Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe veröffentlicht einen Abrisskalender mit verunglückten Eigenheimen – Stuttgart ist dabei. Ein Gespräch über die Lust auf Säulen und Kunstrasen.
Frau Fröbe, Sie sind seit vielen Jahren nicht nur in Deutschland unterwegs und dokumentieren missglückte Fassaden, Schottergärten und Anbauten vor allem in Wohnsiedlungen. Sind sie es nicht leid, diese oft peinlichen, manchmal ärgerlichen Bausünden zu sammeln?
Nein, überhaupt nicht. Ich sammle seit 25 Jahren Bausünden, halte sie fotografisch fest, dieses Thema lässt mich einfach nicht los. Ich neige normalerweise dazu, mich sehr schnell zu langweilen. Doch bei den Bausünden ist das völlig anders. Es sind bisher schon fünf Abrisskalender erschienen. Und jedes Mal begegnet mir etwas, das mich zum Weitermachen motiviert hat.
Was hat sie dieses Mal inspiriert?
Das Schlüsselbild, das mich in diesem Kalender dazu motiviert hat, weiter zu sammeln, sind die meterhohen Gummistiefel, die ich in einem Garten in Oberursel entdeckt habe – zu finden am 6. und 7. Oktober. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass mich die originellen Bausünden im Moment besser unterhalten als der Rest unserer gegenwärtigen Baukultur, die ich als überaus langweilig empfinde.
Erneut hat die Bausünden-Expertin Turit Fröbe (54) 365 bauliche Entgleisungen aufgespürt und in einem Jahreskalender zum Abriss freigegeben. Foto: Philip Birau
Sie unterscheiden also zwischen liebenswerten und nervigen Bausünden?
Ja, so könnte man es ausdrücken. Ich werfe einen liebevollen Blick auf den Gestaltungswillen der Menschen. Das vermeintlich Hässliche verliert seinen Schrecken dadurch, dass man es betrachtet. Außergewöhnliche Übertreibungen bei der Farbwahl des Außenanstrichs, bunte Dachschindeln, riesige Auffahrten, alles, was den gängigen Geschmackskanon sprengt und bei dessen Anblick sich im Grunde jeder an den Kopf fasst, ist eine gute Bausünde. Darüber kann man sprechen, und natürlich auch lachen. Konformismus hingegen erzeugt Langeweile, und davon haben wir viel zu viel in unserer Alltagsarchitektur.
Welche Moden haben Sie dieses Mal in unserer gebauten Umgebung festgemacht?
Ich sehe eine gewisse Tendenz zur Abschottung. Ich habe ja schon geunkt, dass es möglicherweise der letzte Abrisskalender sein wird.
Warum das denn?
Weil es tatsächlich sein könnte, dass man demnächst gar nichts mehr sehen kann von den Gärten. Vor Jahren gab es diese Phase, als man die Gärten vor den Eigenheimen eher offen gelassen hat für die Blicke der Nachbarn und Passanten. Da wollte man sein Heim präsentieren, den arrangierten Gartenschmuck, die Zwerge, die Springbrunnen – diese Dekoration der Außenanlage war tendenziell zur Straße ausgerichtet, nicht zum Haus. Anders heute: der Trend geht zu sehr hohen Umfriedungen, massiven Betonzäunen und überdimensionierten Gabionen.
Definitiv kein Trend. Dafür der Mähroboter, der leise seine Arbeit verrichtet, falls das Grundstück nicht geschottert und versiegelt ist. Also, ich sehe weiterhin eine erhebliche Angst vor der Natur. Und nicht zu vergessen, der neueste Schrei: Kunstrasen! Unglaublich. In meinem neuen Abrisskalender gibt es eine ganze Bildstrecke davon.
Die ewige Mode, das sind funktionslose Türmchen, Erker und Säulen. Welche Sehnsüchte kommen hier zum Ausdruck?
