Belarussische Aktivistin Maria Kalesnikava - Zurück aus der Haft auf der Bühne in Stuttgart

, aktualisiert am 13.04.2026 - 08:35 Uhr
Maria Kalesnikava (Mitte) mit Natasha López und Hugo Rannou vom Trio vis-à-vis Foto: Oliver Röckle

Die Stuttgarter Musikhochschule feiert die Entlassung der Musikerin und Aktivistin Maria Kalesnikava aus der Haft in Belarus mit einem Konzertabend voller Empathie.

Erst der Beifall, dann die Kunst. Die Frau, um die sich am Freitagabend im Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule alles dreht, will nur ein paar Menschen begrüßen, die in der ersten Reihe sitzen. Doch kaum bemerkt das Publikum ihre Anwesenheit, erheben es sich und jubelt. Maria Kalesnikava verneigt sich, und dann formt sie mit ihren Händen das Symbol, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist: ein Herz.

 

Eigentlich ist mit dieser Szene alles gesagt. Hier die Frau, die von der Musikerin zur politischen Aktivistin wurde und unter schlimmsten Haftbedingungen überlebte. Dort die Menschen, die sie unterstützen, die ihren Mut bewundern und die fraglose Konsequenz, mit der Maria Kalesnikava ihr Leben für ihr Ideal einer demokratischen, solidarischen Gesellschaft zu opfern bereit war. Was für eine Frau, was für ein Vorbild!

„Dieser Abend ist die Rückkehr in mein echtes Leben“

Das hier, antwortet Kalesnikava auf die Anfrage unserer Zeitung, sei nicht nur das Konzert, in dem sie erstmals nach ihrer Freilassung wieder selbst auf der Bühne stehe. Nein, „dieser Abend ist die Rückkehr in mein echtes Leben“. Die „Kombination aus Liebe, innerer Arbeit und der Entscheidung, nicht aufzugeben“ habe ihr geholfen, als ihr der Kontakt zur Außenwelt verwehrt wurde. Wichtig war aber auch die Kunst: „Sie war ein innerer Raum, in den ich mich zurückziehen konnte, selbst in völliger Isolation.“ Etwa 700 Bücher hat sie im Gefängnis gelesen, Goethe, Schiller, Shakespeare, Montaigne, und so haben Gestalten der Literatur die Kette jener Menschen ergänzt, deren Kraft sie auch in schweren Zeiten immer gespürt hat. „Solidarität rettet Leben“, sagt Kalesnikava selbst, als sie am Rednerpult steht, und da vor allem kulturelle Institutionen Menschen verbinden, müsse die Unterstützung von Kunst das zentrale Anliegen einer freien, menschlichen Gesellschaft sein.

Unter den zahlreichen Rednern, die dem Konzert die Aura eines mit Predigten gesättigten Gottesdienstes verleihen, sind die Kunstministerin Petra Olschowski, außerdem Wegbegleiterinnen wie etwa die Saxofonistin Nikola Lutz, die das Programm maßgeblich gestaltet hat. Christine Fischer, Intendantin von Musik der Jahrhunderte, begreift den Abend als Aufforderung an alle: dass wir „unsere Talente einsetzen, um die Kraft der Solidarität wiederzufinden, unsere Demokratie zu verteidigen“; die Kunst müsse „rausgehen aus den Hallen“ und in die Zivilgesellschaft hineinwirken.

Zunächst allerdings bleibt die Kunst im Saal. Wobei die durchweg zeitgenössischen Werke allesamt wirken wie klingende Reflexe auf Gesprochenes. Da sind die Zartheit und der Nachhall der Metallinstrumente in Matthias Hermanns „Echo 3“ für fünf Schlagzeuge (Percussion Ensemble Stuttgart). Da ist das starke Weibliche in Mayke Nas‘ Etüde, in der die Schlagzeugerin Tamara Kurkiewicz ein Paar weißer Stilettos rhythmisch bewegt. Da sind Auszüge aus „Limbo“ von Viktoriia Vitrenko – geht es hier nicht, so wie danach auch in Nikola Lutz‘ „The Babbleline“, um den einsamen Kampf gegen etwas Ungreifbares? Schließlich: „Wie eine Löwin“, ein Stück auf und für Maria Kalesnikava von Klaus Dreher, Nikola Lutz und Remmy Canedo, das maßgeblich getragen wird vom Herzschlag-Rhythmus der großen Trommel und vom leisen Umblättern von Buchseiten.

„Humor hilft, Distanz zu schaffen und die eigene Würde zu bewahren“

Die Kunst ist zart. Die Worte, mit denen Kalesnikava unsere Fragen beantwortet, zeigen Kante und fordern Haltung. Von Europa erwarte sie „Klarheit und Konsequenz“: „Es liegt im Interesse Deutschlands und Europas, dass Belarus nicht vollständig in die Abhängigkeit von Russland gerät.“ Diplomatische Kanäle sollten, wo möglich, wiederbelebt werden. Schließlich gehe es um die Menschen: um „Freiheit, Würde und Zukunft — konkret die Freilassung politischer Gefangener, das Ende der Repressionen und Wege aus der Isolation“. Wichtig dabei: „Ich kämpfe nicht gegen Alexander Lukaschenko. Ich kämpfe für die Belarusen und für Belarus. Das ist ein großer Unterschied.“

Sagt die politische Aktivistin. Und sagt auch die Musikerin, denn Kunst und Politik sind für sie keine Gegensätze. Ebenso wenig wie Ernst und Humor. Dafür steht Kanstantsin Yaskous Stück „The Seasons“, mit dem die Flötistin als Mitglied des Trios vis-à-vis (Natasha López, Hugo Rannou) am Ende des Abends ihr Bühnen-Comeback feiert. Slapstick, Parodie, Darstellung und Musik wirbeln hier wild durcheinander. „Humor“, sagt Maria Kalesnikava, „hilft, Distanz zu schaffen und die eigene Würde zu bewahren.“ Lachend steht sie auf der Bühne und genießt die Wogen der Empathie. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Zwischen Politik und Kunst

Ausbildung
1982 in Minsk geboren, studierte Maria Kalesnikava dort und an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Flöte mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik.

Vita
In Stuttgart war sie Mitgründerin der Neue-Musik-Kollektive SKAM und InterAkt. 2018 wurde sie Social-Media-Beauftragte bei Musik der Jahrhunderte (Festival Eclat). Sie ließ sich zur Speakerin ausbilden, leitete in Minsk ein unabhängiges Kulturzentrum und wurde dort zunehmend zum Gesicht der Oppositionsbewegung gegen den Präsidenten Lukaschenko.

Gefängnis
2020 wurde sie verhaftet und verbrachte mehr als zwei Jahre in Isolationshaft. Seit ihrer Freilassung Ende 2025, der ein Deal zwischen den USA und Belarus voranging, lebt Kalesnikava in Berlin

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