Wer auf die Eisenbahn in Deutschland angewiesen ist und mit ihr reisen möchte, erlebt schon länger am eigenen Leib, zu welchen Verhältnissen ein über die Jahre vernachlässigtes Netz führt – und dass das Beheben der Misere mittels massiver und milliardenschwerer Bautätigkeit die Zuverlässigkeit des Systems Bahn noch weiter in die Knie gehen lässt.
Kurioserweise profitieren hingegen Bahnreisende aus der Region Stuttgart im Herbst vorübergehend von eben diesen ausgedehnten Sanierungsarbeiten in einer anderen Ecke der Republik. Des einen Leid ist des anderen Freud: während der Generalsanierung der Bahnstrecke zwischen Regensburg und Passau müsse die ICE-Linie über Passau vollständig entfallen, erklärt ein Bahnsprecher auf Anfrage.
Die Linie, die regulär in Wien endet, fährt wegen der Bauarbeiten nicht durch das nordöstliche Bayern sondern nach Stuttgart. Die ICE-Züge 1214 und 1215, die täglich zwischen Deutschland und Österreich pendeln, werden bereits vom 14. Juni an nach München umgeleitet. „Ab Oktober kommen weitere Baumaßnahmen in anderen Teilen Deutschlands hinzu, wodurch bundesweit Fahrzeugumläufe angepasst werden müssen. In diesem Zusammenhang wird das Zugpaar ICE 1214/1215 über München hinaus bis Stuttgart temporär verlängert“, sagt der Bahnsprecher.
Vierte umsteigefreie Verbindung zwischen Stuttgart und Wien
Auf diese Weise kommt Stuttgart vorübergehend in den Genuss einer weiteren umsteigefreien Verbindung nach Wien – mit ICE-Zügen. Seit Dezember 2024 bietet die private österreichische Westbahn zwei tägliche Verbindungen zwischen Stuttgart und Wien an. Hinzu kommt der Nachtzug, der auf seinem Weg von Stuttgart nach Budapest auch eine frühmorgendliche Ankunft in der österreichischen Hauptstadt ermöglicht.
Dass die ICE-Verbindung Stuttgart-Wien entgegen ihres Namens mit mehr als acht Stunden eine recht lange Fahrzeit bietet, liegt an den Begleitumständen, so der Bahnsprecher. Er führt unter anderem die durch die Baukonzepte verlängerte Reisezeit zwischen Salzburg und München ins Feld. Auch eine längere Standzeit im Münchner Hauptbahnhof um einen Zugteil ab- beziehungsweise anzuhängen, wirkt sich nachteilig auf die Reisezeit aus. Und anders als die Westbahn sind die Wien-ICEs zwischen Stuttgart und Ulm auf der langsameren Altbaustrecke durchs Filstal unterwegs. Inwieweit auch die konkurrierende Westbahn, die zwischen Stuttgart und Wien lediglich etwas mehr als sechseinhalb Stunden unterwegs ist, von den Baustellen ausgebremst wird, ist noch unklar.
Die Züge starten jeweils um 8.36 Uhr in Stuttgart und kommen um 16.47 Uhr in Wien an. Der Gegenzug geht um 11.13 Uhr in Wien auf die Reise und erreicht Stuttgart um 19.27 Uhr. Allerdings endet das Angebot auch schon wieder Mitte Dezember, wenn am 12. Dezember die Sanierung zwischen Regensburg und Passau abgeschlossen ist. Dann kehren die Züge wieder auf ihren regulären Laufweg zurück – und lassen Stuttgart links liegen.