Bela B Felsenheimers neuer Roman „Fun“ Verstehen Sie Spaß?

Bela B Felsenheimer bei der Vorstellung seines neuen Romans. Foto: IMAGO/Future Image

Bela B Felsenheimer hat einen Roman über Machtmissbrauch geschrieben. Der Schlagzeuger der Ärzte nimmt die Musikindustrie als Aufhänger, zeigt aber auf ebenso clevere wie erschütternde Weise, dass die Geschichte nicht bei Rammstein aufhört.

Was ist das eigentlich genau, Spaß? Wo fängt er an, wo hört er auf? Und was, wenn Spaß auf Kosten anderer geht? Spaß um jeden Preis ist das Thema von Bela B Felsenheimers zweitem Roman „Fun“. Im Gegensatz zu fast allen seiner Kollegen entscheidet sich der Schlagzeuger der Band Die Ärzte aber nicht für eine autobiografische Nabelschau. Sondern für einen Roman über Machtmissbrauch. In der Musikindustrie, aber eben nicht nur da. Rammstein ist überall.

 

Das rief schon Wochen vor der Veröffentlichung zahlreiche Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan. Müsse das denn jetzt auch noch sein, dass ein weißer Cis-Mann einen Roman über Machtmissbrauch und patriarchale Systeme schreibt, denen er in seiner Rolle als berühmter Künstler letztlich auch angehört? Sollte man das denn nicht lieber Frauen oder tatsächlich Betroffenen überlassen? Vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen oder zumindest debattierbar. Aber letztlich am Ziel vorbei.

Ohne Schlagzeug etwas nervös

Schon bei der Premierenlesung in Berlin am 31. März 2025 wird klar, dass es sich Bela B mit diesem Roman nicht eben einfach gemacht hat. Ohne sein Schlagzeug, ohne seine Band wirkt er beinahe etwas nervös, als er in einem auffälligen grünen Anzug auf die Bühne kommt. Er weiß, das Thema ist heikel, er weiß, dass man sich daran nur zu leicht die Finger verbrennen kann. Stilistisch entscheidet er sich für eine gewisse Flapsigkeit, die natürlich in starkem Kontrast zu den Szenen von Missbrauch und Gewalt steht. Das ist nur kurz befremdlich, denn es wird schnell klar, dass er damit eine typisch maskuline Sicht persifliert, nach der sich „Frauen eben einfach mal nicht so anstellen sollen.“

„Fun“ erzählt die Geschichte der fiktiven Band nbl/nbl. Ende 40, misogyn, skrupellos, erfolgreich, rein männlich besetzt, insbesondere bei Aftershow-Partys gern ausschweifend unterwegs. Suchtmittelchen, junge Frauen, einfach bisschen Spaß haben eben. Die Männer zumindest. Natürlich denkt man da automatisch an die Causa Til Lindemann, an all die erschütternden Aussagen von Betroffenen, an das verabscheuenswürdige System, was mit großem Aufwand hinter der Bühne errichtet wurde. Man darf aber nicht den Fehler machen, nur bis dorthin zu schauen. Machtmissbrauch, will „Fun“ sagen, ist so alt wie die Menschheit. Und nicht nur in der Musikbranche zuhause. Oder in der Filmbranche. #metoo ist kein Einzelfall. Sondern ein beklagenswerter Status quo des Patriarchats.

Bela B weiß das. Und macht nicht den Fehler, einfach die Rammstein-Geschichte nachzuerzählen. Vielmehr entwirft er mit viel Genuss am Klischee eine Band aus dermaßen unausstehlichen Typen, dass man sich instinktiv fragt, an welche wenig geliebten realen Vorbilder er diese Musiker angelehnt hat. Auswahl hat einer wie er nach 40 Jahren im Business sicherlich reichlich. Er lässt sie von einem Eklat zum nächsten stolpern, seziert ihr oftmals allzu simples Innenleben und zeigt exemplarisch und mit Grausamkeit, wie Missbrauch in dieser Industrie aussieht und von Mittätern realisiert wird.

Der Erzählstrang eines Apothekers macht exemplarisch deutlich, dass das systemische Ausnutzen von Machtgefälle und patriarchaler Macht aber eben überall praktiziert wird. Der feiste, widerwärtige, durch und durch lächerliche Chef, der versucht, seine junge Auszubildende mit Alkohol und Drogen gefügig zu machen, wird zum Symbol für diese Witzfigur Mann, die nur durch angebliche Überlegenheit überhaupt zu etwas kommt. Das grenzt „Fun“ deutlich von einer reinen Aufarbeitung des Rammstein-Skandals ab. Und zeigt über allem die verzerrte Wahrnehmung, mit der viele Männer durch die Welt trudeln. Das alles ist gewaltvoll erzählt und könnte eine Triggerwarnung vertragen. Die gibt es leider nicht, was berechtigt zu kritisieren ist.

Es passiert überall das gleiche

Auch Kritik an der Ausgestaltung seiner weiblichen Rollen wurde schon bei Erscheinen des Buches laut. Zu stereotyp, was dazu führe, dass man ihnen die Stimme eher nimmt anstatt gibt, weil sie ja eben doch von einem Mann kommt. Auch da ist etwas dran, doch weil „Fun“ grundsätzlich auf Stereotypie setzt und eher geschlechtliche Allgemeinplätze abbildet, erreicht der Roman damit eine Universalität. Er könnte auch an einer Hochschule spielen, beim Finanzamt, im Supermarkt oder einer Versicherung. Es passiert eh überall das gleiche.

Am Ende bekommen all die Männer in Form eines heftig überzeichneten Splatter-Rachefeldzugs, was sie verdienen. Da schimmert natürlich die Horrorliebe des Bela B Felsenheimer durch. Probleme lösen wird er mit seinem Roman jedoch nicht. Ein System abschaffen oder die Nutznießer darin zum Umdenken zwingen wird auch ihm nicht gelingen. Dennoch könnte er mit diesem Roman ein größeres Bewusstsein für ein Problem schaffen, das vor unser aller Augen existiert. Und doch von den meisten hingenommen oder übersehen wird.

Lesen muss man „Fun“ aber bei allem Ballast als das, was es ist: Als locker geschriebenen Roman über die Abscheulichkeiten in einem toxisch-patriarchalen System. Egal, ob mit Gitarre um den Hals oder ohne.

Fun Roman von Bela B Felsenheimer, Heyne Verlag, 368 Seiten, 24 Euro.

Zur Person

Bela B Felsenheimer
wird am 14. Dezember 1962 in Westberlin geboren. 1982 gründet er mit Farin Urlaub die Band Die Ärzte. Bis heute spielt er das Schlagzeug charakteristisch im Stehen. Zwar löst sich die Band bereits 1989 erstmals auf, findet sich aber 1993 mit dem neuen Bassisten Rodrigo González neu zusammen. Ihren großen Durchbruch haben sie im selben Jahr mit „Schrei nach Liebe“. Bis heute konnte die Band über neun Millionen Tonträger verkaufen.

Solokünstler
Neben den Ärzten ist Bela B auch als Solokünstler, Autor oder Schauspieler tätig. Zwischenzeitlich war er auch als Verleger im Comic-Bereich tätig und arbeitete mit der Augsburger Puppenkiste. Nach seinem Debüt-Roman „Scharnow“ ist „Fun“ sein zweiter Roman.

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