Begeisterte Menschenmassen 1929 landet ein Zeppelin in Böblingen: „Majestätisch senkt sich das Schiff“
Am 3. November 1929 landet auf dem damaligen Flughafen in Böblingen ein Zeppelin. Ein Spektakel, das viele tausend Zuschauer anlockte.
Am 3. November 1929 landet auf dem damaligen Flughafen in Böblingen ein Zeppelin. Ein Spektakel, das viele tausend Zuschauer anlockte.
Der Traum vom Fliegen, er begleitet die Menschheit von Anbeginn an. Die Faszination für alles, was von der Erde abhebt, besteht heute noch genauso wie vor hundert Jahren. Zeppeline bringen die Menschen besonders zum Staunen, vielleicht, weil sie wie überirdische, riesengroße Luftungeheuer still und majestätisch über uns hinweg zu schweben scheinen.
Kein Wunder also, dass die Landung des Luftschiffs LZ 127 „Graf Zeppelin“ auf dem Stuttgarter Flughafen, der damals in Böblingen verortet war, für große Aufregung sorgt. Geplant ist die Fahrt von Friedrichshafen nach Böblingen ursprünglich für den 20. Oktober 1929, muss allerdings aufgrund schlechter Wetterverhältnisse kurzfristig abgesagt werden – zum Leidwesen vieler Wirte und Händler, die auf großen Mengen an Essen und Trinken sitzen bleiben.
Dass die Landung den Status eines Volksfests besitzt, geht aus einer Anzeige hervor, die der Wirt „Hans Bähr und Frau“ am Vortag des anvisierten Termins in einer lokalen Zeitung schaltet. Darin steht: „An der Böblinger Allee gegenüber dem Gaswerk habe ich für den morgigen Sonntag ein Bierzelt errichtet und bringe das anerkannt gute Bier aus der Lammbrauerei Schlanderer hier zum Ausschank. Zur Unterhaltung meiner werten Gäste wurde die Musikkapelle Sindelfingen verpflichtet, welche mit ihren Weisen von 9.30 bis 16 Uhr für gemütliche Stimmung sorgen wird.“
Als Ersatztermin für die Landung des Zeppelins wird schließlich der 3. November 1929 auserkoren. Bundesweit sorgt das Ereignis für Schlagzeilen, sogar die Hamburger Nachrichten berichten darüber. Zwar ist das Wetter erneut nicht optimal, doch der Böblinger Bote zitiert den Regierungsrat Biser mit den Worten: „Schon einmal haben wir die Böblinger reinfallen lassen müssen. Diesmal muß es gemacht werden.“ Der Entschluss sei gefasst: „,Graf Zeppelin‘ kommt.“
Weiter wird im Böblinger Boten beschrieben, wie am 3. November Menschenmassen nach Böblingen strömen. Sonderzüge seien angefahren, „Auto um Auto herangerollt“ und Menschen „Kopf bei Kopf“ bis nach Sindelfingen gestanden. Dann, um 12.15 Uhr, ist es soweit: „Graf Zeppelin“ stößt durch die niedrig hängende Wolkendecke, umkreist von vier Flugzeugen. „Von den Tausenden und Abertausenden mit Jubel begrüßt, umkreiste das Luftschiff im langsamen Flug das Flugplatzgelände und stattete sodann der Stadt selbst in einem längeren Schleifenflug einen Besuch ab“, schreibt der Böblinger Bote. Nach kurzer Zeit kehrt es zurück, um einen Landeversuch zu unternehmen. Dieser gelingt offenbar zunächst nicht, das Luftschiff muss den Flugplatz nochmals verlassen und aus entgegengesetzter Richtung zur Landung ansetzen.
Im Bericht heißt es: „Graf Zeppelin weiß nun, was er zu tun hat, und verschwindet nach einer großen Schleife wieder im Nebel. Bald ist er wieder da. Tiefer. Landeflagge unterm Bug. Nase tief. Wasserballast ergießt sich aus dem Heck. Halt über dem Landekreuz. Nur links rollen noch die Motoren. Alles denkt: Aha! Aber das Durchsacken ist bei dem Wind noch nicht möglich. Noch einmal eine Runde. Wieder über dem Platz. Noch tiefer als vorher. Die Motoren schweigen. Vorn fallen die Haltetaue. Die Wassergüsse werden stärker. Ein letzter gemeinsamer Choral aller Motoren, daß die Hülle über dem Gerippe schwingt. Dann lautlose Stille. Langsam, majestätisch – man muß diese Wort gebrauchen – senkt sich das Schiff. Stramme Fäuste greifen in die Leitstange unten an der großen Kabine und Punkt 12.58 Uhr berührt der Prellsack der Führerkabine den Boden.“
Der Zeppelin steht weit weg vom Publikum und wird deshalb näher herangebracht. Es sei seltsam und fast unheimlich gewesen, wie sich „das Ungetüm“ von den Polizisten habe führen lassen, schreibt der Redakteur. Dann steigen Kapitän von Schiller und der Steuermann aus; Passagiere winken aus den Fenstern, bevor auch sie das Luftschiff verlassen. Für jeden, der aussteigt, muss ein Polizist einsteigen, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt. Dann werden Reden gehalten. Anschließend versammeln sich die Zeppelinfahrer mit den Vertretern der Regierung und der Stadt zu einem Mittagessen im Flughafenrestaurant, wohin die Stadtverwaltung Stuttgart sie einlädt. Außen drängt sich derweil die Menge und die Polizei hat Mühe, die Begeisterung „und auch das Drängeleibedürfnis“ in Schranken zu halten. Im Großen und Ganzen habe sich die Menschenmenge aber „verhältnismäßig recht manierlich“ benommen, urteilt der Redakteur.
Um 15.24 Uhr wird die Rückreise angetreten. Der Böblinger Bote schreibt: „Unter Abschiedswinken der Zurückbleibenden erhob sich ,Graf Zeppelin‘ wieder in die Lüfte, nahm sofort nördlichen Kurs und entschwand bald in einer niedrig hängenden grauen Wolkendecke.“ Um 17.03 Uhr erreicht „Graf Zeppelin“ Friedrichshafen.
Aufstieg
Zeppeline standen für technologischen Fortschritt und legten den Grundstein für die moderne Luftfahrt. Sie flogen über Kontinente und transportierten Passagiere und Fracht; Reisen mit ihnen waren sinnbildlich für Luxus und Abenteuer.
Sinkflug
Nach 1933 nutzten die Nationalsozialisten die beeindruckende Wirkung der Zeppeline zu Propagandazwecken. Der Absturz des Zeppelins „Hindenburg“ 1937 nahe New York beendete die Ära der Passagier-Luftschifffahrt, trug aber auch zum Mythos der Zeppeline bei.
Graf Zeppelin
Das Luftschiff wurde am 18. September 1928 nach 21-monatiger Bauzeit in Betrieb genommen. Es war 237 Meter lang, hatte einen Durchmesser von 30,5 Metern und ein Volumen von 105 000 Kubikmetern. Nach der Hindenburg-Katastrophe wurde der Zeppelin außer Dienst gestellt und 1940 verschrottet.