweg der Dichterin. Unter dem Dach steht das Klavier, an dem ihre musikalische Karriere scheiterte, zugunsten der Literatur. Gegenüber der Schreibtisch, an dem ihr epochales Werk entstand.
Doch so schön die langsame Heimkehr Ingeborg Bachmanns an den Ort ihrer Herkunft ist – so bedrohlich wäre es, würde das lebendige, unruhige Erbe der in ihrem Namen veranstalteten alljährlichen Literaturvergegenwärtigung irgendwann in Musealisierung erlöschen.