Universalsport „Beim Wandern vergessen wir den Alltag“

, aktualisiert am 02.06.2026 - 13:00 Uhr
Der Spießnägel in den Tiroler Alpen: Nach 832 Höhenmetern durch die unberührte Landschaft ist das Gipfelkreuz erreicht. Foto:  

Freizeitspaß und Sport in einem: Wandern kann glücklich machen. Lesen Sie hier, wie es sich auf unser Wohlbefinden auswirkt und wie man Wandermuffel auf den Weg bekommt.

Freizeit und Unterhaltung: Dominika Bulwicka-Walz (dbw)

Drei Tage wandern liegen hinter mir. Drei Tage Stille, Ruhe und eine Landschaft, die Meditation für die Augen ist. Der Geist entspannt, der Körper arbeitet, um den Berggipfel zu erreichen und löst regelrecht ein Glücksgefühl aus. Hätte mir früher jemand gesagt, ich würde mal gerne wandern, ich hätte schallend gelacht. Und nun, ich gebe offen und ehrlich zu, ich habe mich dem Breitensport Wandern angeschlossen und mache es leidenschaftlich gerne. Doch was ist es, das diese Art der Bewegung altersübergreifend so beliebt macht?

 

„Wandern ist ein Naturerlebnis bei Wind und Wetter und zu allen Jahreszeiten“, erläutert Karin Kunz. Sie ist beim Schwäbischen Albverein für den Bereich Wandern zuständig. Auf die Frage, warum Menschen gerne wandern, sieht sie drei Punkte an vorderster Stelle: den Stressabbau, den Alltag vorübergehend zu vergessen und die Achtsamkeit. Gefolgt vom Genussfaktor: „Man ist beim Wandern auf das Erleben fixiert. Der Aussichtsturm, den man anschauen will oder das Picknick, das noch ansteht“, schwärmt Kunz.

Alle Muskeln arbeiten beim Wandern

Doch obwohl Wandern beliebt ist, haftet ihm immer noch das Bild eines längeren Spaziergangs an. Dass dieser Sport hochkomplexe Bewegungsabläufe erfordert, können sich viele zunächst nicht vorstellen. Dabei arbeiten wir „aktiv an unserer Trittsicherheit, um nicht bei jeder Unebenheit unter dem Schuh hinzufallen. Wir müssen zur Seite schauen und dennoch weiter gehen können. Eine Kunst, die wir im Alltag immer mehr verlernen“, wie Katja Weber, Physiotherapeutin und Dozentin am IB Süd e.V. aus ihrer beruflichen Erfahrung berichtet.

Wandern sei ein Ganzkörpertraining, das alle Partien des Körpers stärkt. Als Beispiel: Beim Auf- oder Abstieg muss sich der Oberkörper im richtigen Winkel zum Berg befinden. Das erfordert eine gute Rumpfstabilität und die Bewegung trainiert Bauchmuskeln sowie den Rückenstrecker, also den großen Rückenmuskel, der dafür verantwortlich ist, dass wir aufrecht gehen. Die Oberschenkel- und Wadenmuskeln sind durchgehend im Einsatz und sogar die Kopfmuskulatur leiste ihren Teil.


Glücksgefühle beim Wandern

Ferner tue das Wandern der Psyche gut: Nach einer Weile kann sich ein regelrechtes Glücksgefühl einstellen. „Wenn wir in der Natur sind, produziert unser Körper das benötigte Vitamin D. Wir sehen, was um uns blüht, elektronische Geräte sind zweitrangig und der Geist kommt zur Ruhe“, erklärt Katja Weber. Doch das ist nicht alles. Fehlt die Ablenkung durch elektronische Medien, lässt das die menschlichen Sinne wieder aktiver werden. Im Alltag werden diese geschwächt aufgrund zahlreicher Reize aus der Umgebung.

Beim Wandern jedoch muss man sich voll und ganz auf seine Augen, Ohren und die Nase verlassen. Und wie passt das zusammen, dass wir am Ende einer Tour körperlich ausgepowert sind und dennoch zur Ruhe kommen? Das klingt zunächst nach einem Widerspruch, aber: „Die körperliche Auslastung fehlt uns im Alltag. Wenn wir uns anstrengen, haben wir das Gefühl, etwas erreicht zu haben und das befriedigt uns“, erklärt Katja Weber.

Mit der Gondel rauf und zu Fuß runter

Karin Kunz, selbst begeisterte Wanderin, hebt die besonderen Vorteile hervor: Die Länge der Strecke lässt sich optimal der verfügbaren Zeit anpassen, von kurz bis mehrtägig. Wer fit ist, kann schnell gehen, wer eher eingeschränkt ist, langsam. Manchmal bietet es sich an mit einer Gondel auf den Berggipfel zu fahren und erst von dort aus hinunterlaufen. Brauchen die Knie Entlastung, können Wanderstöcke helfen.

Und wie bekommt man Wandermuffel auf den Pfad? Hier sind sich beide Expertinnen sicher, dass eine ansprechende sowie angemessene Strecke und ein Belohnungssystem hilfreich sind. Doch der Reihe nach: Je nachdem, wie fit und erfahren die Wanderfreunde sind, soll man sich eine angemessene Streckenlänge und Steigung aussuchen. Der Weg sollte durch eine schöne Landschaft führen, denn ein gerader Betonweg erinnert eher an Arbeit als an Freizeitvergnügen. Sind Kinder dabei, lohnt sich immer ein Zwischenstopp auf einem Spielplatz oder ähnlich attraktive Ablenkung. Sollen Teenager mitkommen, könnten sie beispielsweise für die Streckenorganisation verantwortlich sein und die Aufgabe des Tourleiters übernehmen.

„Das Essen macht nach dem Wandern viel Spaß“

Und Tipps, die für alle Outdoorfreunde gelten: Dem Wetter angepasste Kleidung nach dem Zwiebelprinzip anziehen, genügend Wasser muss in den Rucksack rein. Den Schwierigkeitsgrad immer langsam steigern. Wer sich beim ersten Mal übernimmt, hat keine Lust auf eine Wiederholung. Und bei neuen Wanderschuhen ist zunächst ein Probelauf um den Block sinnvoll.

Wird Wandern als Sport von einigen Menschen womöglich unterschätzt? Katja Weber antwortet darauf mit einem klaren Ja. „Das Wandern kann auch ein Hochleistungssport sein. Reinhold Messner ist auch ein Wanderer.“ Lässt sich dann zusammenfassen: Es ist ein Universalsport? „Auf jeden Fall“, bestätigt die Physiotherapeutin und weist darauf hin, dass auch der Kalorienverbrauch ordentlich sei. „Das Essen macht nach dem Wandern viel Spaß“, lacht sie. Und Karin Kunz gibt in Bezug auf das Essen noch einen Tipp: Die große Einkehr ans Ende der Tour setzen, damit sich die Müdigkeit nicht bemerkbar macht und es womöglich schwierig wird, nach dem Essen weiterzugehen. Außerdem sei die Belohnung am Ende dann umso größer.

Dieser Text erschien erstmals am 2. März 2024 und wurde im Mai 2026 aktualisiert.

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