Bernhard Schlink 80 Verstrickte und Verliebte

Am Abgrund zwischen Gefühl und Geschichte: Bernhard Schlink Foto: dpa/Marta Perez

Bernhard Schlink ist nicht der einzige Jurist, der zu Bestsellerehren gekommen ist, mit seinem Roman „Der Vorleser“ aber einer der weltweit erfolgreichsten. An diesem Samstag feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Der Weg vom Recht zur Literatur ist viel begangen. Auch Bernhard Schlink hat ihn zurückgelegt. Für die strenge juristische Pflicht, die er als Professor für Rechtsphilosophie in Frankfurt und Berlin täglich zu absolvieren hatte, entschädigte er sich mit dem Schreiben von Krimis. Sie kreisten um den Privatdetektiv Gerhard Selb, der in seinen Fällen immer wieder mit seiner eigenen Vergangenheit als NS-Staatsanwalt konfrontiert wird. Damit hat Schlink sein Thema gefunden, das er bald über die Genre-Grenzen hinaus spielt. Er schreibt über die Täter und erschließt damit der deutschen Nachkriegsliteratur, die sich bisher vor allem auf die Opfer konzentriert hat, ein neues Feld.

 

Sein Roman „Der Vorleser“ von 1995 über die merkwürdige Lese- und Liebesbeziehung zwischen einem Jungen und einer reumütigen ehemaligen KZ-Wärterin, wurde ein – 2008 mit Kate Winslet verfilmter – Welterfolg. Doch gegen die leichtgängige Weise, in der der am 6. Juli 1944 geborene Sohn eines Theologieprofessors Nazischuld und Nazireue miteinander verschlingt, regte sich auch Widerstand. Sein Roman, in dem die Täterin erst aus Büchern von Elie Wiesel und Primo Levi vom wahren Ausmaß der Verbrechen erfährt, leiste, so einer der Vorwürfe, der Entlastungslegende Vorschub, die Deutschen hätten von allem nichts gewusst und von den Judenmorden erst nach dem Krieg gehört.

Historischen Schicksalsmomente

Auch in Schlinks Roman „Heimkehr“ steht ein Exnazi im Mittelpunkt. Mit dem Erzählband „Sommerlügen“ schlägt der in New York und Berlin lebenden Autor andere Töne an: statt Gewissensnöten und politisch motivierten Schuldfragen geht es um Beziehungsprobleme und Familienkonflikte.

Aber schon im nächsten Roman „Olga“ führt Schlink seine beiden Leidenschaften wieder zusammen: Deutsche Geschichte und standes- wie generationenübergreifende Neigungen. Die Liebe einer Kinderfrau aus ärmsten Verhältnissen zu dem ihr Anvertrauten, einem reichen Gutsbesitzersohn, wird zum Medium historischer Schicksalsmomente, von Bismarck bis heute.

In Schlinks vorerst letztem Roman „Das späte Leben“ kehren sich die Altersverhältnisse um: Über das wohlsituierte Leben eines emeritierten Rechtshistorikers bricht unvermittelt die Krebsdiagnose herein, noch ein halbes Jahr bleibt dem Ehemann einer um 30 Jahre jüngeren Künstlerin, Vater eines sechsjährigen Sohnes, seine Angelegenheiten zu ordnen. Nüchternheit und Gefühl spielen sich bei diesen Zurüstungen zur Sterblichkeit in die Hände. Doch wer es gewagt hat, die Dämonen der deutschen Geschichte durch Vorleselust auszutreiben, weicht auch vor der Aufgabe nicht zurück, die Angst vor dem Tod in einem soliden Gedankenspiel zu zähmen.

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