Bela B wird 60 Jahre Die geheime Liebe des Ärzte-Drummers zu Stuttgart

Bela B von Die Ärzte ist froh, wieder auf Tour zu sein: „Doch über uns schwebt immer noch das Damokles-Schwert der Pandemie.“ Im Interview erzählt er gemeinsam mit Yvy Pop und Christian Bluthardt von Mondo Sangue über seine musikalische Beziehung zu Stuttgart. Foto: Jörg Steinmetz

Bela B feiert seinen 60. Geburtstag. Der Ärzte-Schlagzeuger hat sich mit uns vor einigen Monaten zum Interview getroffen - und über seine geheime Liebe zu Stuttgart gesprochen. [Plus-Archiv]

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Die Ärzte sind eine der erfolgreichsten Bands des Landes. Mit Humor und einer guten Portion Selbstironie kamen Die Ärzte gut durch die vergangenen 40 Jahre ihres Bestehens, wenn auch mit ein paar Pausen – und mit allerlei Soloprojekten. Schlagzeuger Bela B ist vielseitig interessiert. Seit vier Jahren macht er gemeinsam mit Yvy Pop und Christian Bluthardt von Mondo Sangue Musik. In Heilbronn haben sie sich vor dem großen Die-Ärzte-Stadion-Konzert zum ersten Mal zu dritt getroffen.

 

Bela: Es fühlt sich natürlich super an, endlich wieder auf einer Bühne zu stehen. Doch über uns schwebt immer noch das Damokles-Schwert der Pandemie. Auf allen zurzeit laufenden Touren gibt es Fälle von Covid, ob nun Mick Jagger oder unser Tourbooker. Heute springe ich deshalb bei der Vorband Schrottgrenze als Schlagzeuger ein. Auch hinter der Bühne haben wir zu wenig Arbeitskräfte. Ich bin über jeden Helfer wirklich froh. Ich habe das vielleicht noch nie so wertgeschätzt. Es wird mir so klar wie nie zuvor, dass ohne sie gar nichts läuft.

Wir sitzen heute hier zusammen mit Yvy Pop und Christian Bluthardt von Mondo Sangue. Können Sie bei Die Ärzte nicht alle Ihre musikalischen Vorlieben ausleben?

Bela: Die meisten schon, aber da geht es um die Vorlieben, die wir drei teilen. Doch Soundtracks zu schreiben für Filme, die es nicht gibt, da fehlt uns einfach die Zeit.

Das Stuttgarter Projekt Mondo Sangue macht Musik für fiktive Filme des italienischen Kinos der 1960er und 1970er Jahre. Wie sind Sie zusammengekommen?

Bela: Über einen gemeinsamen Freund. Ich habe ein Soloprojekt dem Genre des Spaghettiwestern gewidmet, zugleich haben Mondo Sangue einen Italowestern-Soundtrack vorbereitet. So kam die Idee auf, weil sie gesehen haben, dass es da einen gibt, der genauso herumspinnt wie sie. Im Laufe der inzwischen vierjährigen Zusammenarbeit hat sich herausgestellt, dass wir noch mehr Vorlieben teilen.

Dann ist Mondo Sangue quasi Ihre Zweitband?

Bela: Zurzeit schon. Ich habe kein anderes festes Nebenprojekt. Meine Gage bei Mondo Sangue sind jedes Mal 20 Platten. Die verteile ich dann fleißig in meinem Umfeld. So habe ich auch Dirk von Lowtzow eine Platte von Mondo Sangue gegeben. Ich wusste, dass er großer Fan des italienischen Filmregisseurs Dario Argento ist, da lag das nahe. Auch für den Herbst gibt es schon neue Pläne mit den Mondos.

Sie sammeln Filme, mögen Horror, Comics, spezielle Musikgenres. Bleiben Sie denn für immer Fan?

Bela: Absolut, und das ist gut so. Fantum ist doch auch eine Form von Demut. Fantum ist auch mehr als Wertschätzung, das ist Anbetung, Faszination und Manie. In meinem Fall oft von Abseitigem. Das bleibt. Da müsste ich schon blind und taub werden, um davon abzulassen. Obwohl ich meinen Ohren schon viel zumute.

Das Konzertleben hat also Spuren hinterlassen?

Bela: Durchaus. Tinnitus schon seit Jahrzehnten.

