Bahnhofsareal in Ditzingen Fest für das 36 Millionen Euro teure Projekt
Nach sechs Jahren Bauzeit wird das Ditzinger Bahnhofsquartier offiziell seiner Bestimmung übergeben. Die dichte, hohe Bebauung macht die Stadt urbaner. Nicht jedem gefällt das.
Nach sechs Jahren Bauzeit wird das Ditzinger Bahnhofsquartier offiziell seiner Bestimmung übergeben. Die dichte, hohe Bebauung macht die Stadt urbaner. Nicht jedem gefällt das.
Der Mittwoch ist ein Feiertag gewesen für die Stadt Ditzingen und für den Investor, die Real I.S.. Schließlich wurde das Bahnhofsareal in Ditzingen offiziell seiner Bestimmung übergeben. Rund 36 Millionen Euro haben Stadt und Investor in die Umgestaltung des Areals gesteckt. Für den Investor formulierte Senior Director Johannes Büchlmeir den Wunsch, es möge ein Ort der Begegnung, der Innovation, der Freundschaft werden, kurzum „ein gutes Lebensgefühl entstehen, das wäre schön für alle“.
Der Ditzinger Bahnhof liegt inmitten einer 40 Fußballfelder großen Fläche, die neu gestaltet wird. Der Bahnhof sowie das sich daran anschließende Gewerbegebiet Süd sollen nach der Umgestaltung den Ansprüchen der nächsten Jahrzehnte genügen. Ein Teil der Gesamtfläche machen die rund 6000 Quadratmeter rund um den Bahnhof aus. Auf diesem Gelände sind Flächen für Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Einzelhandel geschaffen worden. Die Gespräche mit potenziellen Mietern der noch freien Gewerbeflächen würden – unter anderem mit einem Unternehmen der Finanzbranche – geführt, die Wohnungen seien alle vermietet, sagt Johannes Büchlmeir.
„Wir sind zufrieden, was hier entstanden ist“, sagte der Oberbürgermeister Michael Makurath am Mittwoch. Er verwies auf die Scharnierfunktion hin, die das Areal für die Stadt hat. Es verbindet das Gewerbegebiet und seine rund 13 000 Arbeitsplätze mit dem ursprünglichen Dorf sowie dem merkantilen Zentrum der Stadt. Wie Büchlmeir hob auch Makurath den Mix von Arbeiten, Wohnen und Leben hervor. Die Architektur sei zwar streitbar, so Makurath, aber das bedeute auch, dass sie wahrgenommen werde. Und wenn sie wahrgenommen werde, „hat sie ihren Zweck erfüllt“. Den angrenzenden Wohnturm – dessen Höhe ebenfalls Diskussionen im Ort provoziert – machte Makurath in seinem Grußwort scherzhaft zum „schlanken Uli“, einem Gebäude mit Charme „trotz der schwarzen Applikationen“. Der parteilose OB verband mit diesen Worten seinen Dank an Baubürgermeister Ulrich Bahmer (CDU).
Die Stadt steckt sechs Millionen Euro in den zweiten Bauabschnitt – in den Zugang zur Unterführung, den Platz vor dem denkmalgeschützten ehemaligen Empfangsgebäude mit WC-Anlage und den Quartiersplatz auf der Tiefgarage. Derzeit wird die Stuttgarter Straße saniert und ist deshalb gesperrt. Zum Leidwesen von Epifanio Cardelia. Der Betreiber des italienischen Restaurants Mi’O klagt, er sei von der Baustelle umzingelt. „Seitdem ist es etwas ruhiger geworden“, berichtet er. Bislang sei die Lokalität rammelvoll gewesen – nun verzeichne er 30 bis 40 Prozent weniger Kundschaft. Die Leute würden eigentlich gern kommen wollen, „aber es ist ihnen zu stressig und zu umständlich“.
Das größte Problem sei das erschwerte Parken. Gerade die vielen Gäste von außerhalb, die sich in Ditzingen nicht gut auskennen, schrecke die Baustelle ab. Und wer kommt, setzt sich offenbar ungern auf die Terrasse mit bis zu 60 Plätzen. Die habe er gerade eröffnet – da habe die Sanierung begonnen. „Das ist ein schwerer Rückschlag“, sagt Cardelia, der von einer „toten Ecke“ spricht. Insgesamt seien die Freiflächen sehr gelungen, findet der Gastronom. Im Moment könne seine Terrasse aber wenig dazu beitragen, das Bahnhofsareal populärer und lukrativer zu gestalten. Die finanziellen Einbußen kann Epifanio Cardelia verkraften, wie er sagt. All seine Pläne – wie das Mi’O ganztags zu öffnen oder die Karte zu überarbeiten –, legt er nun jedoch vorerst auf Eis. „Wir halten jetzt erst mal die Füße still.“
Die Stadtverwaltung bedauert die Lage des Gastwirts. „Es ist traurig, wenn ein Gewerbetreibender Einschränkungen verspürt“, sagt der Rathaussprecher Michael Geyer. Er betont aber zugleich, dass es auch vor der Baustelle keine Parkplätze direkt am Restaurant gegeben habe. Grundsätzlich habe es rund um den Bahnhof, in der Ortsmitte, genug – und preiswerte – Parkmöglichkeiten. „Man muss sich halt orientieren können“, so Geyer, der auch die Unternehmer in der Verantwortung sieht, ihre Kundschaft über Parkplätze zu informieren.
Der Oberbürgermeister Makurath spricht von einem Zielkonflikt am Bahnhof. Der Gemeinderat hat das Areal zum zentralen Omnibusbahnhof gemacht, um den öffentlichen Personennahverkehr zu stärken, entsprechend dem erklärten Ziel, den individuellen Autoverkehr zu reduzieren.
Die Kunden des benachbarten Fitnessstudios Point sind offenbar eher bereit, kurze Fußwege in Kauf zu nehmen. Parken sei immer ein Thema, sagt der Geschäftsführer Jürgen Steigele. Kundschaft bleibe in Ditzingen deswegen allerdings nicht aus.
Die Stadt versucht laut dem Sprecher, den Bauablauf so schnell und effizient wie möglich zu gestalten. Die Betroffenen würden immer rechtzeitig über Arbeiten informiert. „Man hätte sich darauf einstellen können.“ Die Arbeiten vor dem Mi’O sind wohl bis Ende der Sommerferien beendet, der Gesamtbereich Stuttgarter und Gerlinger Straße ist bis voraussichtlich Jahresende fertig saniert.
Ursprünglich war geplant, die Gebäude erst nach Fertigstellung des Areals zu beziehen. Allerdings hatten sich die Hochbauarbeiten verzögert, sodass die Arbeiten beim Einzug der Mieter noch nicht abgeschlossen waren. Die Arbeiten waren im Jahr 2018 begonnen worden. Hätte man gewusst, was in dieser Zeit alles passieren würde, sei ihnen vielleicht abgeraten worden, sagte der Architekt Thomas Weinig von den BWK Architekten mit Bezug unter anderem auf Corona und Lieferengpässe in der Baubranche. „In Vergleich zu Stuttgart 21 sind wir doch relativ flott unterwegs.“