Baumbestattung in Leinfelden Letzte Ruhe unterm Blätterdach

Nur ein kleines Schild am Baum weist auf das Urnengrab zwischen den Baumwurzeln hin – denn Grabschmuck ist verboten. Foto: /Veronika Andreas

Immer mehr Menschen wünschen sich eine Baumbestattung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Weil die Kapazitäten langsam knapp werden, hat die Stadt Leinfelden-Echterdingen ihr Angebot erweitert.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Leinfelden-Echterdingen - Kein Grabschmuck, keine Blumen, keine Kerzen: Im Hochwald des Waldfriedhofs in Leinfelden soll der natürliche Waldcharakter erhalten bleiben. Nur ein kleines Namensschildchen am Baum deutet darauf hin, dass zwischen den Baumwurzeln ein Mensch begraben liegt. Die Grabpflege übernimmt Mutter Natur mit Laub, Moos, Blumen oder Schnee. Am Gedenktag toleriere man mal ein Blumengesteck oder ein Lichtlein, aber sonst würden die Sachen von Friedhofsmitarbeitern weggeräumt, erklärt Torsten Specht vom Grünflächenamt der Stadt Leinfelden-Echterdingen.

 

Rund 350 Bäume stehen im Hochwaldbereich des Waldfriedhofs. „Vorwiegend sind es Eichen und Buchen“, sagt der 48-Jährige, der unter anderem für die Außenanlagen der Friedhöfe zuständig ist. Es stehen aber auch Kiefern, Lärchen und wenige Ahornbäume in dem Wäldchen. „Wir gehen davon aus, dass der Baumbestand ein Alter von etwa 80 bis 120 Jahren aufweist. Zudem stehen auch noch zahlreiche jüngere Bäume hier, die den Altbestand ergänzen“, erklärt Specht. Am beliebtesten seien die Eichen, sagt der Baumexperte. Er vermutet, weil sie so alt werden können.

Alternative Bestattungsformen sind im Trend

Seit 2006 gibt es die Baumbestattungen auf dem Waldfriedhof in Leinfelden. „Baumgräber sind Urnenwahlgräber, die schon zu Lebzeiten für eine Nutzungsdauer von 25 Jahren erworben werden können“, erklärt der Diplom-Ingenieur für Landespflege. Man kann sich seinen Baum also sogar selbst aussuchen. Pro Baum kann meist je Himmelsrichtung ein Grab gekauft werden, in dem bis zu vier Urnen Platz finden können.

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Bei einer Baumbestattung wird die Asche der verstorbenen Person in einer Urne neben den Wurzeln eines Baumes beigesetzt. Die Urnen werden in einer Tiefe von etwa 60 bis 80 Zentimetern vergraben. Gärtner achten darauf, dass die Urnen so zwischen die Wurzeln gelegt werden, dass der Baum keinen Schaden nimmt. Die Friedhofsverwaltung bringt dann die kleinen Schildchen mit dem Namen des Verstorbenen an. Rund 3500 Euro kostet es, am Fuß eines Baumes begraben zu werden.

Von den 750 möglichen Baumgräbern auf dem Waldfriedhof in Leinfelden sind bereits 690 belegt. Pro Jahr wünschten sich etwa 40 Menschen eine Baumbestattung, sagt der 48-Jährige. „Es ist ein endliches Angebot“, sagt Specht, „irgendwann ist der Wald eben ausgeschöpft.“ Deshalb habe man auf dem Waldfriedhof in Stetten ein alternatives Angebot erschaffen und einen Baumhain gestaltet. Auf einem Rasen sind Bäume gepflanzt, um die ringförmig Urnenbeisetzungen möglich sind. Ein graviertes Metallblatt erinnert an den Verstorbenen.

Verbundenheit zur Natur zählt

Die Pflege der Baumgräber übernehmen Mitarbeiter des Grünflächenamts. Sie entfernen Totholz, damit keine Äste auf den Boden fallen. „Bei den letzten Stürmen sind wir gut davongekommen“, sagt Torsten Specht. Damit die Verkehrssicherheit gewährleistet wird, wirft auch der Baumkontrolleur regelmäßig seinen geschulten Blick auf die Bäume. Zudem kümmern sich Gärtner um die Kronenpflege, entfernen kranke Bäume und pflanzen dafür neue. Außerdem kümmern sie sich darum, dass sich keine Schädlinge wie beispielsweise Eichenprozessionsspinner auf den Bäumen ansiedeln, die für Menschen zur Gefahr werden können.

Wandel der Bestattungskultur

Die Beisetzung unter einem Baum wurde in den vergangenen Jahren immer beliebter. Laut einer Studie der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas von 2019 liegt der Wunsch nach einer Baumbestattung deutschlandweit mit 19 Prozent inzwischen auf Platz zwei der bevorzugten Bestattungsarten. Nur die pflegefreie Beisetzungsform auf einem Friedhof ist mit 21 Prozent bei den Befragten beliebter. Torsten Specht vermutet, dass viele Bürger auch nach dem Tod mit der Natur verbunden sein wollen. Außerdem wollten viele Menschen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen und suchten sich daher ein Grab mit geringem Pflegeaufwand. So müssen die Hinterbliebenen keine Grabpflege leisten und haben dennoch einen Ort der Trauer, den sie aufsuchen können.

Auch Filderstadt hat auf den Trend zum Baumgrab reagiert und ihr Angebot auf den Friedhöfen ausgeweitet. Mittlerweile ist dort auf allen sechs Friedhöfen in den verschiedenen Stadtteilen eine Baumbestattung möglich. Zudem werden Bestattungen in Stuttgart zwischen den Wurzeln eines Baumes auf dem Waldfriedhof und dem Neuen Friedhof in Degerloch, dem Buchrain-Friedhof in Vaihingen und auf dem Ostfilderfriedhof in Sillenbuch angeboten.

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