Ich nenne das die Schlösschen-Architektur: Viele Einfamilienhäuser wären gern ein Schloss, oder wenigstens eine Villa. Die Säule gilt in der Architekturgeschichte als eine verfestigte Würde-Formel, damit geht der Wunsch nach einer Veredelung der eigenen Existenz einher. Die Säule ist für alle Bautypen erhältlich, die kann vor jedes Haus gesetzt werden, ob sie nun passt oder nicht. Und wenn es gar nicht mehr geht, wird sie als Pseudo-Ruine in den Vorgarten gestellt.
Der Baumarkt ist der größte Konkurrent des Architekturbüros. Wäre unsere gebaute Umgebung besser, wenn die Deutschen endlich mehr den Architekten als den Baumärkten vertrauen würden?
Müsste nicht ihr Abrisskalender Schulstoff werden?
Da sprechen Sie mir aus der Seele. Kinder müssten schon in der Schule für Baukultur sensibilisiert werden. Das ist ja meine eigentliche Berufung – ich bin als Baukulturvermittlerin tätig, setze mich mit meiner STADTDENKEREI auf theoretischer, praktischer und politischer Ebene dafür ein, dass sich die baukulturelle Allgemeinbildung in der Gesellschaft verbessert. Nun bin ich gerade im Begriff mit einem neuen Projekt an den Start zu gehen. Ich baue gerade eine Online-Akademie für Baukulturelle Bildung auf, um das Thema in die Fläche zu bringen.
Das scheint bitter nötig. Denn gute Architektur ist weiterhin selten, oder?
Ja. Ich finde meine Bausünden zufällig. In den vergangenen Abrisskalendern habe ich auf diese Weise rund 1800 Bausünden dokumentiert, dasselbe wäre mir aber mit gelungener Architektur nie und nimmer gelungen, vor allem nicht in einer typisch deutschen Wohnsiedlung. Das ist ein echtes Drama.
Sie haben dieses Mal auch einige Geschäfts- und Bürogebäude in den Fokus genommen. In der Stuttgarter Innenstadt fanden Sie die Fassadengestaltung eines prominenten Gebäudes in der Lautenschlager Straße.
Ja, der Blendschutz an den Fenstern weist so eine Knitteroptik auf. Als hätte der Architekt während der Arbeit eine bessere Idee zu Papier gebracht und sie zerknüllt, weil der Investor sie nicht haben wollte. Und das ist dann die Rache dafür.
Das Schöne sind Ihre witzigen Bildunterschriften. Trotzdem: Langweilige Büroarchitektur verschandelt unsere Städte, macht sie gesichtslos, keine Frage. Ein anderes Problem, das ist nicht die Banalität, sondern die Reizüberflutung in den Innenstädten: Nagelstudios, Tattooshops und Imbiss-Lokale dominieren mit ihrer aggressiven Werbung und Beschilderung. Da kann die beste Architektur nichts ausrichten.
Ja, das wirkt trashig. Das könnte aber jede Stadt regulieren. Und dafür gibt es auch gute Konzepte. Die Stadt Münster etwa hat sich ein kluges Werbekonzept ausgedacht und umgesetzt, und das zeigt positive Wirkung. Anderswo geht man einfach weiterhin brutal mit der Bausubstanz um, das ist und bleibt leider so, befürchte ich. Auch das ist die Folge dieser von mir kritisierten fehlenden baukulturellen Bildung.
Info
Der Fotokalender Turit Fröbe: Der Abrisskalender 2026. 365 Bausünden zum Abreißen. DuMont, 368 Seiten, 19 Euro
Das Engagement Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe will, dass sich die baukulturelle Allgemeinbildung in der Gesellschaft verbessert. Mit ihrer STADTDENKEREI bietet sie Aufwertungs- und Aktivierungsstrategien an. Mit der demnächst startenden Online-Akademie „BB.O – Baukulturelle Bildung.Online“ will sie noch mehr Menschen erreichen. Näheres unter die-stadtdenkerei.de