Wie war es für Sie, Yvy und Christian, als Bela mit Mondo Sangue zusammenarbeiten wollte?

Yvy: Als sich Bela gemeldet hat und gemeint hat, dass wir mal einen Song durchschicken sollen, war die Freude natürlich groß. Den Song hat er dann auf Italienisch und Englisch eingesungen, später auch noch auf Deutsch.

Bela: Mondo Sangue war erst mal nur für einen Gastauftritt gedacht. Dann kam immer etwas mehr, weil es einfach in meine Welt passt.

Christian: Die Zusammenarbeit mit Bela und anderen Musikerinnen und Musikern haben wir vor allem der geteilten Leidenschaft für all die tollen Genre-Filme zu verdanken – ohne diesen gemeinsamen Nenner wären die Synergien wahrscheinlich nicht zustande gekommen.

Zu Ihrer Hauptband: Neulich sind ein paar Punks mit dem 9-Euro-Ticket nach Sylt gefahren und haben dort „Westerland“ gesungen. Ist es ein gutes Gefühl, solche Klassiker geschrieben zu haben?

Bela: Klar, wir sind stolz darauf, wer wir sind und was wir gemacht haben. Wir halten uns auch immer noch für eine relevante Band. Am stolzesten sind wir natürlich immer auf unsere aktuellen Veröffentlichungen, weil das noch frisch ist. Ein paar Sachen – wie etwa „Westerland“ – sind heute Folklore. Wir ruhen uns auf unserem Backkatalog aber nicht aus. Wir haben über den 9-Euro-Spaß auf Sylt sehr gelacht. Dort singt aber eher jeder Straßenmusiker „Westerland“, bestimmt keine Punks, die ihren Einkaufswagen voller Bier durch den Sand schieben.

Apropos lachen: Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Bela: Überlebenswichtig. In einem Film zum Beispiel kommt die Tragik immer mittels Humor besser zur Geltung, genauso wie Humor mit tragischer Note gleich mehr Niveau hat. Auch Musik ist ohne Humor für mich nicht reizvoll. Bei Mondo Sangue gibt es jede Menge Humor. Es wird aber nichts ironisiert, sondern bleibt immer eine Liebeserklärung.

Yvy: Humor ist doch die Basis einer jeden Beziehung. In der Liebesbeziehung oder in der Musik. Der Humor stirbt zuletzt.

Bela: Man muss ihn sich bewahren. Auch jetzt nach zwei Jahren Pandemie – und angekommen mitten in der Sommerwelle. Jedes Konzert hängt an einem seidenen Faden, da ist Humor ein gutes Mittel gegen die Angst.

Neulich habe ich mit Campino gesprochen und ihn im Interview gefragt, welches sein Lieblingslied der Ärzte sei. Welches ist Ihres von den Toten Hosen?

Bela: Ich finde einige ihrer Lieder toll. „1000 gute Gründe“ zum Beispiel. Das ist schon eine gute Band. Die stehen nicht umsonst da, wo sie stehen.

Yvy und Christian, welche Ärzte -Songs haben Sie geprägt?

Christian: Bei mir ist es die Platte „13“. Das ist ein Album meiner Jugend. Da war noch etwas Nerdkram drauf wie „Der Graf“. Die habe ich rauf und runter gehört.

Yvy: Ich bin mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, und auf der Kassette im Walkman lief „Wie am ersten Tag“.

Welche Pläne stehen nun an?

Bela: Mit Die Ärzte haben wir jetzt erst „Nummus Cecidit“ veröffentlicht, auf der es nur Coverversionen von unseren eigenen Liedern gibt. Frei nach unserer eigenen Theorie, dass ein Song nur gut ist, wenn man ihn auch als Ska- oder Rockabilly-Version spielen kann.

Yvy: Oh, ich hätte da eine Idee. Das hat ja Soundtrack-Qualitäten.

Bela: Lass uns das mal außerhalb der Öffentlichkeit besprechen.

Dieser Text erschien erstmals am 28.06.2022. 

 

Bela B,

Bela B
heißt bürgerlich Dirk Felsenheimer und wurde am 14. Dezember 1962 in West-Berlin geboren. Er ist vor allem als stehender Schlagzeuger und Sänger der Punkband Die Ärzte bekannt. In den vergangenen zwei Jahren sind die Alben „Hell“ und „Dunkel“ erschienen.

 

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